Dr. Daniel Steiners, Roche: „Irgendwann trifft die KI des Patienten auf die KI des Arztes“
© Roche/Hintergrund KI bearbeitet
Fünf Jahre Summer Summit, ein Whitepaper mit über 40.000 Downloads und ein Satz, der bei Roche fast wie ein Motto klingt: „Nothing for patients, without patients.“ Dr. Daniel Steiners, Vorstand der Roche Pharma AG, spricht im Gespräch mit Health Relations darüber, wie Künstliche Intelligenz das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten verändert, warum Gesundheitskompetenz in Deutschland zum Nadelöhr wird und was Pharmaunternehmen tun müssen, damit Innovationen verstanden, eingeordnet und zum Nutzen der Patientinnen und Patienten eingesetzt werden.
Health Relations: Patient Empowerment und Patient Centricity sind bei vielen Unternehmen inzwischen ein zentrales Thema. Wie zeigt sich das bei Roche?
Dr. Daniel Steiners: Ich bin seit zwei Jahren bei Roche, und schon in meiner ersten Woche gab es den Summer Summit. Da habe ich gemerkt, das wird hier wirklich ernst genommen. Wir sind jetzt beim fünften Summer Summit, das ist fast schon eine Jubiläumsveranstaltung. Dahinter steckt die Idee einer echten partnerschaftlichen Teilhabe, deswegen auch unser Leitsatz „Nothing for patients, without patients“. Wir haben ein Roche Patient Council mit derzeit neun Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen, die uns seit 2022 strategisch beraten. Und die großen Disease Areas, etwa Multiple Sklerose, arbeiten mit sogenannten Patient Squads zusammen, mit denen wir nicht nur Materialien und Services entwickeln, sondern die uns helfen, Versorgung aus der Perspektive der Betroffenen neu zu denken.
Das ist wirklich tief verankert. Letzte Woche habe ich in Basel mit mehr als hundert Länderleiterinnen und -leitern, KI-Pionieren und Patientenvertreteren aus aller Welt darüber diskutiert, wie künstliche Intelligenz den Zugang zu medizinischem Wissen und speziell zu medizinischen Publikationen verändert und was das für die Rolle von Patientinnen und Patienten bedeutet. Das Thema steht für uns ganz oben auf der Agenda, fühlt sich inzwischen aber fast schon normal an, weil es einfach Teil des Ökosystems geworden ist, in dem wir arbeiten.
Health Relations: Patient Centricity klingt oft abstrakt. Was bedeutet das für Roche konkret?
Steiners:Patient Centricity bedeutet heute nicht mehr, Patientinnen und Patienten nur “anzuhören”. Es bedeutet, sie als Mitgestalter des Gesundheitssystems zu verstehen. KI beschleunigt diesen Wandel, weil Wissen nicht länger exklusiv in Institutionen liegt. Die Patientinnen und Patienten helfen uns, unseren Blick zu weiten und die Patientenreise als Ganzes zu verstehen.
Patient Empowerment ist kein Sonderthema mehr
Health Relations: Das begleitet ja auch eine veränderte Erwartungshaltung von Patientinnen und Patienten. Welche Trends beobachten Sie neben KI?
Steiners: Ein großes Thema ist Social Media, weil es Menschen mit ähnlichen Interessen oder Erkrankungen einfacher zusammenbringt. Früher traf man sich in Gruppen vor Ort, heute vernetzt man sich im Netz. Und das Ganze wird jetzt durch KI noch einmal verstärkt. Ich erinnere mich selbst an Arztgespräche, in denen viel Fachsprache fiel. Wenn ich mir das aber in einfache Sprache übersetzen lasse, merke ich oft, dass bestimmte Inhalte – natürlich nicht alle – oft gar nicht so komplex sind. Sie werden nur in einer Sprache vermittelt, die viele Menschen ausschließt. KI hilft Patientinnen und Patienten also, sich besser zu informieren und vorbereitet ins Gespräch zu gehen. Interessant ist, dass gleichzeitig auch die Ärzteschaft zunehmend KI nutzt. Im Sprechzimmer sitzen somit eigentlich vier Beteiligte, der Patient, der Arzt und jeweils deren KI.
Health Relations: Diese Entwicklung stößt aber nicht nur auf Begeisterung. Wie nehmen Sie die Reaktionen der Ärzteschaft darauf wahr?
Steiners:Unterschiedlich. Manche sind ganz vorne dabei, schulen ihre Patientinnen und Patienten sogar im Umgang mit KI. Andere sind eher zurückhaltend, teils auch aus einer gewissen Sorge heraus. Das kann ich nachvollziehen. Die Autorität der Ärztinnen und Ärzte wird künftig weniger aus dem exklusiven Zugang zu Wissen entstehen, sondern noch stärker aus ihrer Fähigkeit, Wissen gut einzuordnen, Vertrauen zu schaffen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Ich glaube, dass sich dieser Trend nicht aufhalten lässt, und dass wir alle gut beraten sind, gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Technologie bestmöglich eingesetzt wird.
„Im Zeitalter generativer KI wird Vertrauen zur eigentlichen Währung des
Gesundheitswesens.”
