„Digitalisierung ist zum Buzzword verkommen!“

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© wladimir1804 / Adobe Stock

Reden? Ja. Aber über die richtigen Dinge. Und dann bitte auch ins Doing kommen: Unser Gastautor Andreas Oertel, PR-Berater aus Berlin, appelliert an deutsche  Krankenhausmanager: Macht die Digitalisierung zur Chefsache! Die Belegschaft muss für die Zukunft fit gemacht und als Markenbotschafter für die eigenen Digitalisierungsbestrebungen aufgebaut werden.

Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen kommt in Fahrt. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz  soll ab 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stehen. Das Digitale Versorgungsgesetz schafft die Voraussetzungen für Medizin-Apps, Video-Sprechstunden und E-Rezepte. Allerdings wird der Begriff Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern inflationär benutzt. Egal ob es um die veraltete Computerausstattung oder um den Instagram-Auftritt einer Klinik geht — für alles muss das beliebte Buzzword herhalten. Mitarbeiter, Patienten, aber auch Krankenhaus-Entscheider, sind verunsichert. Was also läuft da schief und was können die Verantwortlichen besser machen?

 Viele sprechen darüber und sagen wenig

Ich befinde mich auf einer Networking-Veranstaltung zum Thema E-Health und stehe mit zwei Geschäftsführern von mittelgroßen Krankenhäusern zusammen. Das Buzzword Digitalisierung fällt. Ein Gesprächspartner freut sich, dass dann endlich sein Drucker geht. Der andere will gleich morgen die “EDV-Abteilung” anrufen, damit sie ihm einen Facebook-Account einrichten. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat eine Meinung dazu. Es müsse “cool werden, dabei zu sein, für Ärzte und für Patienten.“ Klaus Reinhardt, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, stellt fest: “Digitalisierung kann bei Diagnostik und Therapie helfen.” Damit ist alles gesagt — oder auch nicht? Für die Krankenschwester ist immer noch nicht klar, ob sie demnächst von einem Pflegeroboter ersetzt wird. Patienten fragen sich: Finde ich dann meine Gesundheitsdaten im Netz? Liebe Akteure im Gesundheitswesen, bitte sprecht doch mal Tacheles!

Digitalisierung – der Versuch einer Definition

Digitalisierung, ob in einem Krankenhaus oder in irgendeiner anderen Branche, heißt nichts anderes als das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate, um diese zu speichern und zu nutzen. Im Gesundheitswesen bilden die medizinischen Patientendaten die Grundlage, die mittels moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zwischen den Akteuren ausgetauscht werden. Das Anwendungsspektrum reicht von chirurgischen Eingriffen mittels Robotik über eine einheitliche elektronische Patientenakte bis hin zu Apps und virtuellen Trainern für Patienten. Die enorme Anzahl an Möglichkeiten, die Big Data bietet, führt zu einer übermäßigen Nutzung des Begriffs Digitalisierung. Alles, was nur annähernd in einen Binärcode umgewandelt werden kann, bekommt den Stempel “digital”. Die Verunsicherung, gerade in den älteren Bevölkerungsschichten ist groß. Was können also Krankenhäuser tun, die vermeintliche Datenkrake bzw. den angsteinflößenden „Arbeitsplatzfresser“ zu entdämonisieren?

Reden, reden, reden

Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company  liegen die Einsparungspotentiale im Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesen bei 34 Milliarden Euro. Es wäre fahrlässig, wenn eine Klinik nicht schon zumindest über das Thema nachgedacht und als wesentlichen Wettbewerbsvorteil erkannt hat. Doch warum ist darüber so wenig bekannt? Weil die Geschäftsführer bzw. die Kommunikationsabteilungen nicht darüber reden oder einfach nicht genug. Der Pflegekraft muss erklärt werden, dass sie zukünftig einen digitalen Assistenten erhält, der ihr schwere, körperliche Arbeit abnimmt. Dem Patienten muss klar sein, dass bei der Digitalisierung ein sehr hohes Augenmerk auf den Datenschutz gelegt wird, was ein wichtiger Selbstzweck ist: ohne Akzeptanz der Akteure, keine Digitalisierung! Deswegen ist es wichtig, dass Big Data & Co. auf die Agenda sowohl der internen als auch der externen Kommunikation kommt. Der regelmäßig erscheinende Mitarbeiter-Newsletter sollte eine ständige Rubrik “Digitalisierung” besitzen. Über die Öffentlichkeitsarbeit sollte regelmäßig über die Digitalisierungsaktivitäten der Einrichtung berichtet werden.

