Medizinethikerin Alena Buyx: „Das ist nicht gesund und hat mit seriöser Longevity wenig zu tun.“

© TUM/Lara Freiburger
Worum geht es in diesem Interview?
In diesem Interview ordnet Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technische Universität München und ehemalige Vorsitzende des Deutscher Ethikrats, den aktuellen Longevity-Hype aus wissenschaftlicher, ethischer und gesellschaftlicher Perspektive ein. Sie unterscheidet zwischen gesicherten Erkenntnissen der Altersforschung, unseriösen Selbstoptimierungspraktiken und kommerziellen Interessen in der digitalen Öffentlichkeit. Das Gespräch beleuchtet die Folgen für Ärztinnen und Ärzte, die mit zunehmend informierten, aber auch verunsicherten Patientinnen und Patienten konfrontiert sind. Zudem diskutiert Buyx die Verantwortung von Pharmaindustrie, Politik und Plattformen im Umgang mit Gesundheitskommunikation, Regulierung und Gesundheitskompetenz.
Longevity ist Trendbegriff, Geschäftsmodell und Projektionsfläche zugleich. Zwischen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen, extremen Selbstoptimierungspraktiken und einer digitalen Öffentlichkeit, die sich kaum regulieren lässt, entsteht ein Spannungsfeld, das Ärztinnen und Ärzte sowie die forschende Pharmaindustrie gleichermaßen betrifft. Was ist gesichert, was ist gefährlich und was bedeutet der Hype für die Versorgung und die Kommunikation im Gesundheitswesen? Ein Gespräch mit Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.
Health Relations: Longevity ist gerade sehr präsent in der Öffentlichkeit. Viele Menschen sprechen mit großer Begeisterung darüber und bringen das Thema auch in Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten auf. Wo stehen wir wissenschaftlich wirklich?
Alena Buyx: Wir erleben gerade einen klassischen „Schweinezyklus“. Das Thema kommt in Wellen und erzeugt dann enorme Aufmerksamkeit. Es gibt spannende Studien, die an biologischen Alterungsmechanismen arbeiten und bestimmte Alterungsmechanismen, Substanzen oder Lebensstilmaßnahmen genauer untersuchen. Einige dieser Projekte gehen in klinische Prüfungen und könnten für bestimmte Patientinnen und Patienten wichtige Erkenntnisse liefern.
Gleichzeitig ist der öffentliche Hype weit größer als die wissenschaftlich gesicherte Evidenz. Vieles, was derzeit diskutiert wird, steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir wirklich wissen. Das ist nicht neu, aber im Moment besonders ausgeprägt.
„Die dritte Ebene ist die Welt der Influencerinnen und Influencer. Dort werden extreme Protokolle, vermeintliche Wundermittel und Supplements propagiert, die oft keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben.“
Health Relations: Sie unterscheiden deutlich zwischen seriöser Forschung und sehr extremen Formen der Selbstoptimierung. Was irritiert Sie daran?
Alena Buyx: Was mich daran irritiert, ist vor allem das Maß an Rigidität. Ich habe einen Podcast gehört, in dem eine Frau zunächst ganz vernünftig klang und immer wieder betonte, dass Lebensstilfaktoren wie Bewegung und gute Ernährung belegt, vieles an Maßnahmen wie Nahrungsergänzungsmittel aber nicht evidenzbasiert sei. Je länger das Gespräch dauerte, desto klarer wurde aber, wie extrem streng ihr Alltag reglementiert war. Ihr Leben schien kaum noch außerhalb ihres Longevity-Protokolls stattzufinden. Das ist nicht gesund und hat mit seriöser Longevity wenig zu tun.
Health Relations: Ja, es kippt schnell in Richtung Selbstkasteiung und das ist eben auch nicht der richtige Weg. Aber was passiert gesellschaftlich an dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Hype?
Alena Buyx: Es vermischen sich drei Ebenen. Wir wissen seit Jahrzehnten, was tatsächlich wirkt. Nicht rauchen. Sich ausreichend bewegen. Schlafen. Gesund essen. Sozial eingebunden sein. Eine Aufgabe haben usw. Das sind stabile Erkenntnisse und sie sind nicht kostenintensiv. Jeder kann morgen da was machen, und das bringt was. Parallel dazu gibt es seriöse Forschung, die an interessanten Mechanismen und Substanzen arbeitet und langsam in die klinische Prüfung geht.
