Strukturierte Diagnosen, verwertbare Labordaten, belastbares Impfmonitoring: die elektronische Patientenakte birgt für forschende Unternehmen erhebliches Potenzial. Dr. Ahmed Khalifa, Country Medical Director bei MSD Deutschland, erklärt im Interview, warum der Weg dahin über konkrete Use Cases führt, welche Rolle Real-World-Evidence dabei spielt und was es braucht, damit Deutschland zum gefragten Standort für hochwertige Versorgungsdaten wird.

Das Interview in der Zusammenfassung

Was entscheidet über den Erfolg der elektronischen Patientenakte? Für Dr. Ahmed Khalifa, Country Medical Director und Mitglied der Geschäftsführung von MSD in Deutschland, ist die Antwort eindeutig: der konkrete Nutzen. Für die pharmazeutische Industrie entsteht der, wenn Daten strukturiert, interoperabel und wissenschaftlich nutzbar sind. Als idealen Use Case beschreibt Khalifa den elektronischen Impfpass. Er mache die ePA greifbar und verbinde individuellen Mehrwert mit Systemperspektive: digitale Impferinnerung, transparente Information, verlässliche Dokumentation und eine valide Grundlage für Impfmonitoring, etwa durch das Robert Koch-Institut. Ein solcher Use Case könne zeigen, was möglich ist und Akzeptanz schaffen. Derzeit werde die ePA jedoch von Patientinnen und Patienten sowie von Haus- und Fachärztinnen und -ärzten teilweise als Belastung erlebt. Technische Reibungsverluste, komplexe Zugänge und unstrukturierte PDF-Dokumente minimierten den Mehrwert. Für ein forschendes Pharmaunternehmen wie MSD liegt der Hebel deshalb klar in der Datenqualität: Strukturierte Informationen zu Diagnosen, Laborwerten, Medikationen oder Impfungen könnten Real-World-Evidence generieren und die Lücke zwischen kontrollierten Phase-III-Studien und Versorgungsrealität schließen, insbesondere bei Multimorbidität und Kombinationstherapien. Die Nutzung dieser Daten sei klar gesetzlich geregelt, anonymisiert und an wissenschaftliche Zwecke gebunden; Marketing oder Marktforschung seien ausgeschlossen. Die Führungsrolle bei Einführung und Kommunikation der ePA sieht Khalifa bei Politik und Krankenkassen, die Industrie könne jedoch als Sparringspartner unterstützen. Gelingen Struktur, Interoperabilität und Vertrauen, könne Deutschland international zu einem relevanten Standort für hochwertige Real-World-Daten werden, auch im Kontext digitaler Datensouveränität.

Health Relations: Auf der Digital Health Conference 2025 haben Sie den elektronischen Impfpass als priorisierten Anwendungsfall der ePA hervorgehoben. Warum gerade dieser Use Case?

Dr. Ahmed Khalifa: Erstens ist der elektronische Impfpass ein sehr greifbarer Einstieg. Fast jede und jeder kennt das gelbe Heft. Damit wird ein eher abstraktes Digitalthema plötzlich sehr konkret. Und er erfüllt aus meiner Sicht vier zentrale Funktionen: Erstens die Impferinnerung. Wir haben in Deutschland weiterhin in einigen Bereichen zu niedrige Impfraten. Oft fehlt nicht die Bereitschaft, sondern schlicht der Überblick: Wann ist die nächste Impfung fällig? Wann ein Booster? Zweitens die Impfinformation. Versicherte oder Eltern können nachvollziehen, wogegen eine Impfung schützt, wie sie wirkt und warum sie wichtig ist – inklusive möglicher Nebenwirkungen. Drittens die Impfdokumentation. Man sieht auf einen Blick, gegen welche Erreger man geimpft ist. Das ist zum Beispiel für Kitas, Schulen oder Reisen relevant. Viele haben das gelbe Heft irgendwo verlegt oder es ist unvollständig. Und viertens kann eine breite Nutzung auch für das Impfmonitoring hilfreich sein – etwa um zu erkennen, wo bestimmte Populationen nicht ausreichend geimpft sind oder Booster-Dosen nicht wahrgenommen werden. Das wären wichtige Real-World-Insights, etwa für das Robert Koch-Institut. Und ich glaube, was man nicht unterschätzen darf: Wer wegen des Impfpasses in die ePA geht, entdeckt vielleicht weitere Funktionen.

