Benoit Creveau, Deutschland-Geschäftsführer von Daiichi Sankyo, hält an einer Milliarden-Investition in den Standort Deutschland fest. Und stellt zugleich die Frage, ob diese Investitionsentscheidung so heute noch getroffen werden würde. Das Who’s who der Healthcare-Branche: Ein Businessporträt über inneres Wachstum, Zäsur und Komfortzonen.

Das Wichtigste über Benoit Creveau in Kürze

Der gebürtige Franzose Benoit Creveau arbeitet seit 2008 bei Daiichi Sankyo, seit rund vier Jahren führt er die deutsche Niederlassung des japanischen Pharmaunternehmens. Es sind dynamische Zeiten für ihn. Daiichi Sankyo will nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Euro in den bayerischen Standort Pfaffenhofen investieren und hält an den 2019 beschlossenen Plänen fest. Andere Wettbewerber haben 2026 Kürzungen ihrer Deutschland-Investitionen angekündigt.
Privat kennzeichnet ihn die Freude an Erfahrungen außerhalb der Komfortzone. Zum Beispiel diese: Mit Mitarbeitenden spricht er bewusst nur Deutsch.  In die Pharmabranche kam Creveau über Umwege. Telekommunikation, Automobilindustrie, Bristol Myers Squibb, ehe er 2008 zu Daiichi Sankyo wechselte. Dass ein von ihm vorbereiteter Launch nie auf den Markt kam, zählt er zu den Erfahrungen, die ihn als Führungskraft geprägt haben. Mit Transparenz und Authentizität ein Team durch das Scheitern führen zu können, er weiß, wie wichtig das ist. Inspiration zieht er nicht aus Fachbüchern, sondern aus Begegnungen – und aus Bibliotheken. Das Leben, sagt er, sei eine Lernreise.

In 18 Jahren Firmenzugehörigkeit kann eine Menge passieren. Planen lasse sich eine Karriere nur schwer, sagt Benoit Creveau. Vor allem, wenn ein Unternehmen wie Daiichi Sankyo in dieser Zeit massiv gewachsen ist. „Mir hat das ungeahnte Möglichkeiten geboten, ebenfalls zu wachsen.“ Seit 2008 arbeitet der gebürtige Franzose für das japanische Pharmaunternehmen, das in dieser Zeit laut eigenen Aussagen seinen Umsatz vervielfacht hat und mittlerweile eines der führenden Unternehmen im Bereich Onkologie ist. Seit rund vier Jahren ist er Geschäftsführer von Daiichi Sankyo Deutschland.

Standort-Investitionen & Planungssicherheit

Das Unternehmen plant etwa eine Milliarde Euro in den bayerischen Produktions- und Entwicklungsstandort in Pfaffenhofen zu investieren. Während einige Mitbewerber 2026 verkündeten, ihre geplanten Investitionen in Deutschland zu kürzen, hält Daiichi Sankyo an den 2019 beschlossenen Plänen fest. Allerdings: „Wenn wir diese Entscheidung im aktuellen Rahmen, den das Gesundheitswesen in Deutschland bietet, erneut treffen müssten, bin ich mir unsicher, ob wir sie wieder so treffen würden“, sagt Benoit Creveau.

„Die Patientenversorgung hat sich komplett verändert. Pharma hat diesen Wandel vorangetrieben.“

Denn die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Gesundheitswesen definierten, wie Innovation ökonomisch bewertet würden. Geht es nach dem Reformvorhaben der gesetzlichen Krankenkassen bzw. dem Beitragsstabilisierungsgesetz, fällt diese Bewertung für Deutschland aktuell schlecht aus. Die Branche sieht ihre Innovationskraft und Planungssicherheit durch hohe Zwangsrabatte und unklare Rahmenbedingungen gefährdet.

