Smart Hospital ist mehr als Technologie

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Prof. Dr. Jochen A. Werner; © Universitätsklinikum Essen

Ende 2015 hat die Universitätsmedizin die Initiative „Smart Hospital“ ausgerufen. Was seitdem passiert ist und warum bei einem smarten Klinikum nicht nur die Technologie zählt, sagt Prof. Dr. Werner, Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen, im Interview.

Health Relations: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Werner: Was ist ein „Smart Hospital“?

Prof. Werner: Ein Smart Hospital definiere ich als digital unterstützte, intelligent arbeitende Steuerungseinheit, die nicht an den Mauern eines Krankenhauses endet, sondern sich an der Krankengeschichte der Patienten orientiert. Ein Smart Hospital beginnt also weit vor dem Krankenhaus und endet weit nach dem Krankenhaus. Es ist sektorübergreifend zu sehen, dahingehend, dass es ganz eng mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten kooperiert, aber auch mit anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Smart Hospital bedeutet zudem, dass wir mit aller Energie die Kräfte, die es gibt in der Pflege, aber auch die Ärztinnen und Ärzte, möglichst gut von ermüdenden Schreibarbeiten, Dokumentationstätigkeiten, der Aktensuche, etc. entlasten, damit sie sich wieder mehr ihrem ursprünglichen Aufgabenfeld widmen können. Bei Ärztinnen und Ärzten in der Weiterbildung ist es sogar so, dass manche über 50 Prozent ihrer Tätigkeit mit bürokratischen Aufgaben verbringen. Mit der Initiative „Smart Hospital“ wollen wir einen wirklichen Kulturwandel im Krankenhaussystem erreichen, der den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern maßgeblich zugute kommt und der den Service für Patienten optimiert.

Health Relations: Das bedeutet mit einem „Smart Hospital“ gibt es keine Reduzierung von Arbeitskräften, sondern lediglich eine Entlastung, zum Beispiel durch Pflegeroboter?

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich neue Berufsfelder auftun werden.

Prof. Werner: Ganz genau, aber ein Punkt ist da noch zu sagen. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich neue Berufsfelder auftun werden. Wenn man zum Beispiel an das Thema Umgang mit medizinischen Daten denkt. Ich glaube, in einem Konzept der Personalentwicklung müssen wir auch berücksichtigen, dass die vorhandenen Kräfte möglichst am Krankenhaus bleiben. Aber es kann keine Garantie geben, dass sie in den Berufsgruppen verbleiben, in denen sie gestartet sind.

Health Relations: Ist Ihr prognostizierter Wandel der medizinischen Arbeit auch Teil der Recruiting-Strategie? Werden etwa junge Mediziner von der Universitätsmedizin mit speziellen Fortbildungen gelockt, die sie fit für die Zukunft machen?

Prof. Werner: Wir haben diese Initiative „Smart Hospital“ Ende 2015 ausgerufen. Dann sind wir eingestiegen in eine massive interne, aber auch externe Kommunikation. Wir haben uns gefragt: Was gibt es an der Universitätsmedizin Essen eigentlich für digitale Initiativen? Da gab es ganz tolle Leute, die waren gar nicht so sichtbar. Diese haben wir identifiziert. Jetzt haben wir eine Gruppe von Pionieren, die in einem Lenkungsausschuss „Smart Hospital“ wirken und in den verschiedenen Fachbereichen Innovationen voranbringen. Uns ist wichtig, dass wir dabei Fächergrenzen überwinden, weil wir am Schluss Experten brauchen, die diagnostische Daten in Diagnosen überführen können. Diese Entwicklung bleibt den wenigsten verborgen. Wir unterstützen Ärztinnen und Ärzte, indem wir sie in Verbindung bringen mit IT-Experten, mit Datenwissenschaftlern und Medizininformatikern. Unser Konzept ist eine immer stärker zusammenfließende Diagnostik, verbunden mit der Einladung an viele Persönlichkeiten, dort mitzuwirken.

Health Relations: Als „smart“ gilt auch die digitale Patientenakte. Bis Ende 2018 sollte sie im Universitätsklinikum Essen in allen Abteilungen eingeführt sein. Wie hat das funktioniert? Welche Schwierigkeiten gab es?

Der Schlüssel war, dass wir Trainer ausgebildet haben aus dem eigenen Unternehmen, die eine Einarbeitung in die digitale Patientenakte begleitet haben.

Prof. Werner: Es ist ein Riesenprojekt. Man darf sich da nicht abschrecken lassen. Es war nur gut, dass die Verantwortlichen von Anfang gesagt haben: Es wird erhebliche Probleme geben. Deshalb haben wir auch dort einen Lenkungsausschuss gegründet, in dem die unterschiedlichsten Berufsgruppen zusammenarbeiten. Unterm Strich sind wir zufrieden mit der Einführung. Wenn Sie einzelne Bereiche befragen, werden die sagen: Das läuft es holprig, das funktioniert immer noch nicht, aber insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Der Schlüssel war, dass wir Trainer ausgebildet haben aus dem eigenen Unternehmen, die eine Einarbeitung in die digitale Patientenakte begleitet haben. Es ist also nicht nur der IT-Mitarbeiter, der einführt, sondern Trainer, die auch teilweise aus der Krankenpflege kommen und die Probleme in den Abteilungen kennen. Außerdem führen wir seit dem Januar 2018 eine dreitägige Einführungsveranstaltung für jeden Mitarbeiter durch. An Tag 2 und 3 wird jeder neue Mitarbeiter mit der digitalen Patientenakte vertraut gemacht.

Wie smart ist die Universitätsmedizin Essen? Im Video werden die verschiedenen technologischen Systeme vorgestellt. 

Health Relations: Das Jahr 2019 liegt vor uns. Was sind die Teilziele im nächsten Jahr bei der Weiterentwicklung zum „Smart Hospital“? 

Prof. Werner: Eines unser Teilziele ist, dass die elektronische Patientenakte auf die Fachklinik für Lungenheilkunde, die Ruhrlandklinik, übertragen wird. Ein weiteres Teilziel ist, dass wir das Institut für Patientenerleben weiter stärken und sichtbarer machen. Außerdem wollen wir den Kulturwandel, der mit der Entwicklung zum Smart Hospital einhergeht, und das hierfür erforderliche Wir-Gefühl, weiter in den Mittelpunkt stellen.


Prof. Dr. Jochen A. Werner ist seit dem Jahr 2015 Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen (UK Essen). Zuvor war er als Ärztlicher Direktor und Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) tätig. 

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