Health Relations: Trotz dieser Vorteile wird die ePA derzeit von Patientinnen und Patienten sowie von Haus- und Fachärztinnen und -ärzten in Praxisteams teilweise eher als Belastung oder gar nicht wahrgenommen.

Dr. Ahmed Khalifa: Man muss sich vor Augen halten: Wir stehen noch am Anfang. Ein Punkt ist die technische Umsetzung. Wenn Systeme im Praxisalltag nicht reibungslos funktionieren, ist das bei ohnehin engem Zeitbudget natürlich frustrierend. Das höre ich auch aus Gesprächen. Auch der Zugang für Versicherte ist für manche noch komplex. Und am Ende entscheidet der Mehrwert. Solange viele Informationen nur als PDFs abgelegt sind, bleibt der Nutzen begrenzt. Wenn Diagnosen, Befunde oder Verläufe strukturiert vorliegen, entsteht ein fühlbarer Mehrwert, und damit auch Akzeptanz. Ich bin grundsätzlich positiv gestimmt. Aber es braucht Zeit und kontinuierliche Weiterentwicklung.

„Wenn Diagnosen, Befunde oder Verläufe strukturiert vorliegen, entsteht ein fühlbarer Mehrwert, und damit auch Akzeptanz.“

Health Relations: Stichwort strukturierte ePA-Daten: Wie sehen diese aus der Sicht eines forschendes Pharmaunternehmen wie MSD denn genau aus?

Dr. Ahmed Khalifa: Eben nicht nur PDFs, sondern strukturierte Datensätze, wie es bei Medikationsdaten bereits der Fall ist. Das betrifft Diagnosen, Laborbefunde und Impfdokumentationen. Hilfreich wäre zudem die Verknüpfung mit Registern sowie der Zugang über das Forschungsdatenzentrum, um Analysen durchführen zu können. Wir als Unternehmen erheben sehr hochwertige Daten in randomisierten Phase-III-Studien. Aber der Versorgungsalltag sieht oft anders aus. Stichwort Multimorbidität oder Kombinationstherapien. Strukturierte ePA-Daten könnten dieses Alltagsbild ergänzen. Dafür braucht es internationale Standards.

„Wir als Unternehmen erheben sehr hochwertige Daten in randomisierten Phase-III-Studien. Aber der Versorgungsalltag sieht oft anders aus.“

Health Relations: Datenschutz dominiert häufig die öffentliche Debatte. Verunsichert die Diskussion über die Datennutzung die Menschen?

Dr. Ahmed Khalifa: Ja, das kann geschehen. Deshalb ist es wichtig, immer wieder zu erklären, wie klar die Nutzung geregelt ist. Analysen erfolgen anonymisiert, ein Rückschluss auf einzelne Personen ist nicht möglich. Vorhaben müssen beim Forschungsdatenzentrum eingereicht und geprüft werden und brauchen einen wissenschaftlichen Zweck. Nicht zulässig ist die Nutzung für Werbung, Marketing oder Marktforschung. Viele Menschen geben ihre Daten sehr schnell auf Social-Media-Plattformen preis. Die Nutzung von ePA-Daten ist im Vergleich dazu deutlich strenger reguliert und gesetzlich abgesichert. Hier geht es um wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung der Versorgung.

Health Relations: Können Marketing oder Market Access dennoch indirekt von der ePA profitieren?

Dr. Ahmed Khalifa: Wir generieren wissenschaftliche, publizierte Daten, wie bei Phase-III-Studien auch. Solche Evidenz wird selbstverständlich genutzt. Aber der Ursprung ist wissenschaftlich, nicht kommerziell. Deshalb halte ich es für wichtig, die Spielregeln immer wieder transparent zu machen.

Health Relations: Welche Rolle sollte und kann die Industrie bei der Weiterentwicklung und Akzeptanz der ePA spielen?

Dr. Ahmed Khalifa: Die Führungsrolle liegt klar bei Politik und Krankenkassen. Wenn Pharma hier zu stark sichtbar wird, kann das Misstrauen erzeugen. Wir können aber unterstützen. Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der Praxis-App des BVKJ. Es ist deren App (BVKJ: berufliche Interessenvertretung der Kinder- und Jugendärzt*innen in Deutschland, Anm. der Redaktion), wir als Unternehmen und Kooperationspartner überlegen, wie wir helfen können, sie bekannter zu machen. Darüber hinaus können wir als Sparringspartner agieren. Wir arbeiten eng mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, sind international vernetzt und sehen Bedarfe aus unterschiedlichen Perspektiven.  Am Ende ist es Teamarbeit.