Die dritte Ebene ist die Welt der Influencerinnen und Influencer. Dort werden extreme Protokolle, vermeintliche Wundermittel und Supplements propagiert, die oft keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben. Das hat enorme Reichweite, erzeugt aber auch Desorientierung bis hin zu echten Schäden.
„Viele Menschen nehmen Dinge ein, von denen sie nicht wissen, was drin ist“
Health Relations: Diese Entwicklungen gehen an Ärztinnen und Ärzten nicht vorbei. Sie müssen in ihrer medizinischen Arbeit damit umgehen. Wie verändert das die Rolle von Ärztinnen und Ärzten?
Alena Buyx:Ärztinnen und Ärzte müssen heute viel mehr navigieren. Patientinnen und Patienten kommen mit Informationen, die sie irgendwo im Netz aufgeschnappt haben. Sie nehmen Supplements, ohne zu wissen, was sie enthalten oder ob sie miteinander oder mit anderen Medikamenten interagieren. Und sie erwarten Orientierung. Gleichzeitig bleibt der Arbeitsalltag knapp getaktet. Da soll man in wenigen Minuten herausfinden, welche Präparate jemand einnimmt und wie sie wirken. Das ist eine enorme Zumutung und ich ziehe meinen Hut vor Kolleginnen und Kollegen, die damit täglich umgehen.
Health Relations: In der öffentlichen Wahrnehmung fällt auf, dass wissenschaftliche und unseriöse Inhalte immer schwerer unterscheidbar werden. Woran liegt das?
Alena Buyx: Longevity ist ein perfektes Geschäftsmodell. Alle wollen lange und gesund leben, das macht es attraktiv für Unternehmen, die Versprechen verkaufen. Dann kommt eine digitale Öffentlichkeit dazu, in der Aufmerksamkeit das wichtigste Gut ist. Viele Influencerinnen und Influencer geben Ratschläge, ohne qualifiziert zu sein, doch die Art der Vermittlung gibt sich den Anschein von. Gleichzeitig sind die Inhalte emotional, einfach, attraktiv und erreichen Millionen. Das ist eine gefährliche Kombination.
Health Relations: Sie erwähnten es eben, Supplements sind ein großes Thema. Was besorgt Sie daran besonders?
Alena Buyx:Mich besorgt, dass viele Menschen offenbar keinerlei Zurückhaltung haben, Dinge einzunehmen, deren Qualität sie nicht kennen. Nahrungsergänzungsmittel haben keine vergleichbare Regulierung wie Arzneimittel. Sie können verunreinigt sein, sie können interagieren, und es gibt Beispiele von Organschädigungen, wenn man zu viel nimmt. Ich finde es wirklich besorgniserregend, wie unkritisch solche Produkte konsumiert werden. Der Kontrast zu streng kontrollierten Medikamenten ist enorm.
„Die forschende Pharmaindustrie sollte ein Interesse daran haben, darauf hinzuweisen, auf was für einem hohen Sicherheitsniveau Arzneimittel inzwischen hergestellt werden.“
Health Relations: Wie blickt die Pharmaindustrie Ihrer Einschätzung nach auf diese Entwicklungen?
Alena Buyx: Gerade die forschende Pharmaindustrie sollte ein Interesse daran haben, darauf hinzuweisen, auf was für einem hohen Sicherheitsniveau Arzneimittel inzwischen hergestellt werden. Der Kontrast zwischen der strikten Regulierung im Arzneimittelbereich versus dem „Wilden Westen“ bei diesen ganzen zusätzlichen Geschichten ist wirklich enorm. Ich finde das selber immer total abgedreht. Es erstaunt mich, dass so viele Leute so wenig Zurückhaltung zeigen, wenn es darum geht, Sachen zu schlucken. Einfach so, bloß weil das irgendwer im Internet sagt, dass es gut ist.
Und ich nehme an, dass dies auch einer der Gründe ist, warum Pharma wenig in dem Bereich macht. Also da ist Vorsicht vorhanden, und zwar aus gutem Grund. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass die forschenden Pharmaunternehmen mit ihrer Expertise stärker in den Markt einsteigen, damit es mehr qualitativ hochwertige Produkte gibt, die ähnlich der Anforderungen an Arzneimittel hergestellt werden. Ich glaube schon, dass sie das lohnen würde.
