Alexander Unger, AstraZeneca: „Berufe werden durch KI komplexer und erfordern neue Kompetenzen“

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Dr. Alexander Unger, Astra Zeneca, sagt das die Berufe in der Pharma durch KI komplexer werden und neue Anforderungen an die Mitarbeitenden stellen. ©AstraZeneca
Dr. Alexander Unger ist Head of IBEX (Innovation & Business Excellence) bei AstraZeneca und setzt sich tagtäglich mit neuen Anforderungen auseinander, die KI an Berufe in der Pharmaindustrie stellt. Seiner Erfahrung nach werden Berufsprofile komplexer und erfordern neue Kompetenzen.

Health Relations: KI treibt nicht nur neue Entwicklungen in der Pharmaindustrie voran, sie ändert auch Jobprofile. Befassen Sie sich damit?

Dr. Alexander Unger: KI ist definitiv ein aktuelles Thema und das beschäftigt uns auch an verschiedenen Stellen – von Innovationsprojekten bis hin zum Betriebsrat. Der Betriebsrat stellt sich auch Fragen wie: Wie muss die Belegschaft weiterentwickelt werden und hat das Einfluss auf unsere Mitarbeitenden? Wenn ja, auf welche Rolle hat das Einfluss und wie stellen wir uns für die Zukunft auf, damit wir nicht überrollt werden?

Health Relations: Und wie gehen Sie in Bezug auf das Marketing damit um?

Dr. Alexander Unger: In Bezug auf das Marketing schauen wir sehr strategisch auf KI. Wir fragen uns entlang der gesamten Customer Engagement Journey, wie KI unterstützen könnte. Etwa indem Daten besser miteinander vernetzt und Cluster von Kund:innen gebildet werden. Das hilft uns, dynamisch Segmentierungen und Targeting zu verbessern oder Key Opinion Leader zu identifizieren. KI kann uns auch unterstützen, den Content in Marketingkampagnen besser an Präferenzen von Kund:innen anzupassen, sowie neue Formen der Content-Produktion zu entwickeln. Ich glaube, es ist insbesondere dank ChatGPT und ähnlichen Tools für jeden ersichtlich, dass generative KI einen großen Einfluss auf die Generierung von Content im Marketing haben wird, aber eine entscheidende Frage ist, wie man das Operating Model aufsetzen muss, sodass es nicht nur ein nettes Spielzeug ist oder nach einer Pilotphase versandet. Wir müssen skaliert denken.

Welche neuen Kompetenzen braucht es in der Pharma?

Health Relations: Nach welchen Kategorien richten Sie Ihre Strategie aus?

Dr. Alexander Unger: Im Bereich Generativer AI für Marketing Content, haben wir letztes Jahr erfolgreich einen Piloten durchgeführt und testen nun verschiedene Operating Models für eine breitere Implementierung.  Wir fragen uns dabei: Welche Rolle bei der  KI-gestützten Content-Generierung sollen z.B. das Brand Management, das Medical Writing oder Agenturen haben? Und/Oder braucht man sogar ganz neue Rollen dazwischengeschaltet, sogenannte spezialisierte Prompt Engineers? Und welche Qualifikationen braucht diese Person, damit auch guter Marketing-Content effizient generiert werden kann. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es meist mehrere Schleifen braucht. Der erste Prompt bringt nie das Ergebnis, das man haben will – zumindest ist das im Moment noch so.

Die Frage ist ja auch, ob die Maschine bald besser versteht, was Sie haben wollen.

Dr. Alexander Unger: Richtig, das ist ein iterativer Prozess und dafür muss man wiederum gut verstehen, worauf man eigentlich hinauswill. Derzeit sind wir an dem Punkt, dass Menschen nicht durch KI ersetzbar sind, aber eine Person, die KI nutzt ist im Vorteil. Die Tools sind vielmehr ein Mittel, um effizienter, effektiver und kreativer zu arbeiten und so Ressourcen freizulegen und Arbeitslast zu reduzieren. Unsere Ambition ist es, bis 2030 20 neue Medikamente zu launchen. Da können wir KI Unterstützung gut gebrauchen.

Health Relations: Kommen wir noch einmal zurück zu den neuen Berufen wie Promptingenieur:innen. Welche Kompetenzen braucht ein Mitarbeitender oder eine Mitarbeitende, um an diesem Punkt arbeiten zu können?

