EIT Health Catapult: Start-up Ebenbuild gewinnt in „Digital Health”

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Dr. Kei Müller, CEO und Mitgründer des Start-ups Ebenbuild © Ebenbuild (Collage)

Jedes Jahr zeichnet der EIT Health Catapult die besten europäischen Innovationen und Geschäftskonzepte im Gesundheitswesen aus. Rund 42 ausgewählte Start-ups aus den Bereichen BioTech, MedTech und Digital Health nehmen an dem Wettbewerb teil. In diesem Jahr konnte die Ebenbuild GmbH, ein Spin-off der Technischen Universität München, die Kategorie „Digital Health“ für sich entscheiden.

In diesem Artikel lesen Sie:
• Was der EIT Health Catapult Wettbewerb ist
• Wie der digitale Zwilling von Ebenbuild funktioniert
• Wie das Start-up Awareness für seine Technologie schaffen will
• Und wie Ebenbuild mit Pharma- und Biotechunternehmen zusammenarbeitet

Die Innovation des 2019 gegründeten Start-ups ist – eigenen Angaben zufolge – eine Lösung, die es so am Markt und in der klinischen Forschung bislang nicht gibt. Es geht um einen Prototyp zur Simulation der Lunge. Aus medizinischen Bild- und Messdaten – wie computertomografischen Aufnahmen – entsteht ein digitaler Zwilling, der sich so verhält wie das menschliche Organ.

Mit dieser neuartigen Softwarelösung möchte Ebenbuild die personalisierte Medizin weiter vorantreiben. Erst kürzlich gewann das Healthtech-Start-up unter anderem den High-Tech-Gründerfonds und Bayern Kapital als Investoren.

„Ärzten und Ärztinnen in Kliniken wird mit der Lösung ein wichtiger Informationsbaustein geliefert, um die Beatmung von Intensivpatient:innen schneller und besser individuell einstellen zu können“, davon ist Dr. Kei Müller, CEO und Mitgründer des Start-ups, überzeugt. „Über die Simulation lässt sich zukünftig genau vorhersagen, in welche lokalen Bereiche Luft hineinströmt und wie diese gedehnt werden“, sagt der CEO.

Wie der digitale Zwilling von Ebenbuild funktioniert

Wie funktioniert das genau? Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) analysiert das Start-up Bilddaten von Patient:innen mit akutem Lungenversagen. Über eine physikbasierte Simulation, die auf der Bildanalyse aufsetzt, kann das Unternehmen dann – eigenen Angaben zufolge – die digitale Zwillings-Lunge eines jeden Patienten oder Patientin nachempfinden.

„Häufig fehlt bei KI-Lösungen der greifbare Zusammenhang zwischen den Daten, die hineingehen, und den Analysen und Empfehlungen, die sie erzeugen.“

Auf diese Weise löst Ebenbuild ein großes Problem, das viele KI-Lösungen mit sich bringen. „Denn häufig fehlt bei KI-Lösungen der greifbare Zusammenhang zwischen den Daten, die hineingehen, und den Analysen und Empfehlungen, die sie erzeugen“, so Kei Müller. Die Simulation baue genau diese fehlende Brücke, da sie für den Menschen nachvollziehbare Ergebnisse und somit auch Glaubwürdigkeit erzeugt.

Innovation braucht das Vertrauen der Key Opinion Leader

Bis das Modell in Kliniken zum Einsatz kommt, braucht es allerdings noch einige Schritte. Denn: Die nötige Evidenz kann nur schrittweise erfolgen. Die Zulassung als Medizinprodukt steht noch aus. Der Weg für ein Start-up bis zur Marktreife ist nicht einfach, das weiß auch Kei Müller. „Die Reserviertheit gegenüber neuen Lösungen ist groß.“ Gerade bei einem so neuartigen Produkt brauche es viel Erklärungsarbeit und einen langen Atem. Hürden gibt es viele – klinische, regulatorische und ökonomische.

