„New Work steht und fällt mit dem mittleren Management“

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Tristan Horx
„Die alte Arbeitswelt muss sich neu erfinden“, ist Zukunftsforscher Tristan Horx vom Zukunftsinstitut überzeugt. © Klaus Vyhnalek

Die Einführung von New Work hat viele Facetten. Neue Arbeitsformen entstehen, Vergütungsmodelle müssen entwickelt und andere Formen des Leaderships gelebt werden. Dabei kommt es vor allem auf ein Umdenken des mittleren Managements an, sagt Tristan Horx vom Zukunftsinstitut in Frankfurt.

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Unternehmen müssen agiler werden, sich neu strukturieren und neue Arbeitsformen realisieren. Was für eine Digitalagentur leicht ist, ist für ein großes Pharmaunternehmen mitunter schwerfälliger umzusetzen. Doch hierarchische Strukturen und patriarchische Führungsstile in Pharmaunternehmen haben in der Welt der New Work keine Zukunft. Es gilt, junge Talente zu gewinnen und gute, erfahrene Kräfte zu motivieren und zu halten.

„Die alte Arbeitswelt muss sich neu erfinden“, ist Zukunftsforscher Tristan Horx überzeugt. Der 29-Jährige beschäftigt sich in seinen Forschungen besonders mit Generation Z, die von ihren Arbeitgebern Workation, Work-Life-Blending und Home-Office erwarten. „Sie arbeiten nicht nach Stunden, sondern nach Produktivität. Aktuell ist der Druck auf dem Arbeitsmarkt massiv, es sind nur wenige junge Talente verfügbar, sodass Unternehmen gezwungenermaßen früher oder später den Wandel einleiten müssen. Wer das verpasst, hat ein echtes Problem.“

Was ist 'New Work'?
In den 1970er Jahren hat der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann den Begriff „New Work“ geprägt. Heute steht er für Arbeitsmodelle, die die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer:innen fördern und es ihnen durch Home-Office, Gleitzeit, Teilzeitarbeit und Arbeit auf Reisen ermöglichen, ihr Leben so flexibel wie möglich zu gestalten. Büroräume werden zu Orten der Zusammenkunft, die das Wir-Gefühl der Mitarbeitenden stärken sollen.

Mittleres Management muss neue KPIs definieren

Neben der Führungsriege ermöglicht oder behindert das mittlere Management den Weg zu einer moderneren Arbeitskultur maßgeblich.  „Die mittlere Führungsebene sind Menschen, die am stärksten von der neuen Arbeitswelt bedroht sind. Häufig ist das Mindset, das sie jahrelang kultiviert haben, einfach nicht mehr interessant. Sie müssen sich neu erfinden“, sagt Tristan Horx. Konkret heißt das, Unternehmen müssen Hierarchien abbauen, mehr Selbstverantwortung der Mitarbeitenden ermöglichen und neue Erfolgskennzahlen festlegen.

Berufsbilder sind komplexer geworden. Die Produktivität, der Output des Einzelnen, lässt sich nicht mehr an abgegoltener Arbeitszeit bemessen. „Manager:innen müssen einen neuen Indikator für Produktivität finden, das ist natürlich tricky, aber die eigentliche Aufgabe, der sie sich nun stellen müssen“, ist Tristan Horx überzeugt. Stellt die Aussicht, glücklichere Menschen zu beschäftigen, einen solchen Wert für ein Unternehmen dar? „Für einen Psychologen oder Soziologen, ja. Studien belegen ziemlich klar, dass glückliche Menschen produktiver und sozialer sind. Aber das ist nicht die Sprache des Managers. Hier muss man anders argumentieren: Mehr Produktivität bedeutet mehr Umsatz und wenn man weniger Bürofläche braucht, weil die Mitarbeitenden im Home-Office arbeiten, sind das weniger Fixkosten.“

Was ist 'New Leadership'?
New Leadership bezeichnet einen neuen Führungsstil, der nicht auf Autorität basiert, sondern eine Vertrauenskultur und Freiräume für die Mitarbeiter:innen schafft. Führungskräfte stärken die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeitenden und befähigen sie, selbst oder gemeinsam Entscheidungen zu treffen. New Leadership führt dazu, dass Strukturen enthierarchisiert werden.

