Generische KI-Tools sind für viele Unternehmen der Einstieg gewesen, aber sie waren selten das Ziel. Wer künstliche Intelligenz in großem Maßstab und über sensible Bereiche wie Forschung, Zulassung oder Marketing hinweg einsetzen will, braucht mehr Kontrolle, als ChatGPT oder Gemini im Standardzugang bieten. Das Pharmaunternehmen Merck hat diesen Weg früh eingeschlagen und dabei einen Umbau vollzogen, der zeigt, wie ein global tätiger Pharma- und Technologiekonzern KI-Nutzung gezielt strukturieren kann.

Von 10.000 auf über 25.000 Nutzende

Merck hat mit myGPT früh einen eigenen, von Sprachmodellen betriebenen Chatbot präsentiert, der zunächst rund 10.000 Mitarbeitende erreichte. Um die Plattform weiterzuentwickeln und technische Komplexität aus dem Arbeitsalltag der Belegschaft herauszuhalten, ist Merck eine Partnerschaft mit dem Berliner KI-Anbieter Langdock eingegangen. Innerhalb von sechs Monaten nach dem Start der neuen myGPT Suite wuchs die Nutzerbasis mit mehr als 13.000 monatlich aktiven Nutzerinnen und Nutzern auf über 25.000. Zusätzlich haben Beschäftigte über 3.000 eigene interne Agenten erstellt, also kleine spezialisierte KI-Anwendungen für wiederkehrende Aufgaben.

Dr. Gangolf Schrimpf aus dem Bereich News & Media Relations der Global Communications bei Merck, erklärt, dass „mittlerweile 63 Prozent der Mitarbeitenden KI-Tools täglich in ihrer Arbeit nutzen und sich dabei mit dem passenden Skillset ausgestattet fühlen.“ Er fährt fort:“ 77 Prozent blicken positiv auf das Thema.“ Die wichtigste Maßnahme, um die Zustimmung zu erreichen, ist ein global angelegtes Upskilling-Programm, das laut Schrimpf Mitarbeitende unabhängig von Vorerfahrung, Funktion oder Standort abholt und zudem kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Klare Regeln für myGPT bei Merck

Mit der Reichweite wächst allerdings auch der Steuerungsbedarf. Für externe Dienstleister und Agenturen gelten darum bei Merck feste Regeln: Externe Modelle dürfen nicht mit Unternehmensdaten trainiert oder mit anderen Datenquellen verknüpft werden. Wer die myGPT Suite als Dienstleister nutzen möchte, braucht Zugriff, der ausschließlich über das Merck-Netzwerk erfolgt. Außerdem muss der Bedarf begründet werden und die Tools dürfen grundsätzlich nicht für hochriskante Anwendungsfälle einsetzt werden. Die Verantwortung für geprüfte Arbeitsergebnisse bleibt dabei stets bei den Nutzenden selbst.

Besonders eng gezogen sind die Grenzen dort, wo es um klinische und regulatorische Daten geht. Wie Schrimpf erklärt, hat der Umgang mit wissenschaftlichen Daten in nicht validierten KI-Systemen grundsätzlich nichts verloren. Der eigentliche Mehrwert liege in der Unterstützung bei Literaturrecherche, beim Textentwurf und bei der Vermittlung wissenschaftlicher Konzepte. Das passiere stets im Einklang mit der Good Clinical Practice, den international anerkannten ethischen und wissenschaftlichen Qualitätsstandards für klinische Studien am Menschen, sowie mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und den unternehmensinternen Data-Governance-Richtlinien. In der GxP-Umgebung, also dort, wo besonders strenge regulatorische Anforderungen an Qualität und Dokumentation gelten, kommt die myGPT Suite nach Unternehmensangaben konsequenterweise gar nicht erst zum Einsatz.

Wo generative KI-Systeme ihre Antworten herholen

  • Unternehmenswebsite
  • Pressemitteilungen
  • Fachpublikationen
  • Medienberichterstattung
  • Plattformen wie LinkedIn, YouTube oder Wikipedia, je nach KI-System

Veränderte Kommunikationsarbeit

Mit der wachsenden Bedeutung von KI-Assistenten für die Informationssuche verändert sich für Merck auch die Kommunikationsarbeit selbst. „Wo Nutzerinnen und Nutzer früher Suchergebnislisten durchgegangen sind, lassen sich viele heute von Systemen wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity direkt Antworten zusammenfassen. Das wird gespeist aus Unternehmenswebsites, Pressemitteilungen, Fachpublikationen und Plattformen wie LinkedIn oder Wikipedia. Klassische Suchmaschinenoptimierung allein reicht dafür nicht mehr aus“, berichtet Schrimpf.

Entscheidend ist für Merck, dass zentrale Kernaussagen zum Unternehmen Merck, etwa zur Rolle in der Fertilitätsmedizin oder zu Innovationen für die Halbleiterindustrie, über das gesamte Informationsökosystem hinweg konsistent und faktenbasiert auffindbar sind. „Für uns ist Generative Engine Optimization deshalb vor allem strategische Unternehmenskommunikation. Unser Anspruch ist es, ein konsistentes, aktuelles und faktenbasiertes Bild von Merck über alle relevanten Informationsquellen hinweg sicherzustellen“, so Schrimpf.

Wo Merck seine Kernaussagen über sich selbst konsistent halten will

  • Eigene Website
  • Pressemitteilungen
  • LinkedIn
  • Fachmedien
  • Berichterstattung durch externe Dritte

Ein Modell für andere?

Der Weg von Merck zeigt exemplarisch, wie sich Pharmaunternehmen in einer stark regulierten Branche der nächsten Phase der KI-Nutzung nähern. Dabei soll nicht experimentiert werden. Es geht vielmehr um den Aufbau strukturierter, überprüfbarer Plattformen mit klaren Zugriffs- und Datenregeln. Für andere Unternehmen aus dem Pharma- und Gesundheitsumfeld, die vor einem ähnlichen Umstieg stehen, liefert das Beispiel eine Orientierung, nämlich dass sich Akzeptanz in der Breite offenbar auch mit engen Leitplanken an sensiblen Stellen verbinden lässt, solange beides von Anfang an mitgedacht wird.