Von Vorteil auf diesem „steinigen Weg“ – wie der CEO beschreibt – ist die fast 20-jährige Forschungserfahrung in der Lungensimulation, die die Mitgründer von der Technischen Universität München mitbringen. Der Schlüssel zu mehr Awareness sei schlichtweg die Zusammenarbeit mit renommierten Institutionen und Expert:innen.

„Wenn man das Vertrauen der Key Opinion Leader, also der Meinungsführer, auf dem Gebiet nicht gewinnt, wird man die klinische Herausforderung nicht meistern können“, sagt Kei Müller. „Und ohne den Zugriff auf anonymisierte Patientendaten, ist unsere Forschungsarbeit nicht möglich.“

Intensive Erklärungsarbeit in Kliniken

Dazu gehört jede Menge Erklärungsarbeit in den Kliniken. Spannungsfelder – wie beispielsweise die Angst vor dem Umgang mit sensiblen Daten oder der Mangel an digitaler Infrastruktur – müssten über intensive Gespräche aufgelöst werden. Das Start-up hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Potenzial einer Datenherausgabe zu fördern. „Wenn alle Daten immer in der Klinik bleiben und man für jede Klinik eine individuelle Lösung finden muss, wird das nicht funktionieren. Das ist eine große Herausforderung, die gesamtgesellschaftlich angegangen werden muss. Daten sind auch eine Chance – dieses Umdenken muss stattfinden“, so der Start-up-Gründer.

Was ist der EIT Health Catapult Wettbewerb?
Der Catapult-Wettbewerb ist eine Initiative von EIT Health, die darauf abzielt, die Entwicklung von europäischen Start-ups im Gesundheitsbereich zu fördern, indem sie mit Experten und Investoren von Weltrang in Kontakt gebracht werden. EIT Health wird vom European Institute of Innovation and Technology (EIT), einer Einrichtung der Europäischen Union, unterstützt.

Zusammenarbeit des Start-ups mit Biotechunternehmen

Eine erste Hürde hat das Münchener Start-up bereits genommen. Ebenbuild kooperiert mit mehreren Universitätskliniken in Deutschland, perspektivisch auch in den USA. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Industriepartnern.

Im Bereich der klinischen Forschung gibt es mehrere Pilotprojekte mit Medizintech- und Biotechunternehmen. Zusammengefunden haben die Kooperationspartner über die Netzwerkorganisation Münchener Biotechnologie Cluster.

Den Vorteil für Pharma- und Biotechunternehmen sieht Kei Müller hier: „Interessant für die Hersteller von Arzneimitteln und Medizingeräten ist es, anhand des Simulationsmodells zu sehen, ob eine bestimmte Menge an Wirkstoff an den richtigen Stellen in der Lunge landet und wie dieser dort wirkt“, so der Start-up-Gründer. „Und das ganze ohne Proband:innen. Sprich: Wir wollen den Erkenntnisweg radikal verkürzen. Wir sprechen hier von Tagen statt Monaten“, so Kei Müller.

Konkret sieht die Zusammenarbeit etwa so aus: Unternehmen kommen mit einem konkreten Wunsch auf das Start-up zu. Teilweise arbeiten Medizingerätehersteller und Biotechunternehmen dabei zusammen an einem Projekt. Beispielsweise geht es dann darum, verschiedene Szenarien mithilfe des digitalen Lungenmodells zu analysieren und dann A-B-Vergleiche anzustellen.

Nächste Schritte des Healttech-Start-ups

Der nächste Schritt, den das Unternehmen nun angehen möchte, ist die Medizinproduktzertifizierung. Ob das zuerst in Europa oder den USA geschehen soll, ist noch nicht klar. Was aber feststeht, ist: Der Markteintritt soll bis 2024 gelingen.

Freie Journalistin aus Köln. Für Health Relations berichtet sie über Trends der Pharma- und Klinikbranche und über die Corporate News des Deutschen Ärzteverlages.

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