Takeda hat eine DiGA für Erwachsene mit ADHS gelauncht, die sie beim Krankheitsmanagement unterstützen soll. Wie das Unternehmen dabei vorgegangen ist und was es unternimmt, damit die Anwendung dauerhaft gelistet ist, erklären Daria Radant und Elke Radermacher. Ein Interview über Entwicklung, Launch und wie Patienten dabei eingebunden werden können.

Das Wichtigste im Überblick

ORIKO® ist die erste DiGA für Erwachsene mit ADHS, entwickelt von Takeda in Kooperation mit Mindnet. Sie umfasst die drei Bausteine Psychotherapie, Skills-Training und Psychoedukation. Über Entwicklung und Launch sprechen Daria Radant (Director, Business Unit Neuroscience, Vaccines & Urology, Takeda Germany), die das Projekt strategisch und auf Vertriebsseite bei Takeda verantwortet, und Elke Radermacher (Patient Advocacy Lead, Patient Advocacy, Takeda Germany), zuständig für Patient Engagement bei Takeda. Das Unternehmen hat Ärzte und Patienten frühzeitig in die Entwicklung der DiGA eingebunden. Die Patienten sind dauerhaft Teil des Projektteams. Für die HCP-Ansprache nutzte Takeda Außendienst, Schulungen, Third-Party-E-Newsletter, Fachkongresse wie den DGPPN und edukative Materialien. Ein Therapiemanual verbindet die zwölf Therapie-Module mit der analogen Versorgungspraxis. Organisatorisch entwickelte das Unternehmen die DiGA mit einem interdisziplinären Team aus Market Access, Patient Engagement, Marketing und Medizin. Nach über zehn Monaten am Markt zählt die DiGA über 11.000 Anwenderinnen und Anwender. Das nächste Ziel ist die dauerhafte Listung.Radant regt iterativere Zulassungsprozesse beim BfArM und die regulierte Einbindung von KI an, da Patienten sonst auf nicht regulierte Tools wie ChatGPT ausweichen.

 

Health Relations: Gab es eine konkrete Versorgungslücke, die Takeda dazu bewogen hat, die DiGA zu entwickeln?

Daria Radant: Ja, wir haben als Unternehmen, das sich seit sehr langer Zeit in dieser Indikation bewegt und entsprechend Expertise aufgebaut hat, eine Lücke in der Versorgung gesehen. Was uns als Takeda motiviert und angetrieben hat, war die Chance, ist eine Innovation in dieser Indikation zur Verfügung zu stellen. Es geht darum, dass das Erkrankungsbild ADHS einfach mehr Unterstützung erfordert im Alltag.

Elke Radermacher: Wir verfolgen einen strukturierten modularen Ansatz und stellt praxisnahe, evidenzbasierte Unterstützungsangebote zur Verfügung. Dazu gehören kurze Übungen aus einem verhaltenstherapeutischen Ansatz, die Patientinnen und Patienten gezielt im Alltag anwenden können. Aus Patientensicht hören wir, dass insbesondere diese alltagsorientierten Anwendungen enorm hilfreich wahrgenommen werden und dazu beitragen können, herausfordernde Situationen besser zu bewältigen.

„Wir waren sehr früh auf Kongressen präsent, haben während der Entwicklung Input gesammelt und direkt eingebaut. Digitale Produkte haben ja den Vorteil, dass sich Anpassungen relativ schnell umsetzen lassen.“

Health Relations: Die DiGA richtet sich an Erwachsene mit ADHS. Wie haben sie sich speziell in deren Lebensrealität hineingedacht, damit die App auch wirklich das bietet, was die Zielgruppe benötigt über die medizinischen Angebote hinaus, die es schon gibt?

Elke Radermacher:Wir haben den Dialog mit ADHS-Patient:innen gesucht und Workshops durchgeführt, in denen wir fragten: Was soll die App bewirken? Und ist das wirklich das, was ihr braucht? Welche Anforderungen sollte eine solche Anwendung erfüllen? Für uns stand im Fokus, ob die entwickelten Ansätze tatsächlich den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen. Gleichzeitig haben wir natürlich auch den Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeut:innen die DiGA vorgestellt, um die Einordnung in den Versorgungskontext und die praktische Anwendung zu berücksichtigen. Die Patientenstimme war für uns dabei ein wichtiger Realitätscheck.

