Christian Tressel, Boehringer Ingelheim: „Stetig wachsende digitale Pipeline“

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Christian Tressel, Chief Operating Officer BI X, © BI X GmbH
Christian Tressel, Chief Operating Officer BI X, © BI X GmbH
Seit ein paar Jahren entwickelt Boehringer Ingelheim in seinem Digitallabor BI X Innovationen für das Gesundheitswesen. Health Relations hat bei Christian Tressel, Chief Operating Officer der BI X GmbH, nach neuesten Entwicklungen und künftigen Trends gefragt.

In diesem Beitrag lesen Sie:

  • Wo Boehringer Ingelheim derzeit mit seinem Digitallabor steht
  • Welche Produkte darin entstanden sind
  • Was Boehringer Ingelheimaus der Entwicklung gelernt hat
  • Welche Trends Boehringer Ingelheim in Sachen Digitalisierung noch kommen sieht
  • Was in Bezug auf Künstliche Intelligenz noch zu erwarten ist

Health Relations: Vor etwa fünf Jahren hat Ihr Unternehmen das Digitallabor BI X gegründet. Können Sie noch einmal kurz erklären, was der Hintergrund dafür war?

Christian Tressel: Das Thema Digitalisierung ist für unser Unternehmen von strategischer Bedeutung mit Blick auf das Ziel, den Patienten, ob Mensch oder Tier, die Gesundheitsversorgung zu bieten, die sie wirklich brauchen. Die Digitalisierung bietet uns vielfältige Chancen, den Innovationsprozess, aber auch unsere gesamte Wertschöpfungskette zu verbessern. Seit 2017 entwickeln wir als Teil der IT bei Boehringer Ingelheim digitale Gesundheitslösungen. Im Bereich Gesundheitstechnologie besteht hoher Marktdruck, strategische Investoren werden zunehmend aktiv. Die Bedürfnisse von Patienten und Verbrauchern ändern sich schnell und oft unerwartet. Um mit der Geschwindigkeit und Volatilität zukünftiger Märkte Schritt halten zu können, wurde BI X zu einer vollständig agilen Teil-Organisation, einem Hub mit insgesamt ca. 90 Mitarbeitern in Ingelheim und Shanghai, ausgebaut.

Health Relations: Wo stehen Sie derzeit mit dem Digitallabor?

Christian Tressel: Im Juli 2020 haben wir unseren zweiten Standort in Shanghai eröffnet, dem Hotspot für Start-ups in China. Durch die Eröffnung von BI X Shanghai konnten wir unsere Präsenz in einem Markt stärken, der eine ausgeprägte Ausrichtung auf digitale Innovationen im Gesundheitswesen aufweist und eine einzigartige Technologielandschaft bietet.

Um die Vorteile neuer externer Chancen optimal zu nutzen, haben wir Open-Innovation-Methoden implementiert. Dadurch sind wir in der Lage, das externe Innovations-Ökosystem aktiv zu nutzen und neue Möglichkeiten zu erschließen, um einige der identifizierten Innovationsherausforderungen erfolgreich anzugehen. Dabei liegt unser Fokus darauf, die Geschwindigkeit der Innovationsübernahme zu erhöhen und neue Einnahmequellen zu erschließen. Wir arbeiten eng mit akademischen Einrichtungen, Akzelerator- und Inkubator Programmen sowie Start-ups zusammen, um diese Ziele zu erreichen.

Health Relations: Als Sie BI X gegründet haben, war Ihr Anspruch, disruptive Produkte zu entwickeln. Sind Sie dem gerecht geworden? Welche Produkte sind entstanden?

Christian Tressel: Das kann ich nur bejahen. Wir arbeiten experimentell mit neuen Technologien und agilen Methoden außerhalb der täglichen Routine. BI X hilft, Ideen aus den Geschäftsbereichen zu konkretisieren und aus den besten Prototypen iterativ und nutzernah neue Produkte zu entwickeln. Wir haben eine starke Fähigkeit entwickelt, den Markt zu sondieren und fundierte Entscheidungen darüber zu treffen, ob wir eine Initiative ergreifen oder nicht. Insgesamt konnten wir auf diese Weise bereits zwölf Produkte erfolgreich skalieren.

Das Digitallaobor BI X
Das Digitallabor BI X von Boehringer Ingelheim wurde 2017 gegründet.  Es soll mithilfe digitaler Innovationen Partnerschaften im Gesundheitswesen erleichtern. Dabei hat das Unternehmen eine große Bandbreite an möglichen Partnern im Blick, darunter Forschungsgruppen, Start-ups mit Konzepten oder Prototypen zur Prüfung sowie Scale-ups, die bereits über digitale Produkte verfügen und bereit sind, zum Tech-Unternehmen zu wachsen.