Health Relations: Spielt digitale Datensouveränität in diesem Kontext auch eine Rolle?

Dr. Ahmed Khalifa: Ja, das tut sie. Das kann zusätzlichen Antrieb geben, eigene Strukturen konsequent auszubauen.

„Ich würde mir wünschen, dass man in fünf Jahren sagt: Lass uns nach Deutschland schauen. Dort bekommen wir strukturierte, qualitativ hochwertige Versorgungsdaten.“

Health Relations: Wenn wir fünf Jahre nach vorne schauen: Woran würden Sie persönlich erkennen, dass die ePA ein Innovationsmotor für die Pharmabranche geworden ist?

Dr. Ahmed Khalifa: Ich arbeite viel im internationalen Umfeld. Bei bestimmten Fragestellungen weiß man, in welchen Ländern man schnell hochwertige Real-World-Daten generieren kann. Ich würde mir wünschen, dass man in fünf Jahren sagt: Lass uns nach Deutschland schauen. Dort bekommen wir strukturierte, qualitativ hochwertige Versorgungsdaten. Das würde nicht nur der Forschung helfen, sondern letztlich den Patientinnen und Patienten hier zugutekommen. Idealerweise ist die ePA dann so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen.

Health Relations: Hand aufs Herz: Wie realistisch ist das?

Dr. Ahmed Khalifa: Vor zwei Jahren gab es diese Strukturen noch nicht. Fünf Jahre sind im Gesundheitssystem eine relevante Zeitspanne. Ich hoffe sehr, dass wir große Fortschritte sehen werden. Aber ja: Realistisch betrachtet werden wir vermutlich noch darüber sprechen, aber hoffentlich auf einem deutlich höheren Niveau.

FAQ: ePA – Wo liegt der strategische Hebel?

  1. Warum könnte der digitale Impfpass ein geeigneter Use Case für die ePA sein?
    Weil er individuellen Nutzen und Systemperspektive verbindet. Der Impfpass ist alltagsnah und für nahezu jede Person relevant. Digital kann er Impferinnerung, Information und Dokumentation bündeln – und zugleich strukturierte Daten für Impfmonitoring liefern, etwa für das Robert Koch-Institut. Er eignet sich damit als konkretes Beispiel dafür, wie die ePA Akzeptanz durch spürbaren Nutzen erzeugen kann.
  2. Warum wird die ePA von Patientinnen und Patienten sowie von Haus- und Fachärztinnen und -ärzten in Praxisteams teilweise als Belastung erlebt?
    Weil der konkrete Mehrwert bislang nicht überall erkennbar ist. Technische Reibungsverluste im Praxisalltag, komplexe Zugangsprozesse für Versicherte und vor allem unstrukturierte PDF-Dokumente erschweren die Nutzung. Solange Daten nicht strukturiert und interoperabel vorliegen, bleibt die ePA hinter ihrem Anspruch zurück.
  3. Warum sind strukturierte Daten der zentrale Hebel?
    Strukturierte Daten ermöglichen Vergleichbarkeit, Auswertung und Registeranbindung. Für die Versorgung verbessern sie Informationsflüsse. Für forschende Pharmaunternehmen eröffnen sie die Möglichkeit, Real-World-Evidence aus dem Versorgungsalltag zu generieren – etwa bei Multimorbidität oder Kombinationstherapien, die in Phase-III-Studien nur eingeschränkt abgebildet werden.
  4. Welche Rolle kann die Industrie dabei einnehmen – und wo liegen die Grenzen?
    Die Führungsrolle bei Einführung und Kommunikation der ePA liegt bei Politik und Krankenkassen. Pharmaunternehmen können als Sparringspartner unterstützen, etwa mit Versorgungsinsights oder internationaler Erfahrung. Die Nutzung von ePA-Daten ist jedoch klar gesetzlich geregelt: Sie erfolgt anonymisiert, wissenschaftlich begründet und ist für Werbung, Marketing oder Marktforschung ausgeschlossen.
  5. Woran würde sich aus Sicht eines forschenden Pharmaunternehmens der Erfolg der ePA messen lassen?
    Daran, ob Deutschland zu einem Standort wird, an dem qualitativ hochwertige, strukturierte Real-World-Daten effizient generiert und analysiert werden können. Gelingt dies, stärkt die ePA nicht nur die Versorgung, sondern auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts – insbesondere im Kontext digitaler Datensouveränität.

(Disclaimer: FAQ wurden mit KI generiert)