Die Mitarbeiter abholen und mitnehmen

Krankenhäuser sind immer noch erstaunlich hierarchisch strukturiert. Das Herrschaftswissen bleibt in der Regel der oberen Führungsriege vorbehalten. Getreu dem Motto: Der Chef weiß mehr als die anderen, was mit dem heutigen Arbeitswirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Gerade bei einem schnelllebigen Thema, wie es die Digitalisierung ist, funktioniert diese Einstellung nicht. Mitarbeiter auf der mittleren bis unteren Ebene müssen informiert und für die Zukunft fit gemacht werden. Das Tätigkeitsfeld einer Pflegekraft wird sich in den kommenden Jahren enorm ändern. Die Arbeit am Computer und im Krankenhausmanagement steigt. Doch wie sieht die Realität aus? Wie viel Software- oder Technikschulungen erhält eine Krankenschwester im Jahr? Meine Vermutung ist: keine.
Und damit meine ich nicht die Einweisung in die gerade angeschaffte Endoskopreinigungseinheit. Die Digitalisierung muss ein fester Bestandteil im Fortbildungsplan der Mitarbeiter sein. Die Belegschaft muss für die Zukunft fit gemacht und als Markenbotschafter für die eigenen Digitalisierungsbestrebungen aufgebaut werden.

Digitalisierung zur Chefsache erklären

Geschäftsführer eines Krankenhauses zu sein ist zwar ein spannender, aber beileibe kein einfacher Job. Sie müssen ihre Chefarzt-Riege im Zaum halten, die Betten auslasten und die Kosten in den Griff kriegen. In den letzten Jahren ist eine weitere Qualität hinzugekommen: die Digitalisierungskompetenz. Nun muss ein Chef nicht alles können, er sollte aber zumindest ein Grundverständnis für dieses so wichtige Thema haben und sich unterstützen lassen. Deswegen brauchen Krankenhäuser nicht nur eine Hygiene- und Transfusionsbeauftragten — sie brauchen auch einen Digitalisierungsbeauftragten! Dieser sollte als Stabsstelle bei der Geschäftsführung angegliedert sein und gemeinsam mit der Leitungsebene eine allumfassende Digitalisierungsstrategie entwickeln. Andernfalls fällt das Thema bei der enormen Arbeitsverdichtung unter den Tisch.

Fünf vor Zwölf

Zugegebenermaßen ist meine Sicht auf die Dinge die eines Außenstehenden. Mir ist klar, dass die Patientenversorgung vorgeht und die Mitarbeiter eines Krankenhauses ganz andere Sorgen haben. Trotzdem nähert sich die Digitalisierung mit Siebenmeilenstiefeln. Sind deutsche Krankenhäuser zu spät dran? Ja! Ist es bereits zu spät, auf den Zug aufzuspringen? Nein! Deutsche Krankenhausmanager sollten daher jetzt anfangen und konsequent an der Digitalisierung ihres Geschäftssystems arbeiten. Nur so lassen sich die großen Herausforderungen im deutschen Gesundheitswesen – der demografische Wandel und die Kostenexplosion – eindämmen. Krankenhäuser besitzen in diesem Zusammenhang, ohne pathetisch klingen zu wollen, eine zentrale und wichtige Rolle. Deswegen mein Appell an die deutschen Krankenhausmanager: Jetzt mal endlich Butter bei die Fische!


Hinweis: Gastbeiträge spiegeln nicht die Meinung des Verlages oder der Redaktion wider.

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