Martin Beck, Boehringer Ingelheim: „In Sachen Nachhaltigkeit braucht man einen holistischen Blick“

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Martin Beck, Koordinator für Nachhaltige Entwicklung bei Boehringer Ingelheim Deutschland © Boehringer Ingelheim

Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim Deutschland setzt sich seit langem für mehr Nachhaltigkeit ein – im eigenen Unternehmen, aber auch bei seinen Zulieferern. Martin Beck, Koordinator für Nachhaltige Entwicklung bei Boehringer Ingelheim Deutschland, berichtet im Interview, welche Maßnahmen seine Firma dafür ergreift und wo die Herausforderungen liegen.

In diesem Beitrag erfahren Sie:

Health Relations: In den letzten Jahren ist Nachhaltigkeit auch in der Pharmaindustrie ein wichtiges Thema geworden. Ihr Unternehmen Boehringer Ingelheim will nach eigenen Angaben bis 2030 klimaneutral werden. Wie wollen Sie das erreichen?

Martin Beck: Sie haben recht, die Aufmerksamkeit für das Thema wird immer stärker – und zwar nicht nur auf Seiten der Fridays For Future-Bewegung, sondern auch bei der Politik und natürlich bei uns, der Pharmabranche. Um Ihre Frage zu beantworten, müssen wir zunächst schauen, wie wir Klimaneutralität definieren, wenn wir davon sprechen. Es gibt ja die Unterteilung in Scope 1, Scope 2 und Scope 3. Die Klimaneutralität für 2030 haben wir für Boehringer Ingelheim für Scope 1 und Scope 2 postuliert. Diese Scopes umfassen alle Bereich, die wir tatsächlich beeinflussen können, wie unsere Energieversorgung, unser Kraftwerk oder unseren Fuhrpark. Hier haben wir uns mit der Klimaneutralität bis in acht Jahren harte Ziele gesetzt.

Was sind Scope 1-, Scope 2- und Scope 3-Emissionen?

Scope 1 – direkte Emissionen

Scope-1-Emissionen sind Emissionen, deren Ursache direkt bei einem Unternehmen liegen oder von ihm kontrolliert werden. Dazu gehören etwa Emissionen aus Energieträgern am Firmen-Standort, wie Erdgas und Brennstoffe, Kühlmittel, sowie Emissionen durch den Betrieb von Heizkesseln und Öfen, die vom Unternehmen verantwortet oder kontrolliert werden. Unter Scope 1 fallen auch Emissionen des eigenen Fuhrparks (z. B. Autos, Lieferwagen, Lkw, Helikopter für Krankenhäuser).

Scope 2 – indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie

Scope 2-Emissionen gehören zu einer der größten Quellen der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Zu dieser Art Emissionen werden indirekte Treibhausgas-Emissionen aus eingekaufter Energie, wie Strom, Wasserdampf, Fernwärme oder -kälte, die außerhalb des Unternehmens erzeugt, aber vom Unternehmen selbst verbraucht werden.

Scope 3 – indirekte Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette

Unter Scope 3 fasst man alle indirekten Emissionen zusammen, die entlang der Wertschöpfungskette entstehen.  Für eine eindeutige Unterscheidung zwischen  Scope 2 und Scope 3, beschreibt die US Enviromental Protection Agency (EPA) Scope 3-Emissionen als „das Ergebnis von Aktivitäten aus Anlagen, die nicht im Besitz Ihres Unternehmens sind oder von ihm kontrolliert werden, aber Ihr Unternehmen diese Aktivitäten innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette unmittelbar beeinflusst.“

Health Relations: Das ist ein guter Anfang, aber wie sieht es mit Scope 3 aus? Diesen Bereich können Sie nicht direkt beeinflussen.

Martin Beck: Bei unserem Unternehmen macht Scope 3 etwa 85 Prozent unseres gesamten Footprints aus.

Health Relations: Das ist eine Menge. Bemühen Sie sich auch hier um mehr Nachhaltigkeit?

Martin Beck: Ja. Wir haben vor kurzem ein Projekt mit tausenden von unseren Lieferanten gestartet, um gemeinsam mit ihnen daran zu arbeiten. Zu Anfang sprechen wir die 100 wichtigsten Lieferanten an, ermitteln, wie diese in Bezug auf Nachhaltigkeit dastehen und was man verbessern kann. Dazu bieten wir sogar Beratungen an. Gerade für kleinere und mittelständische Lieferanten ist das interessant. Wenn wir wirklich etwas für die Nachhaltigkeit tun wollen, reicht die Sicht auf sich selbst nicht, es braucht einen holistischen Blick.

Health Relations: Experten erwarten, dass bald spannende Business-Modelle entstehen, beispielsweise indem Pharmafirmen auf Medikamentenpackungen drucken, wie hoch der CO₂-Verbrauch dafür war. Ist dieser besonders niedrig, wären Konsumenten sicher bereit, mehr für das Produkt zu bezahlen. Können Sie sich solche Szenarien auch vorstellen?

Martin Beck: Ja, aber dafür muss zuerst festgestellt werden, wie hoch der Fußabdruck des jeweiligen Produkts tatsächlich ist und das ist gar nicht so einfach. Wir haben das mal für eines unserer Atemwegsmedikamente ermittelt. Das ist ein enormer Aufwand! Weil man jeden einzelnen Produktionsschritt betrachten muss und auch die anschließende Datenanalyse ist sehr aufwändig. Das ist das eine, also etwas bereits Bestehendes herzunehmen und herauszufinden, welche Wirkung das Produkt auf die Umwelt hat.