Daria Radant:Ein konkretes Beispiel: Patienten haben uns empfohlen, Farben umstellbar zu machen, also einen Hell-/Dunkelmodus anzubieten, und die Wiedergabegeschwindigkeit von Audio- und Videobeiträgen regelbar zu machen. Menschen mit ADHS denken schneller und können Inhalte schneller verarbeiten. Wenn sie sich ein zwei Minuten langes Video in normaler Geschwindigkeit ansehen, werden sie ungeduldig und hören vielleicht gar nicht bis zum Ende zu. Auf unserer Instagram-Plattform folgt uns heute eine sehr große ADHS-Community. Dort laden wir regelmäßig zu Webinaren ein, bei denen Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten über die DiGA sprechen und erklären, was diese digitale Therapie als erste ADHS-DiGA ermöglichen kann.

„Im Vergleich zum letzten Report konnten wir sehen, dass die Verordnung seitens der Facharztgruppen weiter zugenommen hat.“

Health Relations: Über welche Kanäle haben Sie die HCPs angesprochen?

Daria Radant:Wir haben die gesamte Klaviatur an Marketingmaßnahmen eingesetzt, die wir aus der Pharmaindustrie kennen: edukative mediale Aufbereitung, Schulungen, Außendienstpräsenz, Third-Party-E-Newsletter, Präsentationen. Das Wesentliche an der DiGA ist, dass sie ein zugelassenes Medizinprodukt ist, dafür brauchen wir Evidenz. Wir haben eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) mit mehreren hundert Patientinnen und Patienten und sechs Studienzentren in Deutschland durchführen lassen.

Health Relations: Sind Sie in der Launch-Phase bei den Ärztinnen und Ärzten auf Vorbehalte gestoßen?

Daria Radant:Natürlich gibt es ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die DiGA zurückhaltend gegenüberstehen. Aber die überwiegende Mehrheit hat positiv reagiert. Wir haben auf Kongressen sehr umfassend aufgeklärt, und viele Psychiaterinnen und Psychiater, die an der Entwicklung beteiligt waren und darüber hinaus, haben die DiGA sehr offen begrüßt. DiGA sind mittlerweile seit 5 Jahren Bestandteil des GKV-Leistungskatalogs. Laut aktuellem GKV-SV-Report machen sie für Indikationen im Bereich psychische Erkrankungen mit 32 gelisteten DiGA (55 %) den größten Teil aus. Der Bericht zeigt ebenfalls, dass 87 % von Fachkreisangehörigen verordnet werden und im Vergleich zum letzten Report konnten wir jetzt auch sehen, dass die Verordnung seitens der Facharztgruppen weiter zugenommen hat.

Health Relations: Gab es in der Pre-Launch-Phase besondere Hürden oder Learnings?

Daria Radant:Ein zentrales Learning ist die frühzeitige Einbindung der Zielgruppen. Wer an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbei entwickelt, läuft Gefahr, wenig Akzeptanz zu erfahren. Wir sind mit unserem Kooperationspartner Mindnet äußerst bedarfsorientiert vorgegangen: Wir waren sehr früh auf Kongressen präsent, haben während der Entwicklung Input gesammelt und direkt eingebaut. Digitale Produkte haben ja den Vorteil, dass sich Anpassungen relativ schnell umsetzen lassen. Ein weiteres Thema ist die Frage: Kann Pharma DiGA? Wir haben bewiesen, dass Pharma DiGA kann, mit der nötigen Qualität und der Kommunikationsstärke, die ein großes Unternehmen mitbringt.

Elke Radermacher: Die frühzeitige Einbindung wurde von Patientenseite sehr wertgeschätzt. Das hat einen echten Unterschied gemacht.

Takeda ADHS-DiGA
Einblicke in die Funktionen der ADHS-DiGA.
© Takeda
Takeda ADHS-DiGA
Einblicke in die Funktionen der ADHS-DiGA.
© Takeda
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„Das Flugzeug wird weitergebaut, während wir fliegen.“

Health Relations: Ob das Pharmaunternehmen die DiGA-Zulassung wirklich erhält, ist zu Beginn ungewiss. Wie geht Takeda mit dem Risiko um?

Daria Radant:Für mich ist das weniger eine Frage von Risiko als von Commitment. Wir sind dieses Risiko bewusst eingegangen, weil wir als Unternehmen seit vielen Jahren Erfahrung in dieser Indikation haben. Alle Beteiligten haben während des Entwicklungsprozesses mitgefiebert, weil sie selbst beteiligt waren und echten Nutzen erhofft haben.

Health Relations: Wann ist die DiGA für Sie ein erfolgreiches Produkt?

