Dr. Beate Goetzke, Takeda: „Wir werden nach wie vor Menschen brauchen, die mit ihrem Wissen einordnen können“
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Medical Affairs übernimmt heute in vielen Pharmaunternehmen eine zentrale strategische Rolle. Die Aufgabe geht weit über die Vermittlung medizinischer Informationen hinaus. Medical Teams unterstützen die medizinische Fortbildung, generieren neue Evidenz und stehen im kontinuierlichen Dialog mit Fachkreisen. So tragen sie dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu übertragen, Versorgungslücken besser zu verstehen und die Patientenversorgung weiterzuentwickeln.
Dr. Beate Goetzke, Senior Medical Excellence Manager Insights & Engagement bei Takeda in Deutschland, erklärt im Gespräch, wo Künstliche Intelligenz im medizinischen Bereich der Pharmaindustrie tatsächlich einen Mehrwert schafft, welche Grenzen sie hat und warum eine Genauigkeit von 80 Prozent für manche Aufgaben nicht ausreicht.
Medical Affairs als strategische Funktion
Health Relations: Sie sagen, Medical Affairs verändert sich gerade. Was beobachten Sie konkret?
Dr. Beate Goetzke: Ich beobachte, dass Medical Affairs heute stärker als strategischer Partner wahrgenommen wird. Unsere Aufgabe besteht längst nicht mehr nur darin, wissenschaftliche Informationen bereitzustellen. Wir leisten vielmehr einen aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung der Patientenversorgung.
Diese strategische Rolle zeigt sich insbesondere in der medizinischen Fortbildung, der Generierung neuer Evidenz und der wissenschaftlichen Begleitung von Projekten und Initiativen. Grundlage dafür ist ein fundiertes Verständnis der verfügbaren Daten, der jeweiligen Erkrankung sowie der Bedürfnisse von behandelnden Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten.
Auf dieser Basis kann Medical Affairs wichtige Impulse für die gesamte Organisation geben und dazu beitragen, Entscheidungen noch stärker an wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Versorgungsrealität auszurichten. Bei Takeda steht dieser patientenzentrierte und evidenzbasierte Ansatz im Mittelpunkt unserer Mission: Wir streben danach, die Gesundheit von Menschen weltweit zu verbessern und zu einer besseren Zukunft für die Gesellschaft beizutragen.
Health Relations: Zeigt sich das auch strukturell bei Ihnen im Unternehmen?
Dr. Beate Goetzke:Ja, durchaus. Wir adaptieren derzeit Strukturen, die sich im Commercial-Bereich bereits bewährt haben, und bauen unsere Ressourcen im Bereich Medical Excellence entsprechend weiter aus. Dabei geht es vor allem um eine noch engere und effektivere Zusammenarbeit der verschiedenen Funktionen.
Die Komplexität im Gesundheitswesen nimmt weiter zu: Es gibt viele neue therapeutische Angebote, gleichzeitig aber auch eine hohe Arbeitsbelastung bei Ärztinnen und Ärzten und Kostendämpfungsmaßnahmen. Umso wichtiger wird es, die Arbeit aller Abteilungen stärker auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Die Medizin muss diese Grundlage in eine für alle Kolleginnen und Kollegen verständliche Sprache übersetzen und damit eine Basis für möglichst gut informierte Entscheidungen schaffen.
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Wo KI bei Medical Affairs tatsächlich Wirkung entfaltet
Health Relations: Wie kommt KI hier ins Spiel? Wo setzen Sie KI bei Takeda konkret ein?
Dr. Beate Goetzke:KI kann Medical Affairs vor allem bei standardisierten und zeitaufwendigen Aufgaben unterstützen. Ein Beispiel: Wir nutzen KI bei der Erstellung von internen Protokollen oder prüfen aktuell den Einsatz bei der formalen Prüfung medizinischer Materialien – Stichwort: Quellenangaben. Die KI kann beispielsweise kontrollieren, ob Quellen vollständig angegeben sind und aber auch, ob formale Anforderungen erfüllt werden.
Health Relations: Wo stößt dieses Konzept an Grenzen?
Dr. Beate Goetzke:Im Moment haben KI-Modelle eine Genauigkeit von 75 bis 80 Prozent. Gerade in der Medizin sind verlässliche, nachvollziehbare und quellenbasierte Informationen aber entscheidend. Deshalb müssen Ergebnisse weiterhin durch unsere Fachleute geprüft und eingeordnet werden. KI kann unterstützen und Prozesse effizienter machen – die medizinische Verantwortung und Bewertung bleiben jedoch beim Menschen.
