„Den Chefarzt strebe ich nicht an“

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Max Tischler, Sprecher des Bündnisses Junge Ärzte, ©privat

Junge Ärzte haben keine Lust auf den Chefarzt-Posten? Stimmt! Dabei ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, durchaus vorhanden. Es fehlt nur an kreativen Lösungen.

„Mein Weg führt mich in die Praxis, den Chefarzt strebe ich nicht an“, sagt Max Tischler, Sprecher vom Bündnis Junge Ärzte und derzeit Assistenzarzt in der Dermatologie. Er hat gute Chancen, dieses Ziel umzusetzen, denn es gibt viele Kreisregionen, in denen die Neugründung oder Übernahme einer Praxis im Bereich der Dermatologie möglich ist.

Max Tischler ist kein Einzelfall. Vielen jungen Medizinern geht es ähnlich. Jeder zweite Medizinstudent kann sich zu Beginn des Studiums noch vorstellen, Chefarzt zu werden. Am Ende des Studiums, wenn klinische Erfahrungen während des Praktischen Jahrs gesammelt wurden, ist es nur noch jeder Vierte.

Ja, ich will Chefarzt/Chefärztin werden

„Chefärzte sind einem großen Druck ausgesetzt, weil sie nicht nur die medizinische Verantwortung tragen, sondern auch von der Krankenhausverwaltung Zielvorgaben erhalten, die nicht immer erreichbar sind“, sagt Max Tischler. „Außerdem ist der Bürokratieaufwand hoch. Selbst wenn ein Chefarzt in der Klinik eine Entscheidung schnell getroffen hat, dann dauert es sehr lange, bis sie durch alle Abteilungen durch ist. Ich warte zum Beispiel seit fast einem Jahr auf mein Arbeitszeugnis, das von der Personalabteilung ausgestellt werden muss.“

Es ist aber nicht nur ein strukturelles Problem, sondern auch ein Generationenkonflikt, der zu Reibungen auf den Klinikfluren führt. Bestes Beispiel für den Clash zwischen Jung und Alt ist der Schlagabtausch vor zwei Jahren beim Dialog mit jungen Ärztinnen und Ärzten“ im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt. Prof. Dr. Jakob Izbicki, Direktor der Klinik für Chirurgie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf sagte, dass die Arbeit als guter Chirurg oder als gute Chirurgin nicht mit einer Familie vereinbar sei. Die junge Zuhörer waren über diese Aussage entrüstet, Max Tischler erinnert sich noch heute daran.

Nicht Ärzte, sondern Ärztinnen nehmen Babypause

Das Problematische an dieser Aussage: Jungen Ärztinnen und Ärzten wird die Pistole auf die Brust gesetzt: Kind oder Karriere. Dass die ärztliche Tätigkeit mit der Elternschaft vereinbar ist, wird ausgeschlossen. Tatsächlich gingen im Jahr 2019 eine riesige Mehrheit der Ärztinnen  in Elternzeit und nur ein sehr geringer Anteil der Ärzte. Dabei nimmt die Zahl der Medizinstudentinnen und jungen Ärztinnen seit Jahren zu. Wenn keine Lösungsansätze gefunden werden, wie Familiengründung und Facharztausbildung zusammenpasst, wird sich der Personalmangel in Kliniken verstärken.

Fakt ist, Ärzte und Ärztinnen können sich ihren Arbeitgeber aussuchen. Wenn man als Klinikum gegen flexiblere Arbeitgeber, wie Ärztehäuser, Versorgungszentren, aber auch Gemeinschaftspraxen bestehen will, müssen hierarchische Strukturen aufgebrochen werden. Eine mögliche Lösung: Wenn eine Chefarztstelle nicht besetzt wird, einfach die Position zweimal zu 50 Prozent ausschreiben. Das hat beispielsweise in der Evangelischen Elisabeth Klinik Berlin-Mitte gut geklappt. Dort leiten seit August 2017 die beiden Chefärztinnen Dr. Angelika Behrens und Dr. Vera Stiehr die Abteilung für Innere Medizin.

Auch Max Tischler sieht angesichts einer zunehmenden Feminisierung der Medizin die Notwendigkeit zum Handeln: „Es gibt für jedes Problem eine Lösung, man muss sich nur intensiv genug auf die Suche begeben!“


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