Große Healthcare-Unternehmen könnten die Nase vorn haben

Die Größe eines Unternehmens muss auf dem Weg zum New Work nicht unbedingt von Nachteil sein. „Grundsätzlich stimmt zwar die These ‚Je größer das Schlachtschiff, desto schwerer ist es zu wenden‘, doch gerade kleine und mittelständische Unternehmen haben oft unglaublich spitze Hierarchien und werden von Familienpatriarchen geleitet, die die neue Kultur nicht anwenden wollen“, sagt Tristan Horx.

Größere Unternehmen seien abhängiger vom Zeitgeist. „Hier gehen die Mitarbeiter:innen auch mal schneller zur HR-Abteilung, bei der auch ganz viel von dem Wandel angesiedelt ist, wenn sie unzufrieden sind.“ Ein Wandel, der nicht ohne Verluste und Veränderungen stattfinden wird. „Übergänge und Veränderung in Systemen und Strukturen schmerzen und es wird zu Kündigungen kommen, weil es immer auch diejenigen gibt, die an den alten klassischen Strukturen festhalten wollen.“

Sinnsuche der Gen Z und New Work

Die Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen, benötigt nicht viel Überzeugungsarbeit.  „Sie merken sofort, dass das zu einer Verbesserung ihres Lebens führt. Ich habe das Gefühl, viele Beschäftigte sind da schon einen Tick weiter als das Management“, meint der Zukunftsforscher.

Vor allem der Gen Z wird nachgesagt, dass sie einen Sinn in ihrer Arbeit suchen. Studien bestätigen das: Rund jede:r zweite junge Arbeitnehmer:in sagt, dass er/sie sich selbst verwirklichen möchte und knapp die Hälfte der 16–29-Jährigen findet es wichtig, eine Tätigkeit auszuüben, die gesellschaftlich anerkannt ist. Dies zeigt eine von dem Personaldienstleister Randstad beauftragte Studie.

Die Suche nach dem Sinn in der Arbeit bedeutet aber nicht, dass die Bezahlung unwichtiger geworden ist. „Die Vergütung zeigt mir, wie die Gesellschaft und die Wirtschaft meine Tätigkeit bewerten. Es gibt einen gewissen Einkommenspunkt, den das Unternehmen bieten muss, sodass man sich dann die Sinnfrage stellen kann“, sagtTristan Horx. Aktuell – auch vor der Inflation – müssten jüngere Generationen zwei Drittel ihres Einkommens für Fixkosten ausgeben. Doch die Forderung nach New Work wird nicht nur von den Jungen lauter. Die COVID-19-Pandemie gab vielen Büro-Beschäftigten erstmals die Chance, durch Home-Office ihre Arbeit optimal mit dem Familienleben abzustimmen. Ein Privileg, das zuvor häufig nur Führungskräfte hatten und das viele heute nicht mehr missen möchten.

Fazit: New Work & Healthcare

Für Healthcare-Unternehmen, die an bewährten Strukturen festhalten und sich neuen Formen der Zusammenarbeit verweigern, wird es schwer, junge Talente zu binden. Insbesondere die Gen Z erhebt Forderungen nach einem Wandel des Mindsets. Laut Tristan Horx muss vor allem das mittlere Management tätig werden und neue KPIs definieren.


Tristan Horx: Sinnmaximierung – Wie wir in Zukunft arbeiten
Buch Horx

Durch Technologie und Fortschritt ergeben sich neue Arbeitswelten, die vielen Menschen mehr Selbstbestimmung versprechen. Home-Office, mobiles Arbeiten und auch das Work-Life-Blending sind zukunftsfähige Erwerbskonzepte, für die der Autor Tristan Horx in seinem neuen Buch wirbt.

Emily Klee macht eine Ausbildung zur Medienkauffrau Digital & Print im Deutschen Ärzteverlag und begeistert sich für redaktionelle Arbeit. Ihr Fokus bei Health Relations liegt auf Trendthemen.

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