Health Relations: Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, was passiert, wenn Pharmaunternehmen dahingehend ungenau werden?
Dr. Beate Goetzke:KI kann uns dabei unterstützen, Informationen zu recherchieren, zu strukturieren, auszuwerten oder Texte zu optimieren. Sie ersetzt aber nicht die wissenschaftliche Bewertung und Einordnung. Das zeigt auch ein externes Experiment, bei dem eine Wissenschaftlerin eine fiktive Erkrankung mit erfundenen Studien im Internet platzierte. KI-Systeme konnten diese Inhalte anschließend als scheinbar valide Informationen wiedergeben. Gerade deshalb ist es für uns bei Takeda entscheidend, dass Informationen und ihre Interpretation auf wissenschaftlich validierten und qualitätsgesicherten Quellen beruhen. KI-generierte Inhalte werden bei uns durch Expertinnen und Experten geprüft und nach den geltenden Qualitäts- und Compliance-Standards bewertet. Die Verantwortung für fachliche Richtigkeit und Patientensicherheit bleibt beim Menschen.
Health Relations: Verändert KI aus Ihrer Sicht vor allem die Zeit, die man spart, oder eher die Qualität der Arbeit?
Dr. Beate Goetzke:Die Qualität. Nicht unbedingt die Zeit, ich arbeite dadurch nicht weniger, sondern anders.
„Wir müssen uns am Problem orientieren“
Health Relations: Wie führen Sie neue KI-Anwendungen bei Ihren Kolleginnen und Kollegen ein?
Dr. Beate Goetzke: Ich spreche erst einmal mit den Kolleginnen und Kollegen, um zu verstehen, wo genau die Herausforderung liegt. Erst dann schaue ich, welches Tool dafür wirklich einen Mehrwert bieten kann. Danach starte ich einen Piloten, am liebsten mit Menschen, die von der Idee begeistert sind, weil sie ihre Erfahrungen später oft von selbst weitertragen. Wenn sie einen echten Nutzen erkennen, steckt das auch andere an.
Meine Erfahrung ist, dass Rückmeldungen aus den eigenen Reihen viel überzeugender sind, als wenn jemand aus der Medical Excellence Abteilung die Vorteile eines neuen Tools erklärt. Und genauso wichtig ist es, ehrlich zu sein: Wenn ich nach ein paar Monaten feststelle, dass ein Pilot keinen echten Mehrwert liefert, ist es auch völlig in Ordnung, ihn wieder einzustellen.
Und noch etwas: Man muss nicht warten, bis ein Pilot perfekt ist. Wenn eine Lösung zu achtzig Prozent ausgereift ist, kann das für erste interne Tests völlig ausreichen. Wichtig ist, dass die Nutzung zunächst in einem klar definierten Rahmen stattfindet und wir Erfahrungen sammeln. Dann lässt sich gut beurteilen, ob und wie die Lösung weiterentwickelt werden sollte.
Was sich für Marketing ändert
Health Relations: Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Medical und Commercial bei den neuen Insights praktisch aus? Bekommt Commercial die strukturierten Erkenntnisse direkt zur Verfügung gestellt, oder läuft das noch über einzelne Absprachen?
Dr. Beate Goetzke: Der große Unterschied zu früher ist, dass wir Erkenntnisse aus dem Austausch mit Ärztinnen und Ärzten heute deutlich strukturierter erfassen und auswerten. Dadurch lassen sich Trends und wiederkehrende Themen besser erkennen. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Prozesse weiter und lernen, Erkenntnisse noch systematischer aufzubereiten und zu analysieren.
Commercial erhält dabei keine ungefilterten Rohdaten, sondern aggregierte und medizinisch bewertete Erkenntnisse. Diese werden in etablierten cross-funktionalen Formaten besprochen, zum Beispiel in Brand-Team-Runden oder strategischen Planungsgesprächen. Dabei gelten jederzeit die regulatorischen Vorgaben und klar definierte Verantwortlichkeiten zwischen den Funktionen. Der Wert dieser Insights liegt nicht in mehr Daten, sondern darin, relevante Versorgungsbedarfe und Informationsbedürfnisse besser zu verstehen. Dieses Wissen unterstützt fundierte Entscheidungen und hilft, medizinische Informationen gezielter auszurichten.
Health Relations: Und was ändert sich für einen Marketing-Verantwortlichen bei Takeda, wenn Medical mehr Insights liefert und strategisch aufgewertet wird?