Dr. Alexander Unger: Was ich damit meine, ist, dass wir kein eigenes Berufsbild eines speziellen Promptingenieur:in brauchen. Das ist eher eine Frage, welche neue Fähigkeiten bisherige Rollen benötigen. Soll beispielsweise Marketing Content generiert werden: Muss man dann noch eine Agentur für die Contenterstellung zwischenschalten oder kann das nicht Brand Manager:in direkt übernehmen? Sie „briefen“ bzw. „prompten“ dann die KI statt eine Agentur. Noch ist die KI nicht so weit, aber womöglich bald.

Health Relations: Wie ist es mit Ihrer eigenen Tätigkeit? Hat sich die auch schon verändert?

Dr. Alexander Unger:  Ja, definitiv. Ich komme ursprünglich aus dem Bereich Data Insights und Analytics. Ich hatte lange die Vorstellung, dass Analyst:innen Grundkenntnisse im Codieren haben müssen. Diese Überzeugung habe ich in den letzten Jahren über Bord geworfen, weil ich sehe, dass Generative AI das obsolet macht. Man kann sich dort den notwendigen Code erzeugen lassen und diesen nicht mehr im Detail verstehen, sondern nur wissen, wie man dies richtig einsetzen kann, um den gewünschten Outcome zu haben.

Arbeitnehmende müssen sich auf die neue Technologie einlassen

Health Relations: Was bedeutet das für die Aus- und Weiterbildung Ihrer Mitarbeitenden?

Dr. Alexander Unger: Man muss sich ständig weiterentwickeln. Ich glaube, strategische, soziale und ethische Kompetenzen werden wichtiger. Vor zehn Jahren hat man vielleicht gesagt, wer coden kann, hat eine gesicherte Zukunft am Arbeitsmarkt. Das ist nicht mehr so. Viele dieser Aufgaben können perspektivisch mittelfristig durch KI ersetzt werden. Eine Ausnahme könnten KI-Entwickler:innen und Forscher:innen mit starkem Spezialwissen sein, aber das sind ja die wenigsten und das ist auch nur in R&D und Randbereichen der Anspruch von Pharmaunternehmen. Sie sind gerade im Marketingbereich eher Endnutzer von KI.

Health Relations: Arbeitnehmende müssen aber auch lernen, sich auf die neue Technologie einzulassen; sie brauchen Flexibilität und Offenheit.

Dr. Alexander Unger: Ich glaube, für diese Flexibilität und auch dieses Einlassen braucht es auf der anderen Seite dann auch Regeln und Grenzen. Meiner Meinung nach ist unsere größte Aufgabe als Menschen, zu überlegen, was wir von der KI wollen und was wir nicht wollen.

Health Relations: Heißt das, Sie führen in Marketingabteilungen Diskussionen über soziale, politische und ethische Aspekte? Das bedeutet doch auch, dass das Gesamtbild komplexer und damit komplizierter wird. Und das wiederum erfordert auch andere Skills von Mitarbeiter:innen.

Dr. Alexander Unger: Ja, früher war im Bereich Technik und Daten immer das Thema Datenschutz ein zentrales. Nun kommen ganz neue Anforderungen hinzu. Wir haben einen eigenen Data & AI Ethik Codex. Die zentralen Werte sind Explainability & Transparenz, Fairness, Accountability, Human-centricity & Social Benefit, sowie Privacy & Security. Alle KI Projekte und Tools müssen durch ein entsprechendes Review laufen, in dem z.B. geprüft wird, wie nachvollziehbar und transparent die KI ist und ob bestimmte Personengruppen benachteiligt werden. Man muss überall Risiko-Scores einschätzen und Wege finden, wie man das adressieren kann.

Health Relations: Wie blicken Sie in die Zukunft? Sehen Sie mehr Gefahren oder überwiegen die Chancen?

Dr. Alexander Unger: Als Technikfan und Optimist muss ich mich immer eher einbremsen lassen. Aber die rasante Entwicklung, die KI in den letzten Jahren genommen hat, wirft auch bei mir Fragen auf, wo das hingeht. Wir sind von den negativen Nebenwirkungen von sozialen Medien auf unsere Gesellschaft überrascht worden. Daraus sollten wir für das Thema KI lernen.  Die Gefahren von KI liegen dabei für mich weniger in ihren ’supermenschlichen‘ Fähigkeiten, die uns als Mensch in der Arbeitswelt und darüber hinaus ersetzen könnten, sondern darin, dass wir menschliche Werte wie Empathie, Autonomie und Ethik vernachlässigen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, KI als Werkzeug zu nutzen, das unsere besten Eigenschaften verstärkt, ethische Standards wahrt und Benefit für uns als Menschheit generiert; insbesondere in sensiblen Bereichen wie Gesundheit. Wenn wir darauf genug Energie verwenden, sehe ich eine rosige Zukunft.


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