Daria Radant: Es geht nicht um Zahlen, sondern um Qualität. Wir haben jetzt vor über zehn Monaten gelauncht und stehen immer noch im regen Austausch mit Fachärzt:innen, Therapeut:innen, Patientinnen, Patienten, die an der Weiterentwicklung interessiert sind. Das ist für mich persönlich der größte Erfolg. Das Flugzeug wird weitergebaut, während wir fliegen.

„Alle relevanten Funktionen – Market Access, Patient Engagement, Marketing, Medizin – wurden zusammengezogen und als konzentriertes DiGA-Team aufgestellt.“

Health Relations: Welche Prozessketten muss ein Pharmaunternehmen neu aufsetzen, damit die kontinuierliche Weiterentwicklung funktioniert?

Daria Radant: Eine DiGA anzubieten bedeutet eine Portfoliodiversifikation. Die erfordert internes Commitment, aber auch den Mut, eine Innovation in-house, gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Mindnet, mitzuentwickeln. Man braucht Entrepreneurial Thinking und Adaptability.

Health Relations: Wie ist das Team aufgestellt?

Daria Radant:Wir haben eine Art kleine Firma in der Firma. Alle relevanten Funktionen – Market Access, Patient Engagement, Marketing, Medizin – wurden zusammengezogen und als konzentriertes Team aufgestellt. Darüber hinaus hat sich jede Funktion beteiligt und die Entwicklung aus der jeweiligen Perspektive vorangetrieben.

Health Relations: Wie stellen Sie sicher, dass die Patientenstimme kontinuierlich in den Entwicklungsprozess einfließt?

Elke Radermacher:Die Patientenstimme ist fester Bestandteil unseres Projektansatzes. Bei allem, was wir tun, haben wir den Patienten bzw. die Patientin mit im Boot. Uns erreicht kontinuierlich direktes und zahlreiches Feedback – unter anderem über die Service-Hotline, App-Store-Bewertungen, unsere Social-Media-Community sowie den Austausch auf Fachveranstaltungen und in strukturierten Dialogformaten. Diese qualitativen Rückmeldungen bündeln wir und nutzen sie für die Weiterentwicklung.

„Wir haben ein Therapiemanual, das auch als gedrucktes Arbeitsheft vorliegt, passend zu den 12 Modulen der App, mit Übungen zum Herauslösen.“

Health Relations: Welcher Kanal ist der stärkste, um die Zielgruppe zu erreichen?

Daria Radant: Das ist indikationsabhängig. ADHS-Patienten sind sehr mitteilsam, sie suchen aktiv den Austausch. Takeda hat die größte Indikations-Community auf Instagram in Deutschland für ADHS – das ist dabei ausdrücklich keine ORIKO-Community, sondern eine ADHS-Awareness- und Austausch-Plattform.

Die Website ist ebenfalls ein sehr starker Hub. Was erwähnenswert ist: Wir haben ein Therapiemanual, das auch als gedrucktes Arbeitsheft vorliegt, passend zu den 12 Modulen der App, mit Übungen zum Herauslösen. Patienten können das zum Arzt oder ihrer Ärztin mitnehmen. So verknüpfen wir die digitale und analoge Welt. Ein Ansatz, der wirklich gut funktioniert.

Health Relations: Gab es eine Zieldefinition für die Nutzerzahlen zum Launch?

Daria Radant: Feste Zielzahlen hatten wir nicht. Wir haben eine Innovation in den Markt gebracht, da sind solche Zahlen sehr schwer zu definieren. Uns ging es darum, dass möglichst viele Menschen, für die die DiGA einen Nutzen hat, diese App auch wirklich nutzen können. Aktuell sind es über 11.000 Anwenderinnen und Anwender.

„Mein Appell: Wir sollten die Vorreiterrolle Deutschlands ausbauen und KI reguliert einbinden. Denn wenn wir das nicht ermöglichen, prompten sich die Patienten ihre Therapiepläne bei ChatGPT. Wollen wir, dass eine unregulierte KI Patienten therapiert?“

Health Relations: Gibt es in diesem Jahr noch konkrete Ziele oder Meilensteine?

Daria Radant: Ja, derzeit sind wir vorläufig gelistet und arbeiten daran, die dauerhafte Listung zu erreichen. Den ersten Listungsbrief habe ich übrigens eingerahmt an meiner Bürowand hängen.

