Seit Ende April 2026 ist OpenEvidence, das in den USA meistgenutzte medizinische KI-Tool, in Europa gesperrt. Mehrere Alternativen rücken nach. Für Pharmamarketer hängt daran auch eine Budgetfrage: Erreichen solche Plattformen die richtigen Ärzte, und bringt eine Investition dort etwas?

Nach Angaben des Unternehmens nutzen im Schnitt über 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in den USA OpenEvidence täglich. In Deutschland läuft die Plattform nicht mehr. Wer sie aus der EU oder Großbritannien aufruft, bekommt einen Hinweis auf wachsende regulatorische Unsicherheit, unter anderem wegen des AI Acts.

Ob der AI Act der wahre Grund ist, wird diskutiert. Manche Kritiker vermuten, das Unternehmen scheue in Wahrheit die Medizinprodukteverordnung. Inzwischen hat die EU die Fristen für Hochrisiko-KI nach hinten geschoben. OpenEvidence ist dennoch weiterhin nicht verfügbar und auch einen Rückkehrtermin hat das Unternehmen nach Angaben mehrerer Quellen nicht genannt. Fest steht jedoch: Deutsche Ärztinnen und Ärzte, die ein spezialisiertes KI-Werkzeug mit Quellenangaben nutzen wollen, müssen Alternativen nutzen.

Welche Alternativen gibt es?

Ein Überblick über einige Angebote, die in Deutschland nutzbar oder angekündigt sind. Alle Angaben zu Funktionen, Preisen und Finanzierung stammen von den Anbietern selbst (Stand Oktober 2026) und sind nicht unabhängig geprüft. Belastbare Zahlen dazu, wie viele Ärztinnen hierzulande welches Tool nutzen, gibt es bislang nicht.

  • AMBOSS

Die Berliner Wissensplattform bietet einen KI-Modus mit dem Assistenten LiSA. Nach Unternehmensangaben erzielte LiSA im Stanford-Harvard-Benchmark NOHARM die höchste Patientensicherheit, noch vor ChatGPT, Gemini und Claude. Der Zugang kostet Geld. Die Kosten: 25 Euro im Monat oder 198 Euro im Jahr für Ärztinnen und Ärzte. Pharmawerbung gibt es nach Unternehmensaussage nicht: Werbung oder ein Sponsoring der Inhalte, etwa durch die pharmazeutische Industrie, schließt AMBOSS aus.

  • UpToDate Expert AI

Das Tool ist die KI-Funktion des Nachschlagewerks von Wolters Kluwer. Wer sie nutzen kann, ist nicht ganz klar. Laut Unternehmen ist Expert AI derzeit nur in den USA verfügbar. International laufen Pilotprojekte an über 230 Standorten in 36 Ländern. Für Kliniken gibt es in Europa die Enterprise Edition. Ob auch niedergelassene Ärzte in Deutschland Zugang bekommen, ist offen. Finanziert wird das Angebot über Abonnements und Lizenzen.

  • Vera Health

 Dahinter steckt ein junges Start-up mit Sitz in San Francisco. Approbierte Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinstudierende können sich registrieren und die Plattform weltweit kostenlos nutzen. Nach eigener Darstellung gibt es keinen Bezahltarif und keine werbegetriebene Monetarisierung in der Antwortoberfläche. Wovon das Angebot langfristig lebt, geht aus den öffentlichen Quellen nicht hervor. Die Eigenauskünfte stehen auf Seiten, auf denen sich Vera Health selbst als Konkurrent von OpenEvidence positioniert.