Health Relations: Was ist mit den Erkenntnissen aus dieser Analyse passiert? Wie haben Sie sie für Ihre weitere Arbeit genutzt?

Martin Beck: Die Erkenntnisse aus der Untersuchung haben Eingang in Neu- und Weiterentwicklungen gefunden. Unsere Entwickler:innen, z.B. diejenigen, die die Packmittel entwickeln, erhalten nun Trainings, bei denen sie Zugriff auf eine Datenbank erhalten, die genau aufzeigt, welches Material welche Wirkung auf Wasser, Luft und den CO₂-Verbrauch hat. Das Programm haben wir vor zwei Jahren gestartet und ist seitdem fester Bestandteil unserer Produktentwicklung.

Health Relations: Haben Sie weitere Beispiele dafür, wie Ihr Engagement für mehr Nachhaltigkeit Ihre Arbeit beeinflusst?

Martin Beck: Das Thema „Green  IT“ ist ein gutes Beispiel. Unser Ziel ist, dafür zu sorgen, dass Devices wiederverwendet werden oder auf nachhaltigen Entsorgungswegen mit einer sortenreinen Trennung für das verwendete Material enden. Wir arbeiten dazu mit der Firma „Arbeit für Menschen mit Behinderung“ (AFB) zusammen. Das Unternehmen erhält unsere gesamten elektronischen Devices. Es arbeitet mit den Materialien weiter, die noch genutzt werden können und entsorgt die nicht mehr zu verwendenden Reste fachgerecht und korrekt getrennt. Dadurch werden Ressourcen gespart. Hinzu kommt, dass der größte Anteil der Mitarbeiter:innen bei AFB Menschen mit Behinderung sind. Das heißt, hier findet auch noch Inklusion statt. Die aufbereiteten Geräte können unsere Mitarbeitenden privat kaufen. Das kommt bei ihnen gut an und wird gerne genutzt.

Health Relations: Kommen wir noch einmal auf den Pharmabereich zurück. Sie haben einige Maßnahmen beschrieben, die Boehringer Ingelheim für mehr Nachhaltigkeit getroffen hat. Was sind die Herausforderungen dabei?

Martin Beck: Das sind verschiedene. Beispielsweise kann man eine Produktion nicht einfach mal eben auf klimaneutral umstellen. Wie ich bereits erwähnte, ist schon das Scoring sehr aufwändig. Das gilt auch für die Produktion der Arzneimittel. Die verschiedenen Produkte laufen nämlich in der Herstellung über eine Anlage. Diese nun in jeden einzelnen Produktionsschritt auseinanderzunehmen und an einzelnen Stellschrauben zu drehen, ist ein Riesenaufwand. Ich glaube aber, dass die Entwicklung in diese Richtung weitergeht und dass man als Pharmaunternehmen solchen Aufwand in Zukunft betreiben muss.

„Wir können nur dann langfristig machen, worin wir gut sind, wenn wir nachhaltig werden.“

Health Relations: Bei Nachhaltigkeit geht es oft um das Einsparen von Ressourcen oder Energie und letztlich auch Geld. Aber wenn man ehrlich ist, muss man als Pharmaunternehmen erst einmal bereit sein, zu investieren, oder?

Martin Beck: Ja sicher und das sind wir auch. Wenn wir neue Fabrikationsbereiche aufbauen, wird bei uns in Bezug auf Energie für eine Tonne CO₂ 100 Euro ausgegeben, anstatt die derzeit durch die Regierung festgelegten 35 Euro. Das machen wir, um Energie reduzierenden Technologien eine Chance zu geben. Wir investieren also bewusst in alternative Energieformen. In Ingelheim ist z.B. die Errichtung eines Biomassekraftwerks geplant, das 20 Prozent mehr als ein Gaskraftwerk kostet. Zusätzlich wird ein Hektar großer Solarpark am Standort aufgebaut.

Health Relations: Wie spiegeln sich all diese Tätigkeiten in Sachen Kommunikation wider?

Martin Beck: Wir nehmen einerseits verstärkt wahr, dass sich Ärzt:innen dafür interessieren, wie nachhaltig ein Pharmaunternehmen arbeitet. Das muss man auch nach außen kommunizieren. Die Kommunikation nach innen ist aber ebenso wichtig. Wir haben verschiedene Plattformen, über die wir Kolleg:innnen ermuntern, sich zu engagieren, eigene Ideen einzubringen und unser Engagement für Nachhaltigkeit in den Kontext zu stellen. Das geschieht etwa, indem wir uns fragen: Wie machen wir als Boehringer Ingelheim verständlich, dass wir nur dann langfristig das machen können, worin wir gut sind, wenn wir nachhaltig werden. Nachhaltigkeit ist nämlich nicht „nice to have“, sondern die Grundlage unseres Geschäfts.

 

 

 

 

 

 

 

Freie Journalistin im Medizin- und Gesundheitsjournalismus. Für Health Relations berichtet sie über digitale Entwicklungen, Marketing und die neuesten Trends in der Pharmabranche.

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