Health Relations: Die DiGA fliegt nicht so, wie sie könnte, heißt es in der Pharmabranche. Und so manche Stimme hat sie schon beerdigt. Wie sieht Ihrer Meinung nach die DiGA in fünf Jahren aus?

Daria Radant: Die DiGA ist meiner Meinung nach bereits in die Regelversorgung eingebettet, allein dadurch, dass sie erstattungsfähig ist. In fünf Jahren sollte eine DiGA eine selbstverständliche digitale Unterstützungsmöglichkeit für Indikationen sein, in denen sie sinnvoll ist. Dafür brauchen wir iterativere Zulassungsprozesse. Wir müssen Teilbereiche einer DiGA schneller durch Teilzulassungsprozesse schleusen und wieder einbauen können. Mein Appell: Wir sollten die Vorreiterrolle Deutschlands ausbauen und KI reguliert einbinden. Denn wenn wir das nicht ermöglichen, prompten sich die Patienten ihre Therapiepläne bei ChatGPT. Wollen wir, dass eine unregulierte KI Patient:innen therapiert?

Elke Radermacher: Diejenigen DiGA werden überleben, die sich weiterentwickeln, die eine echte Individualität mitbringen. Der Patient soll seinen individuellen Behandlungsplan herleiten können. Und eine DiGA unterscheidet sich grundlegend von einer App: Sie hat eine wissenschaftliche Grundlage, belegte Daten und eine praktische therapeutische Seite. Das ist ihre Zukunft.

FAQ: ADHS-DiGA von Takeda

  1. Bindet man Patienten in die Entwicklung einer DiGA ein?

    Takeda hat Patientinnen und Patienten früh eingebunden. In Workshops wurden Inhalte und Kommunikationsansätze geprüft: Was soll die Anwendung bewirken? Unterstützt sie im Alltag? Das Feedback floss in die Entwicklung ein. Konkrete Beispiele sind funktionale Anpassungen wie Hell-Dunkel-Modus oder regelbare Wiedergabegeschwindigkeit für Audio- und Videoinhalte. Die Patientenperspektive blieb auch nach dem Launch fester Bestandteil des Projekts.

    Welche internen Strukturen braucht ein Pharmaunternehmen, um eine DiGA zu betreiben?

    Takeda baute für die DiGA eine kleine Firma in der Firma: ein interdisziplinäres Team aus Market Access, Pricing, Marketing und Medizin. Entscheidend war die Fähigkeit, sich schnell anzupassen – an neue BSI-Anforderungen, veränderte Preismatrizen und iterative Produktentwicklung. Die frühzeitige Einbindung von Ärzten und Patienten war dabei keine Option, sondern Voraussetzung.

    Über welche Kanäle lassen sich Ärzte für eine DiGA gewinnen?

    Takeda nutzte Außendienst, Schulungen, Third-Party-E-Newsletter, edukative Materialien und Fachkongresse wie den DGPPN. Entscheidend war die Einbindung von Fachärzten bereits in der Entwicklungsphase. Wer das Produkt mitgestaltet hat, trägt es auch mit. Laut GKV-SV-Report hat sich die DiGA-Verschreibung inzwischen deutlich in die fachärztliche Versorgung verschoben.

    Was unterscheidet eine DiGA von einer Gesundheits-App?

    Eine DiGA ist ein zugelassenes Medizinprodukt mit Evidenzbasis. Die Anwendung wurde in einer randomisierten kontrollierten Studie mit mehreren hundert Patientinnen und Patienten an sechs deutschen Studienzentren geprüft. Eine Gesundheits-App unterliegt diesen Anforderungen nicht. Hinzu kommen Erstattungsfähigkeit und therapeutische Tiefe: Die DiGA bietet kognitive Verhaltenstherapie, Psychoedukation und Skills-Training, keinen reinen Informations- oder Tracking-Dienst.

    Wie misst man den Erfolg einer DiGA, wenn klassische Vertriebskennzahlen nicht greifen?

    Takeda hat bewusst auf feste Zielzahlen verzichtet. Statt Verschreibungszahlen standen Qualitätsindikatoren im Vordergrund: Aktivität der Nutzercommunity, Feedback aus App-Stores und Social Media sowie Interesse an Weiterentwicklung. Nach nur rund zehn Monaten zählte die DiGA über 11.000 Anwenderinnen und Anwender. Der wichtigste Erfolgsindikator für Takeda: Fachärzte und Patienten wollen auch Monate nach dem Launch aktiv an der Weiterentwicklung mitwirken.

(Disclaimer: Die FAQ wurden mit KI generiert.)