Health Relations: Können Sie dafür Beispiele geben?

Christian Tressel: BI X Shanghai hat Anfang des Jahres die digitale Plattform „Consanas Cloud“ auf den chinesischen Markt gebracht. Dabei handelt es sich um ein Internet-Krankenhaus, das das volle Potenzial der digitalen Gesundheitsversorgung nutzt und so eine individuelle Beurteilung der erforderlichen Schlaganfall-Rehabilitationsbehandlung ermöglicht. Consanas Cloud basiert auf KI-Technologie und bietet eine Video-Chat-Funktion für Schlaganfallpatienten und medizinisches Fachpersonal. In Kürze werden wir eine überarbeitete Version der Plattform einführen, die mit neuen und verbesserten Funktionen aufwarten wird. Ein bemerkenswertes Beispiel ist BRASS (Benefit-Risk Analytic System), das ursprünglich von BI X entwickelt wurde. Diese Software ermöglicht es, Muster in den Daten zur Patientensicherheit zu erkennen und die sicherste Therapieoption für Patientinnen und Patienten anzubieten. Durch die Integration von Daten aus verschiedenen Quellen und die Anwendung von Automatisierung und künstlicher Intelligenz stellt BRASS einen Meilenstein sowohl für die Patientensicherheit als auch für Boehringer Ingelheim dar. Im vergangenen Mai erfolgte die Übernahme von BRASS durch Aris Global, wodurch unsere Bestrebungen in den Bereichen Pharmakovigilanz und Patientensicherheit weiter vorangetrieben werden. Durch die breitere Verfügbarkeit von BRASS in der Branche wird dieser Fortschritt ermöglicht.

Health Relations: Lassen Sie uns über Ihre Learnings sprechen – was hat funktioniert, was nicht? Wo gab es Anpassungen?

Christian Tressel:  Die Digitaltransformation war erfolgreich, wie sich deutlich an unserer stetig wachsenden digitalen Pipeline zeigt. Zusätzlich konnten wir Produkte für Schlüsselfunktionen wie Forschung und Entwicklung entwickeln, um die Prozessgeschwindigkeit zu erhöhen.  Durch lokale Ideen-Workshops mit Kolleginnen und Kollegen in Märkten wie den USA, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben wir wertvolle Erkenntnisse gewonnen und unsere Fähigkeit gestärkt, die spezifischen Marktbedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen. Dadurch können wir unsere Strategien besser auf die Bedürfnisse der einzelnen Geschäftseinheiten abstimmen. Darüber hinaus haben wir erkannt, wie wichtig es ist, unsere Methoden, unsere digitale Expertise und unsere Innovationskultur innerhalb von Boehringer Ingelheim zu integrieren. Auf diese Weise statten wir unsere Kolleginnen und Kollegen mit den Fähigkeiten und dem Wissen aus, um digitale Tools und Praktiken zu nutzen und so zum Wachstum und Erfolg unseres Unternehmens insgesamt beizutragen.

Wir sind uns auch der Herausforderungen bewusst, die mit der Rolle des Product Owners einhergehen. Deshalb haben wir Kompetenzen entwickelt, um Personen in dieser wichtigen Position gezielt zu schulen. Durch die Bereitstellung der notwendigen Anleitung und Ressourcen ermöglichen wir es unseren Product Ownern, Komplexität zu meistern, fundierte Entscheidungen zu treffen und digitale Initiativen voranzutreiben. Zusammenfassend spiegeln unsere Bemühungen, lokale Ideen-Workshops durchzuführen, Methoden zu etablieren und Product Owner zu schulen, unser Engagement für kontinuierliche Verbesserung, Marktnähe sowie die Entwicklung eines kompetenten und befähigten Teams wider.

„Digitalisierung muss auf allen Ebenen des Unternehmens und der Infrastruktur stattfinden“

Health Relations: Welche Erkenntnisse in Sachen Digitalisierung haben Sie aus den letzten fünf Jahren gezogen, die sich auf Ihr gesamtes Unternehmen ausgewirkt haben? Und welche Unternehmensbereiche haben besonders davon profitiert?

