Telemedizin: Wie Pharma jetzt punkten kann

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Das E-Health-Gesetz und die Aussicht auf Aufnahme der Onlinesprechstunde in die EBM-Gebührenverordnung sorgen für Optimismus in der Pharmabranche. Die Telemedizin ist auf dem Siegeszug – es herrscht Goldgräberstimmung auf dem Markt.

Der Alltag von Ärzten wird sich in den kommenden Jahren rapide ändern. Telemedizin und die digitale Kommunikation mit dem Patienten wird selbstverständlicher Teil der Therapie sein. Zwar steckt der E-Health-Markt in Deutschland noch in den Kinderschuhen, Experten aber sind sich einig: Langfristig kommen Ärzte an Telemedizin nicht vorbei.

Viele Healthcare-Unternehmen sind bereits im digitalen Segment aktiv. Gesundheits-Apps boomen, Fitness Wearables fungieren als medizinische Indikatoren und Therapiebegleiter. Doch die Entwicklung geht noch weiter. Jameda übernahm jüngst die Onlinesprechstunde Patientus. Ein konsequenter Schritt. Wenn Ärzte im Zuge der E-Health-Initiative Online-Sprechstunden regulär über die Krankenkassen abrechnen werden können, wird sich dieses positiv auf die Relevanz von Portalen wie Patientus auswirken. Jamedas Positionierung auf dem digitalen Healthcare-Markt würde in diesem Moment entscheidend gestärkt werden – ein Invest in die Zukunft.

Der Run ist eröffnet: Telemedizin bringt Dynamik in den Markt. An ihrem Durchbruch möchten viele Player partizipieren. MedTech, Software-Entwickler oder digitale Start-Ups sehen hier die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle und Produkte zu platzieren. Auch die Pharma-Branche kann profitieren. Indem sie die eigene Expertise in ihren Forschungen durch Web-Programme und Anwendungen belegt, weiter ausbaut und den Arzt in seinem telemedizinischen Alltag unterstützt. Dabei ist die Beziehung zwischen Pharma und Arzt eine sensible. Der Mediziner muss sich seine Unabhängigkeit von Pharma-Unternehmen bewahren, gerade auch vor dem Hintergrund der Neuerungen des Antikorruptiongsgesetzes im vergangenen Jahr. Doch er braucht auch verlässliche Partner, die ihn mit telemedizinischen Angeboten versorgen und unterstützen.

Telemedizin made by Pharma: Transparenz und Seriösität zählen

Telemedizin
Fühl- und messbarer Mehrwert: Sevier setzt mit deprexis24 aufs eigene Know How und lässt die Wirksamkeit des Programms durch Studien belegen.

Wie umgehen mit dieser Situation? Pharma-Produzenten sollten als erstes auf ihren vorhandenen medizinischen Schwerpunkten aufbauen und diese digital weiterdenken. Ein Beispiel: Das Unternehmen Servier stellt unter anderem Antidepressiva her. Mit seinem Online-Programm deprexis®24 entwickelte es ein Portal, das Betroffene in ihrem Alltag begleitet und unterstützt, indem es positive Ankerpunkte und Handlungsanreize setzt. „Das interaktive Programm basiert auf anerkannten Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und wurde von Ärzten und Psychotherapeuten mitentwickelt“, so Servier-Pressesprecherin Christa Itani. User erhalten durch den Kauf eines Schlüssels Zugang zu dem Portal und den einzelnen Optionen und Anwendungen.

„Beide Seiten müssen sich genau an die die Kodizes zur Zusammenarbeit halten“, Christa Itani, Pressesprecherin bei ServierAuch Ärzte können einen Zugang erwerben und das Programm in ihre Therapie einbinden. „Die Begleitung der Anwendung von deprexis®24 durch einen Arzt oder Psychotherapeuten verbessert den Effekt des Online-Therapieprogramms“, ist Itani überzeugt. Acht wissenschaftliche Studien mit mehreren tausend Teilnehmern hätten dies belegt. Das Programm ist zudem ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt, die Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes werden in vollem Umfang erfüllt. Damit liefert Servier die Blaupause für ein erfolgreiches Beispiel für Telemedizin made by Pharma. Der Arzt kann über dieses Tool mit dem Patienten kommunizieren, ohne Sprechzeiten, Wartezeiten oder räumliche Barrieren zu berücksichtigen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Kooperation aber ist Transparenz. „Beide Seiten müssen sich genau an die die Kodizes zur Zusammenarbeit halten“, so Christa Itani. Arzt und Pharmaunternehmen müssen nach klaren, nachvollziehbaren Regeln spielen.

Nichts geht ohne Studien und wissenschaftliche Basis

„Die Nutzer schätzen die Flexibilität, die die Programme bieten – gerade Menschen, die beruflich und privat stark gefordert sind oder in strukturschwachen Gegenden leben, profitieren davon.“ Dr. med. Jan Helfrich, Leiter des Bereichs ambulante Leistungen, DAK-GesundheitDie Strategie Serviers hat Erfolg. Die DAK bietet ihren Mitgliedern ab Mai 2017 als eine der ersten bundesdeutschen Krankenkassen den kostenfreien Zugang zu dem webbasierten Psychotherapie-Programm an. „Webbasierte Angebote werden von immer mehr Versicherten nachgefragt und positiv bewertet“, begründet Dr. med. Jan Helfrich, Leiter des Bereichs ambulante Leistungen bei der DAK-Gesundheit, diese Entscheidung.

Das Programm für an Depression leidende Patienten scheint im Relevant Set von Healthcare Professionals angekommen zu sein. Christa Itani ist überzeugt, dass „digitale Therapien zukünftig eine stärkere Bedeutung haben werden. Im Vergleich zu Amerika steht Deutschland zum Beispiel noch ganz am Anfang.” Wichtig sei aber, wie bei allen Medikamenten, dass die Wirksamkeit in evidenz-basierten klinischen Studien nachgewiesen sei. Das schafft Glaubwürdigkeit, Vertrauen und vor allem eine wissenschaftliche Basis. Hinzu kommt der Auftritt im Web und die Informationsvergabe. „Dazu gehören unter anderem auch Service-Angebote wie ein beschreibender Film oder Informationen/Unterlagen für die Krankenkasse“, erläutert Itani die Unternehmens-Strategie. „Servier als Vertriebs-Partner ist selbstverständlich explizit genannt.“ Dennoch soll die Website als erstes über das Programm selber informieren.

Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, die zeigt: Pharma kann vom Siegeszug der Telemedizin profitieren – wenn sie seriöse Produkte mit Mehrwert für den Arzt und für den Patienten entwickeln. Fühlbar. Vor allem aber: messbar. Doch Studien brauchen Zeit. Deutschland mag noch in den Kinderschuhen stecken, was Telemedizin betrifft. Doch der Zug gewinnt an Fahrt. Wer mitspielen will, sollte rasch einsteigen.

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