  • ClariMed

Die Leitliniensuche des Berliner Start-ups Klarvel startete im Januar 2026 und befindet sich in der Seed-Phase. Nach eigenen Angaben durchsucht sie über 2.500 Leitlinien aus mehr als 150 Quellen, darunter AWMF, NVL und ESC, und verlinkt zu jeder Antwort die Originalleitlinie. Einzelärzte nutzen sie kostenlos ohne Anmeldung, Kliniken zahlen laut Anbieter ab 500 Euro im Monat. Anwendung und Datenbank laufen auf Servern in Frankfurt. Die KI-Verarbeitung der Suchanfragen passiert derzeit bei Dienstleistern in den USA. ClariMed betont, kein Medizinprodukt und nicht für diagnostische oder therapeutische Zwecke gedacht zu sein.

  • DR. INFO

Das Produkt wirbt damit, nach der EU-Medizinprodukteverordnung CE-gekennzeichnet und in der EU gehostet zu sein und zitierte Antworten in der Landessprache zu liefern. Die Kennzeichnung lässt sich in der europäischen Datenbank EUDAMED nachprüfen.

  • Eviplex

Die Ausgründung des Forums für medizinische Fortbildung ist seit Ende September am Markt und beruht nach Anbieterangaben auf über 60.000 internationalen Leitlinien und kuratierten Studien. Die Registrierung ist derzeit kostenlos und läuft über die FOMF-Freischaltung mit Fortbildungsnummer. Die Nutzungsbedingungen sehen kostenpflichtige Abos vor. Zu den Antworten schlägt das System passende Vorträge aus dem FOMF-Lernportal vor. Laut Bedingungen ist es kein Medizinprodukt und nicht für patientenbezogene Therapie- oder Medikationsentscheidungen bestimmt.

  • ArztGPT

Die Plattform der Berliner Relativity GmbH bündelt Literaturrecherche, AWMF-Leitlinien, Arztbrief-Generator und GOÄ-Abrechnung. Nach einer siebentägigen Testphase kostet der Zugang 49 Euro im Monat. Nach eigenen Angaben werden Patientendaten vor der KI-Anfrage anonymisiert und in Frankfurt gehostet. Welches Sprachmodell zum Einsatz kommt, nennt der Anbieter nicht. ArztGPT ist kein Medizinprodukt.

Was bedeutet das für das Pharmamarketing?

OpenEvidence war für Ärztinnen kostenlos, denn die Einnahmen sind aus Werbung von Pharma- und Medizinprodukteunternehmen gekommen. Das war in den USA der Kanal, über den Hersteller Ärzte im Moment der Recherche erreichten. Bei den hier vorgestellten Alternativen ist ein solches Angebot öffentlich nicht dokumentiert. Das Unternehmen AMBOSS schließt es ausdrücklich aus. Die Tools finanzieren sich somit über Abos, Lizenzen oder noch gar nicht erkennbar.

Hinzu kommt die hiesige Rechtslage. Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen nämlich nur gegenüber Fachkreisen beworben werden (§ 10 HWG). Demnach müsste ein offenes KI-Tool also verlässlich prüfen, wer es nutzt. Eviplex hat mit Login und Fortbildungsnummer eine solche Verifizierung vorgesehen. Ob daraus in der Folge ein Werbeangebot werden soll, ist nicht ersichtlich.

Eine andere Tür für Informationen, die von Seiten der Pharmaunternehmen kommen, steht an der Inhaltsseite offen. So nennt beispielsweise Eviplex Fachinformationen von Arzneimittelherstellern ausdrücklich als Quelle seiner Antworten. Der Trendbericht von Health Relations beschreibt, dass Ärztinnen sowie Patienten zunehmend KI-Systeme statt Suchmaschinen fragen und GEO zur neuen Disziplin wird. Wo Anzeigenplätze fehlen, rückt folglich die Frage in den Vordergrund, was in den Antworten steht und woher die Information kommt.

Ob sich Investitionen von Seiten der Pharmauntenrehmen in KI-Plattformen für Ärzte lohnen, lässt sich derzeit nicht abschließend beantworten. Es fehlen belastbare Reichweitendaten der einzelnen Anbieter für Deutschland und auch Belege für eine Wirkung auf das Verordnungsverhalten von Medizinern.