Krise? Eher eine Zäsur

Von Krise möchte der Deutschlandchef aber nicht sprechen. Eher von einer Zäsur. „Ich bin ein überzeugter Europäer und glaube, dass Deutschland und andere führende Länder wie Frankreich sicherstellen müssen, dass wir heute die richtigen Entscheidungen treffen, damit wir von Innovationen profitieren und diese nach Europa bringen können. Ich sehe es immer noch als Chance.“ Pharma könne gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Nur habe die Branche es bislang nicht geschafft, ihren positiven Impact hinreichend zu kommunizieren. „Die Patientenversorgung hat sich komplett verändert. Pharma hat diesen Wandel vorangetrieben“, sagt er. „Wir sollten kommunikativer sein, berichten, was wir bereits erreicht haben, um nicht nur als Kostentreiber gesehen zu werden.“

Raus aus der Komfortzone

Gesellschaftliche Wirkung beginnt für ihn beim eigenen Team und benötigt eine Unternehmenskultur, die sozialen Mehrwert als essenziell begreift. „Mein Ziel als Führungskraft ist es, den besten Rahmen für unsere Mitarbeiter zu schaffen, damit wir diesen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben können.“ Wie gelingt ihm das? Indem der Wandel spürbar wird. Beispielsweise durch soziales Engagement mit Formaten wie sozialen Tagen oder die Unterstützung karitativer Aktionen. „Wir haben unter anderem eine Partnerschaft mit der Stiftung Pfennigparade und deren Organisation ‚Entrepreneurship Inklusiv‘, die behinderte oder neurodivergente Jugendliche bei der Gründung eigener Unternehmen unterstützt. Unsere Talente begleiten diese Entrepreneure im Rahmen unseres Entwicklungsprogramms.“ Er selbst hat im Rahmen eines Social Days bereits an einem Improvisations-Theater mit behinderten Erwachsenen teilgenommen. Raus aus der Komfortzone, diese Haltung spiegelt sich in seinen Handlungen wider. Etwa darin, dass er sich bewusst dazu entschieden hat, mit Kolleginnen, Kollegen und Mitarbeitenden nur Deutsch zu sprechen. Obwohl er die Sprache zu Beginn seiner Tätigkeit als Geschäftsführer in Deutschland nur rudimentär beherrschte und er dafür seinen Stolz herunterschlucken musste. Privat hat er sich erst kürzlich ein Rennrad gekauft, um körperliche Grenzen auszuloten. Und dann wären da noch seine drei Söhne im Alter zwischen 9 und 16 Jahren, die das Prinzip Komfortzone gar nicht erst aufkommen lassen.

„Wenn das geschieht, muss man zeigen, wer man wirklich ist. (…) vollkommen authentisch zu sein, hat einen riesigen Unterschied gemacht.“

Entscheiden Sie sich jetzt: sechs Fragen, sechs Antworten

Urlaub: Berge oder Meer? Meer. Meine Frau und ich kommen aus dem Norden Frankreichs.
Büro: Tür auf oder zu? Auf. Wir haben ein Open Space Büro.
Schreibtisch: Clean Desk oder Häufchen-Typ? Clean Desk, weil wir keine eigenen festen Schreibtische haben und es respektvoll gegenüber dem Nächsten ist.
Messenger: Sprachnachricht oder Text? Text, da es weniger invasiv ist und der Empfänger entscheiden kann, wann er antwortet.
Aufstehen: Early oder Late Bird? Early Bird, obwohl ich nicht immer sofort hellwach bin.
Kaffee oder Tee? Kaffee

