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In diesem Beitrag erfahren Sie, wie sich die Rolle von Medical Affairs durch künstliche Intelligenz verändert, warum diese Funktionen heute früher in die klinische Entwicklung eingebunden sind und welche Bedeutung KI-gestützte Systeme für die Informationsverarbeitung von Ärztinnen und Ärzten haben.

Sie lesen, weshalb Vertrauen, Transparenz und wissenschaftliche Qualität entscheidend bleiben, wie sich die Schnittstellen zwischen Industrie und medizinischer Praxis durch KI-Agenten verschieben und warum objektive, fundierte Patientenformationen an Bedeutung gewinnen. Zudem erklärt Michael Hamann, weshalb sich der Fokus von Return on Investment hin zu Return on Education verlagert und wieso Experimentieren und Lernprozesse für die Pharmaindustrie heute unverzichtbar sind.

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die medizinische Kommunikation, sondern auch die Rolle von Medical Affairs in Pharmaunternehmen. Heute sind sie es häufig, die viel früher Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten aufnehmen und im Anschluss wertvolle Informationen an andere Funktionen weitergeben können. Wie weit diese Entwicklung schon reicht und warum Vertrauen wichtiger ist als Technologie, erklärt Michael Hamann, Executive Director EU Medical Affairs bei MSD im Interview auf dem Veeva Commercial Summit in Madrid.

Health Relations:Die Grenzen zwischen Medical und anderen Abteilungen verschwimmen zunehmend. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Michael Hamann: Das stimmt. In den letzten Jahren sind diese Bereiche deutlich enger zusammengerückt. Früher war klar getrennt, wer für welchen Bereich zuständig ist. Dies hatte einen gewissen Silo-Effekt. Heute greifen die Teams stärker ineinander, wobei die Aufgaben nach wie vor klar abgegrenzt sind. In der Medizin ist dies v.a. der wissenschaftliche Austausch. Das liegt auch daran, dass die Themen komplexer geworden sind, etwa durch personalisierte Medizin oder neue Formen der Evidenzgenerierung.

Medical Affairs gestaltet mit

Health Relations:Was bedeutet das für die Zusammenarbeit im Pharmaunternehmen?

Michael Hamann:Wir arbeiten anders. Medical Affairs ist heute viel früher in die klinische Entwicklung eingebunden. Wir diskutieren schon während laufender Studien mit Ärztinnen und Ärzten, welche Daten sie später benötigen. Das hilft, Studien praxisrelevanter zu gestalten und die Kommunikation gezielter auszurichten. Medical Affairs ist dadurch strategischer geworden. Wir gestalten mit, statt nur zu vermitteln.

Health Relations:Gleichzeitig wird die Informationsflut immer größer. Wie behalten Ärztinnen und Ärzte da den Überblick?

Michael Hamann:Die Menge an Daten ist tatsächlich kaum noch manuell zu bewältigen. Schon aus diesem Grund werden Ärztinnen und Ärzte in Zukunft auf KI-gestützte Systeme zurückgreifen. Um die Informationen zu sortieren, zu verknüpfen und zu interpretieren. Das wird zum Beispiel bei der Analyse von Studienergebnissen, der Einordnung von Patientengruppen oder der Interpretation von Biomarkern der Fall sein. Diese Unterstützung ist notwendig, um die Qualität und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung zu sichern.

„Wir werden wahrscheinlich nicht mehr immer direkt mit dem Arzt oder der Ärztin sprechen, sondern mit ihrem KI-Agenten in Kontakt treten“

Health Relations:Das klingt, als ob KI die Kommunikation zwischen Industrie und Ärzteschaft verändern wird.

Michael Hamann: Absolut. Wir werden wahrscheinlich nicht mehr immer direkt mit dem Arzt oder der Ärztin sprechen, sondern mit ihrem KI-Agenten in Kontakt treten. Und umgekehrt werden Ärztinnen und Ärzte Tools nutzen, um Informationen aus unseren Systemen zu ziehen. Entscheidend wird sein, dass diese Schnittstellen verlässlich, neutral und regulatorisch abgesichert sind. Denkbar ist auch, dass wir zertifizierte Plattformen und LLM schaffen, die Ärztinnen und Ärzten die notwendigen gesicherten Informationen zur Verfügung stellen. Die eigentliche Herausforderung ist weniger die Technik selbst, sondern das Vertrauen in sie. Eine kritische Evaluierung von KI generierten Informationen durch wissenschaftlich erfahrene Mitarbeiter bleibt weiterhin von zentraler Bedeutung. Korrekte medizinische Information ist essenziell, da die Patientensicherheit im Vordergrund stehen muss.

Health Relations:Wir sprechen oft über Patient Empowerment. Das passiert auch sehr stark über die Bereitstellung seriöser Informationen.  Welche Rolle spielt die Patientenseite?

Michael Hamann: Die wird immer wichtiger. Patientinnen und Patienten sind heute deutlich informierter, stoßen aber online oft auf veraltete oder falsche Inhalte. Wir dürfen als Industrie keine Werbung machen, aber wir können objektive, wissenschaftlich fundierte Informationen bereitstellen. Damit entlasten wir Ärztinnen und Ärzte, die nicht ständig falsche Narrative korrigieren müssen. Wie sich das genau ausgestalten lässt, darüber diskutiert die Branche derzeit intensiv.

„Der Erfolg medizinischer Kommunikation bemisst sich künftig daran, ob sie Verhalten, Entscheidungen und Patientenergebnisse positiv beeinflusst.“

Health Relations:Wie verändert das die Erwartungen an die medizinische Kommunikation insgesamt? Löst der Return on Education den Return on Investment bald ab?

Michael Hamann:Der klassische Return on Investment wird in Medical zunehmend vom Return on Education abgelöst, also vom messbaren Nutzen für Wissen und Versorgung. Es reicht nicht mehr, einfach Studiendaten zu präsentieren. Wir müssen verstehen, welche Informationen Ärztinnen und Ärzte tatsächlich in ihrem klinischen Alltag unterstützen. Das heißt, wir drehen die Perspektive um: von „Was wollen wir kommunizieren?“ zu „Was brauchen sie wirklich?“. Der Erfolg medizinischer Kommunikation bemisst sich künftig daran, ob sie Verhalten, Entscheidungen und Patientenergebnisse positiv beeinflusst.

Health Relations:Gerade passieren viele Umbrüche, das beinhaltet auch, dass man Dinge ausprobieren muss. Wie sehen Sie das?

Michael Hamann: Wir befinden uns in einer Experimentierphase. Das heißt, die ganze Pharmabranche befindet sich in einem Lernprozess. Wir probieren neue Formate, testen KI-Anwendungen, entwickeln interaktive Lernplattformen. Nicht alles funktioniert sofort, aber das ist normal. Wichtig ist, dass wir ausprobieren, was funktioniert, und dass wir aus Fehlern lernen.

Health Relations:Was nehmen Sie persönlich aus dieser Phase mit?

Michael Hamann:Dass Scheitern dazugehört. Wir müssen den Mut haben, Dinge zu versuchen, auch wenn sie nicht perfekt sind. Innovation entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Versuch, Irrtum und Anpassung. Wir lernen gerade, mutiger zu sein.