Dr. Günther Jonitz, Ärztekammer Berlin: „Mehr Arzt und weniger Medizin wäre für alle das Beste“

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Für Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, ist das „autoritär gesteuerte Fließband“ der Krankenhaus-Versorgung am Ende. Besser sei ein System, das sich kontinuierlich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und lernt – auch was alles weggelassen werden kann.

Health Relations: Bereits 1998 haben Sie auf dem 101. Deutschen Ärztetag in Köln die Arbeitsplatzsituation von Krankenhausärzten drastisch beschrieben: Es herrsche Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, das wiederum führe dazu, dass Stationsärzte „um keinen Preis unangenehm auffallen“ wollten. Konflikte blieben verborgen, Missstände und Mehrarbeit könnten klaglos auf den ärztlichen Dienst abgewälzt werden. Fällt Ihre Analyse 2016, also knapp 20 Jahre später, anders aus?

Dr. Günther Jonitz: Es ist nicht wirklich besser geworden. Zwar existiert inzwischen in jedem Krankenhaus ein Fehlerlernsystem (CIRS), in dem Engpässe – auch personelle – in der Patientenversorgung anonym gemeldet werden können, aber es wird noch zu wenig Gebrauch davon gemacht. Dafür stimmen gerade junge Ärztinnen und Ärzte mit den Füßen ab und verlassen Häuser mit indiskutablen Arbeitsbedingungen. Finanzielle Zielvorgaben für leitende Ärzte setzen zusätzliche Anreize, im Personalbereich Geld zu sparen, z. B. durch das Freilassen von Stellen oder durch den Austausch von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten durch Berufsanfänger. Das Grundproblem ist nicht gelöst.

Health Relations: Damals haben Sie angesprochen, dass der unmittelbare Verbündete des nachgeordneten Arztes eigentlich der vorgesetzte Arzt sein sollte. Dass dieser aber eher Partei für die Klinikverwaltung als für den jungen Kollegen ergreife. Und auf dem „Operation Karriere“-Kongress im Juli in Berlin sprachen Sie von einer „fehlenden Werte-orientierten Führung“. Auf junge Ärzte wirkt das doch eher abschreckend…

Jonitz: Junge Ärzte wissen recht gut, was auf sie zukommt, und achten stärker auf die Einhaltung von Arbeitszeiten. Die intrinsische Motivation ist zum Glück noch sehr hoch.

Health Relations: Noch einmal zurück zu Ihrer – offenbar noch aktuellen – Rede von 1998: Sie bezeichneten die „Methode, im Krankenhaus Stellen für Schwangerschaftsvertretung nicht zu besetzen“ als frauenfeindlich. Gibt es denn hier Lichtblicke?

Jonitz: Mit Einschränkung „ja“. Junge Ärztinnen lassen sich die Familienplanung nicht mehr ohne weiteres abspenstig machen, die private Lebensplanung hat erfreulicherweise einen höheren Stellenwert. Auch ist die Kinderbetreuung in Krankenhäusern besser geworden. Gleichwohl ist das Freilassen von Stellen eine beliebte Einsparmöglichkeit für viele Häuser.

Der Arztberuf reicht von „High-Tech“ bis „High touch“, man kann allein, im Team, national oder international arbeiten.

Health Relations: Im Juli in Berlin haben Sie dem Nachwuchs allerdings auch Hoffnung gemacht. Sie sagten, dass sich das Arzt-Sein aus vielen Gründen lohne. Können Sie diese hier noch einmal nennen?

Jonitz: Es gibt keinen Beruf, in dem man durch persönlichen Einsatz Menschen so existentiell helfen kann. Dies gibt eine enorme innere Zufriedenheit. Auch sind die beruflichen Möglichkeiten weiter gestiegen: der Arztberuf reicht von „High-Tech“ bis „High touch“, man kann allein, im Team, national oder international arbeiten. Die Nachfrage ist groß, der Nachwuchs hat wesentlich mehr Auswahlmöglichkeiten als früher. Und die Perspektive, lebenslang gebraucht zu werden, ist gegeben. Ganz nebenbei ist der Arztberuf einer, der den ganzen Menschen fordert und fördert. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, das Wachsen mit den Aufgaben und Möglichkeiten sind großartig.

