Dr. Eckart von Hirschhausen: Gemeinschaftsschutz statt Herdenimmunität

166

Wenn Impffreunde mit Impffreunden diskutieren, dann kann keine angeregte Diskussion zustande kommen – könnte man meinen. Doch es geht. Es braucht dazu ein hochkarätig besetztes Podium – und Dr. Eckart von Hirschhausen. Der nutzte das Symposium „Deutschland ist Weltmeister – nur nicht beim Impfen“ auf dem Internisten-Kongress in Mannheim, um die Anwesenden als „Influenzer“ zu animieren, ihre „Botschaft“ noch deutlicher ins Land hinauszutragen.

Mehr als 1.100 Influenza-Tote verzeichnete man in Deutschland in diesem Grippe-Winter – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Dass zeitgleich in einigen Regionen ein verstärktes Wiederauftreten der Masern festgestellt wurde, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Deutschen das Thema Impfen offenbar immer weniger ernst nehmen.

Was tun gegen Impfmüdigkeit?

Informieren und aufklären scheint der beste, vielleicht auch einzige Weg zu sein, sowohl der Impfmüdigkeit als auch der wachsenden Impfskepsis im Land zu begegnen. Das erarbeitete das fast schon traditionelle „Impf-Symposium“, das der Deutsche Ärzteverlag im Rahmen des jährlich stattfindenden Internistenkongresses DGIM durchführt.

Intensiv mit diesem Thema befasst sich die Professorin Cornelia Betsch, Psychologin an der Universität Erfurt. Ihre Untersuchungen zeigten, dass die bestehende Impfmüdigkeit von diversen Faktoren beeinflusst wird. „Je weniger Schutz eine Impfung garantiert, umso mehr sinkt die Bereitschaft, sich damit impfen zu lassen“, bestätigte die Erfurterin. Zudem sorge manche Begrifflichkeit schon für eine Negativierung: Wer von „Herdenimmunität“ spreche, provoziere schon erste Widerstände. „Und wer will schon gerne Teil einer Herde sein?“, fügte Dr. Eckart von Hirschhausen ein.

Dr. Eckart von Hirschhausen interviewt Prof. Cornelia Betsch:

Statt von „Herdenimmunität“ solle man besser von „Gemeinschaftsschutz“ sprechen, regte die Kommunikationsexpertin an. Das betone viel stärker die Sinnhaftigkeit von Impfungen – und die Verantwortung für besonders anfällige Mitmenschen. Und das seien nicht nur Babys, sondern auch Immunsupprimierte wie etwa Transplantierte und andere vulnerable Menschen.

Selbstverständlich bietet Impfen nie einen hundertprozentigen Schutz. So habe etwa der diesmal verwendete Dreifach-Grippe-Impfstoff einen „falschen“ Wirkstoff aus der B-Linie enthalten, wie Professor Lothar Wieler, Veterinärmediziner, Mikrobiologe und Präsident des Robert Koch-Instituts in Berlin, erläuterte. Das könne einfach passieren, weil die Wirkstoffauswahl für die anstehende „Grippesaison“ knapp ein Jahr vorher erfolge, um den Herstellern die notwendige Zeit für die Produktion zu geben. Man arbeite latent an der Optimierung der Wirkstoffe und der richtigen Auswahl, betonte Wieler.

STIKO empfiehlt Vierfach-Impfstoff

Das bestätigte Professor Thomas Mertens. Der Virologe ist Leiter der Ständigen Impfkommission am RKI (STIKO). Die hatte jüngst die Verwendung eines Vierfach-Impfstoffs empfohlen, mit dem der Schutz durch Impfung verstärkt werden könne. Doch selbst eine verbesserte Impfstoff-Evidenz, meint Mertens, helfe nicht, wenn die Durchimpfungsrate „nicht optimal“ sei.

Wenig erklärbar ist aus Sicht der Experten auch die Tatsache, dass nur 30 Prozent des medizinischen Personals geimpft sind – und auch nur 60 Prozent der Ärzte. „Und diese Berufsgruppen haben den intensivsten Kontakt zu den Patienten“, fügte Wieler an. Befragungen ergaben auch deutliche Wissenslücken beim medizinischen Personal über das Impfen.

Wie sehr auch ein Hochleistungssportler wie der Schlagmann des Deutschland-Achters, Hannes Ocik, vom Impfschutz profitiert, erklärte der Ruderweltmeister anhand der Mannschaftsvorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Rio. Selbstverständlich, sagte Ocik, habe sich die Mannschaft gegen das Zika-Virus impfen lassen, „weil wir dahingefahren sind, um zu gewinnen“. Ein anderer, aber eben auch sinnvoller Aspekt des Gemeinschaftsschutzes.

Wie also erreicht man die Menschen zum Thema Impfen?

Flagge zeigen, vor allem dann, wenn man in der Öffentlichkeit steht, forderte Hirschhausen. Das könnte ein Button am Trikot eines Hochleistungssportlers sein – oder auch am Kittel eines behandelnden Arztes. Die Ärzte nämlich, fügte die Kommunikationsforscherin Betsch an, seien als kompetente Berater in Sachen Gesundheit hoch anerkannt. In Erfurt hatte man dazu die Kampagne „Diagnostizieren, intervenieren, evaluieren“ gemeinsam mit Ärzten durchgeführt. Das Ergebnis: Im Anschluss war das Vertrauen der Patienten in die Impfung deutlich gestiegen.

Das gesamte Symposium können Sie sich auch als Webcast auf der Kongressplattform MOC DGIM ansehen.

Beitragsbild: © Bernd Schunk

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Please enter your name here