Most Wanted: In diesen Fachgebieten fehlt es an Oberärzten

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© Werner / Adobe Stock

Oberarztstellen, die schon lange Zeit ausgeschrieben sind und nicht besetzt werden können, für viele Kliniken ist das traurige Realität. Der Oberarztindex zeigt, in welchen Fachgebieten der Mangel an Oberärzten und Oberärztinnen besonders groß ist.

Viele Personaler in Kliniken kennen dieses Problem: Obwohl das Marketingbudget für eine Oberarztstelle ausgeschöpft ist, findet sich kein passender Bewerber. Die personelle Lücke wird dann oft mit Honorarärzten geschlossen, was mit fortschreitender Dauer teuer wird. Doch was tun? Anders als bei  Pflegekräften, die manche Personalverantwortliche bereits gezielt im Ausland anwerben, ist die Position des Oberarztes mit einer fachlichen, kommunikativen und kulturellen Verantwortung verknüpft, die nicht so schnell erlernt werden kann.

Mit dem Oberarztindex bestimmt das ärztliche Consulting-Unternehmen mainmedico jedes Jahr, in welchen ärztlichen Fachgebieten der Bewerbermangel an Oberärzten besonders groß ist. Um den Index zu ermitteln, wird errechnet wie viele tätige Fachärzte eines bestimmten Fachgebiets rechnerisch auf eine Oberarztposition desselben Gebiets kommen. Das bedeutet: Je niedriger der Indexwert ist, desto weniger potenzielle Bewerber gibt es pro Stelle. Basis für den Index war die Auswertung von 1.510 Oberarztausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt.

Dem Oberarztindex zufolge herrscht der größte Mangel an Oberärzten in der Gastroenterologie. Selbst wenn alle in Deutschland tätigen Fachärzte und Fachärztinnen für Gastroenterologie mit einem Schlag arbeitslos würden, gäbe es pro Stellenausschreibung nur 4,6 Bewerber. Auch in der Pneumologie, der Psychosomatischen Medizin, der Kardiologie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist die Nachfrage nach Oberärztinnen und Oberärzten groß. Besonders kritisch: In diesen vier Fachbereichen mangelt es nicht nur an Oberärzten, sondern auch an Assistenzärzten, Fachärzten und Chefärzten.

Wenig Bewerbungen für Oberarztausschreibungen

Wie ist die spärliche Resonanz auf Oberarztausschreibungen zu erklären? Dr. Wolfgang Martin, der den Oberarztindex zusammen mit seiner Kollegin Ingrid Rebman erstellt hat und seit vielen Jahren Ärztinnen und Ärzte an Kliniken vermittelt, sieht eine Ursache in der stark angestiegenen Anzahl an Oberärzten im letzten Jahrzehnt. So ist die Zahl der Oberärzte zwischen 2007 und 2017 um 61 Prozent gestiegen, doppelt so stark wie die Zahl der Fachärzte. Aufgrund dieser Entwicklung sind heute mehr Oberärzte als Fachärzte in Krankenhäusern beschäftigt. Und mit dieser niedrigen Anzahl an Fachärzten erklärt sich dann auch der Mangel an Bewerbern für Oberarztstellen.

Es gibt einen zweiten wichtigen Grund, mit dem das Desinteresse der Fachärzte für die Position des Oberarztes erklärt werden kann: Oberärztinnen und Oberärzte sind immer größeren Belastungen ausgesetzt. „Einerseits sollen sie zunehmend mehr Führungsaufgaben übernehmen, andererseits aber auch in die Bresche springen, wenn es personelle Engpässe auf der Fach- oder Assistenzarztebene gibt. Dies birgt die Gefahr, dass sie im Arbeitsalltag aufgerieben und zunehmend demotiviert werden“, so Dr. Martin.

Lösungen nur langfristig möglich

Um den Mangel an Oberärzten abzumildern, können verschiedene Maßnahmen vorgenommen werden. Eine Möglichkeit, die bereits umgesetzt wird, ist die Zahl der Medizinstudienplätze zu erhöhen, damit mehr Ärzte und Ärztinnen eine Weiterbildung beginnen. Auch können die finanziellen Anreize für Krankenhäuser, die ihre Weiterbildungskapaztitäten erweitern, erhöht werden. Der Nachwuchsarbeit von Fachgesellschaften, in deren Gebiet der Mangel an Nachwuchs besonders groß ist, könnte stärker gefördert werden. Und: Letztendlich kann auch erwogen werden, überflüssige Krankenhäuser zu schließen, um die damit frei werdenden Ärzte auf andere Häuser zu verteilen.

Aber egal welchen Lösungsweg man einschlägt, es wird dauern, bis sich die Lage am Arbeitsmarkt bessert. „Auch mittelfristig sehe ich nicht, dass der Mangel beim Oberarztnachwuchs behoben wird“, so Dr. Martin. „Der Spezialisierungstrend in den Krankenhäusern hält weiter an, so dass auch zukünftig eher mehr als weniger Oberarztpositionen zu besetzen sein werden.“


Dr. Wolfgang Martin, © mainmedico GmbH

Zur Person

Dr. Wolfgang Martin betreibt seit über 20 Jahren zusammen mit seiner Kollegin Ingrid Rebmann mainmedico. Die beiden Personalberater vermitteln Ärzte und Ärztinnen an Akutkrankenhäuser, Fach- und Rehakliniken sowie ambulante Einrichtungen.

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