Christian Tressel: Wir haben festgestellt, dass die Digitalisierung das klassische Pharmageschäft – noch – nicht disruptiv verändert hat. Daher konzentrieren wir uns auf Ergänzungslösungen, die die Entwicklung unserer medizinischen Produkte bestmöglich unterstützen. Für eigenständige kommerzielle digitale Produkte priorisieren wir ausgesuchte Partnerschaften. Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um disruptive, komplexe Lösungen. Digitalisierung muss auf allen Ebenen des Unternehmens und der Infrastruktur stattfinden. Insbesondere bereinigte und integrierte Datenmodelle sind eine Grundvoraussetzung für moderne und integrierte digitale Anwendungen. Dieses Verständnis hat dazu geführt, dass es mittlerweile digitale Team in allen Unternehmensbereichen auch außerhalb der IT-Abteilung gibt.

Health Relations: Welche Trends sehen Sie für die Pharmabranche und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Christian Tressel: 

Neben der akuten Behandlung von Krankheiten, ist eine Verschiebung hin zu präventiven Lösungen zu erkennen. Dieser Paradigmenwechsel erfordert neue Denkweisen und Geschäftsmodelle, die die klassischen Pharmafelder ergänzen. Gerade bei diesem Trend sind in Deutschland noch viele grundsätzliche Klärungen notwendig. Zum Beispiel Datenzugriff auf anonymisierte Patientendaten für forschende Pharmaunternehmen oder Registrierungsprozesse für digitale Gesundheitsanwendungen. Ein weiterer Trend ist die Integration von Diagnosetechnologien ins tägliche Leben der Menschen. Gesundheitliche Aspekte zu Hause überwachen und übermitteln zu können, ist gerade angesichts des Ärztemangels im ländlichen Räumen zwingend notwendig und hilft besonders mobil eingeschränkten Menschen. Virtuelle Rehabilitationskonzepte – z.B. für Schlaganfall-Patienten – ist ein weiteres Gebiet mit hohem Nutzen und Marktpotenzial. Während der Pandemie haben solche virtuellen Ansätze signifikant an Bedeutung gewonnen. Das oben genannte Projekt Consanas Cloud ist ein Beispiel dafür und eine Erfolgsstory auf dem chinesischen Markt.

„KI-basierte Lösungen liefern schnellere und genauere Ergebnisse im Vergleich zu Menschen ohne technische Unterstützung“

Health Relations: Ein weiterer wichtiger Trend für Pharmaunternehmen ist KI. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei Boehringer?

Christian Tressel: 

Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit den Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz und nutzen entsprechende Algorithmen auch schon in der Praxis. An dieser Stelle ist insbesondere das Themenfeld Generative AI zu erwähnen – mit starkem Fokus auf Sprachmodelle, so genannte Large Language Models (LLMs), wie GPT4, auf dem der bekannteste Chatbot, ChatGPT, basiert. Aus technologischer Sicht sind LLMs kein wirklicher Trend mehr, sondern eher „Commodity“ – also ein selbstverständliches Werkzeug unserer Wertschöpfung. Mit Blick auf konkrete Anwendungsfälle innerhalb der Pharma-Wertschöpfungskette birgt dieses Feld unglaublich viel Potenzial. KI-basierte Lösungen liefern schnellere und genauere Ergebnisse im Vergleich zu Menschen ohne technische Unterstützung. In diesem Zusammenhang bereiten wir die Organisation aber nicht nur auf technische Aspekte vor, sondern auch auf die möglicherweise lauernden Risiken. Wie geht man mit öffentlichen Modellen wie ChatGPT um? Unserer Ansicht nach bedürfen alle KI-basierten Ergebnisse einer menschlichen Expertenprüfung, um inhaltliche Korrektheit und Vollständigkeit sicherzustellen.

Health Relations: Wo wird KI bereits jetzt stark eingesetzt und in welchen Bereichen wird das Ihrer Meinung noch kommen?

Christian Tressel: Insbesondere nutzen wir KI-Anwendungen in unseren Produkten im Bereich Forschung und Entwicklung. Aufgrund der extrem großen Datenmengen verzeichnen KI-Lösungen sehr hohe Effizienzgewinne, nicht nur in der Verarbeitung von Big Data, sondern speziell in der Simulation und bei der Vorhersage von möglichen Kombinationen und Ergebnissen. Ein Anwendungsbereich ist auch das Marketing. Hier können mit gezielt trainierten LLMs Kundengruppen und zukünftige Bedürfnisse genauer vorhergesagt werden. Auf dieser Grundlage wäre es möglich, gezielt Kampagnen zu planen und deren Analyse-Ergebnisse wiederum als Input für Optimierungs- und Automatisierungsmodelle zu nutzen. BI X treibt mit großer Dynamik und Innovationskraft disruptive digitale Entwicklungen für Boehringer Ingelheim voran, um den Unternehmenserfolg entscheidend zu stärken.

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