„Ich würde mir wünschen, dass die forschenden Pharmaunternehmen mit ihrer Expertise stärker in den Markt einsteigen, damit es mehr qualitativ hochwertige Produkte gibt, die ähnlich der Anforderungen an Arzneimittel hergestellt werden.“
Health Relations: Welche Rolle spielt die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in diesem Zusammenhang?
Alena Buyx:Eine sehr große. Die Zahlen zur Gesundheitskompetenz sind teilweise erschreckend schlecht. Viele Menschen können grundlegende Gesundheitsinformationen nicht einordnen. Ich glaube, wir müssten wir schon in der Schule ansetzen, damit junge Menschen lernen, Informationen zu verstehen und zu prüfen. Das ist außerdem eine essenzielle Kompetenz in einer Welt, in der Desinformation so leicht verbreitet werden kann.
Health Relations: Und was ist mit der Eigenverantwortung? Ist man nicht aus selbst verantwortlich, sich kundig zu machen und präventiv tätig zu werden?
Alena Buyx:Eigenverantwortung ist wichtig und sogar im Sozialgesetzbuch verankert. Aber sie findet immer in einem Umfeld statt, das gesundes Verhalten leichter oder schwerer macht. Wir leben in einer Umgebung mit hochverarbeiteten Lebensmitteln, sedentären Tätigkeiten und zunehmender Vereinzelung. Das erschwert viele Bemühungen. Trotzdem bleibt Eigenverantwortung zentral. Man darf aber nicht in Schuldzuweisungen abrutschen, das verhindert jede konstruktive Diskussion.
Health Relations: In diesem komplexen Geflecht nimmt Gesundheitskommunikation eine zentrale Position ein. Wie verändert Social Media die Gesundheitskommunikation?
Alena Buyx: Dramatisch. Es gibt ein Werbeverbot in der Medizin, das in der Realität kaum wirksam ist. Gesundheitsbehauptungen erreichen Millionen von Menschen, und das oft von Personen, die nicht qualifiziert sind. Manchmal reicht es schon aus, sich ein Stethoskop vor der Kamera umzulegen, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Das muss reguliert werden, denn von selbst löst sich dieses Problem fürchte ich nicht. Die Plattformen profitieren von Aufmerksamkeit und haben wenig Interesse, diese Inhalte einzuschränken. Das ist ein strukturelles Problem, dem wir vermutlich auch auf gesetzlichen Ebenen begegnen müssen.
„Manchmal reicht es schon aus, sich ein Stethoskop vor der Kamera umzulegen, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen.“
Health Relations: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Alena Buyx: Wir brauchen Regulierung. Wer Gesundheitsempfehlungen gibt und keine medizinische Qualifikation besitzt, sollte das klar kenntlich machen müssen. Ein Hinweis, der signalisiert, dass die Information nicht evidenzbasiert ist. Viele halten das für naiv oder nicht umsetzbar. Aber das Gegenteil wäre, nichts zu tun, und das halte ich für falsch. Wir sehen, welchen Schaden unregulierte Gesundheitsinformationen anrichten können. Dass die Regulierung schwierig sein wird, ist kein Grund dafür, gar nichts zu tun.
Health Relations: Viele Diskussionen in der öffentlichen Debatte kreisen um extreme Lebensverlängerung. Wie ordnen Sie das ein?
Alena Buyx: Diese Visionen von 300 oder 400 Jahren Leben sind unseriös, dafür gibt es keinerlei Evidenz. Ein realistischer Bereich sind etwa 120 Jahre, und dass mehr Menschen gesund dieses Alter erreichen, ist möglich. Aber die eigentlichen Herausforderungen liegen woanders: Der demografische Wandel ist längst da. Kinder und Jugendliche sind in diesem Land inzwischen eine Minderheit. Das hat weitreichende Folgen: Renten- und Versicherungssysteme müssen neu gedacht werden. Der klassische Generationenvertrag trägt nicht mehr. Das frühere Verhältnis von Alt zu Jung ist längst so, dass es auf Dauer nicht trägt. Aber das ist die Debatte, die wir eigentlich führen sollten, und keine Ablenkungsdiskussion über unrealistische Longevity-Erwartungen.