Scheitern, lernen, besser werden

Benoit Creveau ist über Umwege in die Pharmabranche gelangt. Studiert hat er internationales Marketing und Management. Anfang der 2000er Jahre platzte die Internet-Blase und der Arbeitsmarkt war für junge Absolventen wie ihn schwierig. Er landete erst in der Telekommunikation, dann in der Automobilindustrie, schließlich beim Pharmaunternehmen Bristol Myers Squibb. Er blieb der Branche treu, wechselte 2008 zu Daiichi Sankyo. Zuerst war er im Marketing auf europäischer und globaler Ebene aktiv, später in der Onkologie. „Eine bereichernde, herausfordernde Zeit“, wie er sagt. Onkologie sei schwer vorhersehbar, es hätte Rückschläge gegeben, die ihn in seiner Führungskompetenz wachsen ließen. Ein Beispiel: Die Vorbereitung eines Launches für ein Produkt, das es nie auf den Markt geschafft hat. „Wenn das geschieht, muss man zeigen, wer man wirklich ist. Man leitet ein Team, das sich für etwas engagiert hat, das gescheitert ist. Diese Situation mit einem Höchstmaß an Transparenz anzugehen und vollkommen authentisch zu sein, hat einen riesigen Unterschied gemacht.“

„Das Leben ist eine Lernreise.“

You live, you learn. Inspiration zieht Beneoit Creveau nicht aus Fachbüchern, sondern aus der Begegnung mit Menschen, die ihre Erfahrungen mit ihm teilen. Er schaut gerne über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinaus. Überraschungen, die Bereitschaft, durch Türen zu gehen, ohne zu wissen, was einen dahinter erwartet, bewertet er als Gelegenheit zum Lernen. Und er mag Bibliotheken. Das Stöbern in den Regalen und das haptische Entdecken sind ganz eigene Erfahrungen. „Das Leben ist eine Lernreise“, sagt Creveau. Deshalb brauche er keine Lern-Agenda. „Die menschliche Natur passt sich immer an. Wir lernen auch ohne Absicht ständig dazu.“

FAQ: Business-Porträt Benoit Creveau, Daiichi Sankyo Deutschland

Wie viel investiert Daiichi Sankyo in den Standort Deutschland?
Daiichi Sankyo will nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Euro in seinen Produktions- und Entwicklungsstandort im bayerischen Pfaffenhofen investieren. Die Pläne stammen aus dem Jahr 2019. Anders als einige Wettbewerber, die 2026 Kürzungen ihrer Deutschland-Investitionen angekündigt haben, hält das Unternehmen daran fest.

Warum spricht Benoit Creveau mit seinem Team nur Deutsch?
Der gebürtige Franzose hat sich bewusst entschieden, mit Kolleginnen, Kollegen und Mitarbeitenden ausschließlich Deutsch zu sprechen – obwohl er die Sprache zu Beginn seiner Zeit als Deutschland-Geschäftsführer nur rudimentär beherrschte und dafür seinen Stolz herunterschlucken musste. Für ihn ist es Ausdruck seiner Haltung, sich immer wieder aus der Komfortzone zu bewegen.

Wie sieht Benoit Creveau die Kommunikation der Pharmabranche?
Creveau kritisiert, die Branche habe die Patientenversorgung maßgeblich verändert, dies aber nie ausreichend erzählt und werde deshalb vor allem als Kostentreiber wahrgenommen. Sein Appell: Pharma solle kommunikativer werden und offener berichten, was sie bereits erreicht hat.

Welche Rolle spielt gesellschaftliches Engagement für Benoit Creveau?
Gesellschaftliche Wirkung beginnt für Creveau im eigenen Team und braucht eine Unternehmenskultur, die sozialen Mehrwert als essenziell begreift. Konkret nennt er Formate wie Social Days und eine Partnerschaft mit der Stiftung Pfennigparade und deren Programm „Entrepreneurship Inklusiv“, bei dem Nachwuchskräfte behinderte oder neurodivergente Jugendliche bei Unternehmensgründungen begleiten.

Wie kam Benoit Creveau in die Pharmabranche?
Creveau studierte internationales Marketing und Management und geriet über Umwege in die Branche: Nach dem Platzen der Internet-Blase Anfang der 2000er begann er in der Telekommunikation, wechselte in die Automobilindustrie und kam schließlich zu Bristol Myers Squibb. 2008 wechselte er zu Daiichi Sankyo, zunächst im europäischen und globalen Marketing, später in der Onkologie.