Dr. Beate Goetzke: Vor allem verbessert sich die Qualität und Geschwindigkeit der Entscheidungsgrundlage, nicht die Aufgabenverteilung. Wissenschaftliche Signale aus der Versorgungspraxsis können früher und kontextbezogener in strategische Diskussionen einfließen. KI unterstützt uns dabei, die Insights-Einträge schnell zu analysieren, wiederkehrende Themen zu erkennen und qualitätsrelevante Inhalte frühzeitig zu identifizieren. Die medizinische Bewertung und Einordnung bleibt aber weiterhin die Aufgabe von Medical Affairs.
Health Relations: Die Rolle von Medical hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Was würden Sie Marketing-Kolleginnen –und -Kollegen raten, damit die Zusammenarbeit möglichst gut funktioniert?
Dr. Beate Goetzke:Medical sollte nicht erst am Ende eines Prozesses als prüfende Instanz einbezogen werden, sondern von Beginn an als strategischer Sparringspartner. Bei Takeda ist diese Zusammenarbeit bereits fest etabliert. Ich erlebe sie daher als echte Partnerschaft.
Der größte Mehrwert entsteht, wenn beide Perspektiven früh zusammenkommen: Marketing bringt sein Markt- und Kundenverständnis ein, Medical mit seiner wissenschaftlichen Expertise und dem engen Austausch mit medizinischen Fachkreisen. Die Verantwortlichkeiten bleiben klar verteilt. Gemeinsam schaffen wir jedoch eine fundierte Grundlage, um Versorgungsbedarfe, wissenschaftliche Fragestellungen und mögliche Versorgungslücken frühzeitig zu erkennen und besser zu verstehen.
Die größte Fehlerquelle
Health Relations: Was ist die größte Fehlerquelle, wenn man KI-Projekte einführt?
Dr. Beate Goetzke:Ich glaube, die größte Fehlerquelle ist, sich zuerst zu fragen, was mit einem neuen Tool alles möglich ist. Dann läuft man schnell Gefahr, Probleme zu lösen, die man vorher gar nicht hatte. Sinnvoller ist es, zunächst zu überlegen: Wo haben wir eigentlich eine konkrete Herausforderung oder eine Routineaufgabe, die Zeit kostet? Erst dann sollte man nach einem passenden Tool suchen.
Health Relations: Automation Bias ist in Sachen KI ein großes Risiko. Wie schätzen Sie das ein?
Dr. Beate Goetzke:KI-generierte Antworten wirken oft überzeugend, auch wenn sie fehlerhaft sind. Fachleute können solche Fehler aufgrund ihrer Erfahrung meist gut erkennen. Für Patientinnen und Patienten oder weniger erfahrene Anwenderinnen und Anwender ist die Einordnung jedoch deutlich schwieriger.
Deshalb ist ein kritischer Umgang mit KI-generierten Informationen unerlässlich. KI sollte nie als Selbstzweck eingesetzt werden, sondern dort, wo sie einen konkreten Mehrwert bietet. Bei Takeda bleiben wissenschaftliche Expertise, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen entscheidend. KI kann unterstützen – die Verantwortung für die Bewertung und die daraus abgeleiteten Entscheidungen liegt weiterhin beim Menschen.
Werkzeug oder neue Arbeitswelt?
Health Relations: Wo steht KI bei Medical Affairs in ein bis zwei Jahren?
Dr. Beate Goetzke: Ich persönlich sehe zwei mögliche Entwicklungen: KI bleibt ein unterstützendes Werkzeug, etwa beim Strukturieren und Erstellen von Inhalten. Oder sie verändert unsere Arbeitsweise grundlegend, indem sie Prozesse im Hintergrund weitgehend automatisiert. Erste Ansätze dafür gibt es bereits. Welche der zwei möglichen Zukunftsszenarien sich durchsetzen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Der größte Mehrwert liegt aus meiner Sicht jedoch nicht darin, menschliche Arbeit vollständig zu ersetzen, sondern die Qualität wissenschaftlicher Arbeit und Entscheidungen weiter zu verbessern.
Health Relations: Welchen einen Satz wollen Sie den Menschen sowohl aus dem Bereich Medical und Commercial mitgeben?
Dr. Beate Goetzke:Vergesst die Menschen dahinter nicht. Wir werden weiterhin Expertinnen und Experten brauchen, die Informationen mit ihrem Wissen einordnen und kritisch bewerten können. Dieses Wissen müssen wir bewahren und kontinuierlich weiterentwickeln. Denn entscheidend ist nicht, welche Technologie wir einsetzen, sondern welchen konkreten Beitrag wir damit für Patientinnen und Patienten leisten.