Health Relations: Sie machen sich für den Humanismus als Grundlage des Medizinerberufes stark – und nicht für den Kapitalismus. Wie erfolgreich ist das in Zeiten von Fallpauschalen und Budgets umsetzbar?

Jonitz: Inzwischen haben auch die Ökonomen erkannt, dass sie nur „Mengen“ und „Kosten“ zählen können, aber nicht sehen, was am Ende für die Patienten tatsächlich herauskommt. Die Gesundheitspolitik wird zunehmend ratlos, ob noch mehr gesetzliche Regelungen die Effizienz und Effektivität der Versorgung steigern. Das „autoritär gesteuerte Fließband“ der Versorgung ist am Ende. Besser und richtig wird es nur durch ein System, das sich kontinuierlich an den Bedürfnissen der Patienten bemisst und „lernt“, auch was alles weggelassen werden kann. Menschen machen Menschen gesund, nicht Technik und Vorschriften. Mehr Arzt und weniger Medizin wäre für alle das Beste. International finden sich diese Ansätze in der „value-based health care“ wieder. Und Humanismus ist die Triebfeder aller Gesundheitsberufe. Ohne diese wird es nicht funktionieren und nicht bezahlbar werden.

Health Relations: Hat der hippokratische Grundsatz des „Primum nil nocere“ in einer durchtechnologisierten Medizin heute noch eine Bedeutung?

Jonitz: Unbedingt! Der ethische Kompass ist absolut und zeitlos gültig. „Salus aegroti“, das Wohl des Anvertrauten, und „zu allererst keinen Schaden anrichten“ gilt für alles und jeden, der mit Patientenversorgung zu tun hat. Nur die Methoden haben sich geändert. Das eine findet man unter der Fahne des Qualitätsmanagements, das andere unter der der Patientensicherheit wieder. Es macht auch das Leben der Ärztinnen und Ärzte leichter, da Fragen wie „Was soll ich tun?“ besser beantwortet werden können.

Health Relations: Sie machen seit Jahren auf die Wertigkeit des Arztberufs aufmerksam. Haben Sie Hoffnung, diesbezüglich bessere Zeiten zu erleben?

Jonitz: Wie Winston Churchill habe auch ich mich für Optimismus entschieden – alle Alternativen machen das Leben schwerer… Scherz beiseite. Je größer die Krise, desto stärker die Not zur Rückbesinnung auf ärztliche Tugenden. Und wenn man die Vorbilder ansieht oder viele der jungen Generation, so ist es deren ureigene humanistische Motivation, die die Patientenversorgung trägt und das eigene Überleben ermöglicht.

Und konkret: Nicht nur in Deutschland wird der Wert der Kommunikation, der sozialen Kompetenzen entdeckt. Sie sollen sowohl im Studium als auch in der Weiterbildung gefördert werden.

Nicht nur in Deutschland wird der Wert der Kommunikation, der sozialen Kompetenzen entdeckt. Sie sollen sowohl im Studium als auch in der Weiterbildung gefördert werden.

Health Relations: In Berlin haben Sie an den Mediziner-Nachwuchs appelliert, sich fachspezifisch und berufspolitisch zu engagieren, sich einzubringen. Ist aus Ihrer Sicht die aktuelle, junge Mediziner-Generation dazu bereit?

Jonitz: Grundsätzlich ja, aber man muss sie abholen und gezielt fördern. Es ist für uns Ärzte wichtig, dass frischer Wind und neues Denken in Gremien Einzug halten kann.

jonitz_opk-berlin_sk_img_3150Dr. med. Günter Jonitz ist seit 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin und Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer. Der Ärztekammer Berlin gehören alle zur Berufsausübung berechtigten approbierten Ärztinnen und Ärzte, die in Berlin ärztlich tätig sind, oder, falls sie ihren Beruf nicht ausüben, ihren Wohnsitz in Berlin haben, an. Zur Zeit sind in der Ärztekammer Berlin rund 30.500 Ärztinnen und Ärzte als Mitglieder registriert.

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