Health Relations: Sie sprechen die Verlässlichkeit von Informationen an. Wie stellt Roche sicher, dass KI-Systeme auf valide Quellen zugreifen?
Steiners:Im Zeitalter generativer KI wird Vertrauen zur eigentlichen Währung des Gesundheitswesens. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Kann KI Antworten liefern? Sondern: Kann ich diesen Antworten vertrauen? Deswegen haben wir gemeinsam mit Patientinnen, Patienten und Ärztinnen und Ärzten ein Whitepaper entwickelt, das erklärt, was KI kann und was nicht, wo die Grenzen liegen und wie man richtig promptet. Das Interesse nach der Veröffentlichung war riesig. Inzwischen gab es über 40.000 Downloads, mittlerweile ist das Dokument in sieben Sprachen übersetzt. Darauf aufbauend bieten wir jetzt KI-Begleiter für weitere Disease Areas an.
Zudem kommen noch weitere Fragen, mit denen wir uns als forschendes Unternehmen beschäftigen: Was macht wissenschaftliche Evidenz künftig vertrauenswürdig – nicht nur für Ärztinnen und Ärzte und Patientinnen und Patienten, sondern auch für KI-Systeme? Denn eine exzellente Studie z. B. im New England Journal of Medicine nützt wenig, wenn eine KI sie nicht richtig einordnen kann. Künftig reicht wissenschaftliche Qualität allein nicht mehr aus. Evidenz muss auch so strukturiert und maschinenlesbar sein, dass KI sie zuverlässig interpretieren kann. Wissenschaftliche Qualität und digitale Lesbarkeit werden damit zu zwei Seiten derselben Medaille.
„Künftig reicht wissenschaftliche Qualität allein nicht mehr aus. Evidenz muss auch so strukturiert und maschinenlesbar sein, dass KI sie zuverlässig interpretieren kann.“
Health Relations: Reicht KI allein aus, um Patient Empowerment wirklich zu stärken?
Steiners:Nein, und das ist auch eine ehrliche Beobachtung. Gesundheitskompetenz wird künftig genauso wichtig sein wie Lesekompetenz oder digitale Kompetenz. Wer KI sinnvoll nutzen will, muss medizinische Informationen einordnen können. Ein Gesundheitssystem, vor allem eines, das stärker auf Prävention setzt, braucht Patientinnen und Patienten, die gut informiert sind. Das ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam als Gesellschaft lösen können. Als Unternehmen bringen wir uns deshalb gerne in den Dialog mit Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen und Zivilgesellschaft ein. Ein gutes Beispiel ist das Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg. Dort diskutieren wir mit unterschiedlichsten Akteuren, wie wir die Rahmenbedingungen so gestalten können, dass Künstliche Intelligenz ihr Potenzial zum Nutzen der Patienten und des Gesundheitssystems bestmöglich entfalten kann.
Kommunikation wird Teil der Versorgung
Health Relations: Verändert das auch, was ein Pharmaunternehmen wie Roche eigentlich tut?
Steiners: Ja, ganz erheblich. Die Rolle eines Pharmaunternehmens endet nicht mit der Zulassung eines Medikaments. Sie beginnt dort erst richtig. Innovation muss verstanden, eingeordnet und verantwortungsvoll in die Versorgung integriert werden. Vielen ist gar nicht klar, dass die Entwicklung zehn bis fünfzehn Jahre dauert, ein bis drei Milliarden Euro kostet und in 90 Prozent der Fälle scheitert. Deswegen wird Aufklärung für uns zur Kernaufgabe, das Whitepaper, die Prompt Guides und die Masterclasses sind Beispiele dafür, und ehrlich gesagt lernen wir dabei selbst noch mit, während wir das entwickeln. Unser Motto lautet „Doing now what patients need next“, und das Wort Patient steht da bewusst drin. Wir machen das letztlich für Patientinnen und Patienten und die können wir selbst sein, unsere Angehörigen, unsere Freunde.
Health Relations: Stellen wir uns vor, wir führen dieses Gespräch in fünf Jahren erneut
und viele der heutigen Herausforderungen sind erfolgreich angegangen worden. Woran würden Patientinnen und Patienten diesen Fortschritt im Alltag ganz konkret erkennen?
Steiners: Meine Hoffnung ist, dass es eine elektronische Patientenakte gibt, die sicher, interoperabel und vollständig ist – sodass alle relevanten Gesundheitsinformationen dort zusammenlaufen und dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden. Dass ich damit zu meinem Arzt gehe, wir auf Augenhöhe sprechen, gerne beide KI-gestützt. Die beste Therapieentscheidung zu treffen bedeutet auch, dass alles, was weltweit an Innovationen verfügbar ist, auch in Deutschland ankommt und erstattet wird. Damit ich mir als Patient keine Gedanken machen muss, ob ich nur die zweit- oder drittbeste Option bekomme. Ich sehe leider die Gefahr, dass die aktuelle Gesundheitspolitik den Innovationsstandort Deutschland genau an diesem Punkt schwächt, anstatt ihn zu stärken. Mit handfesten Folgen für die Versorgung der Patienten und auch für unsere Wirtschaft. Da hoffe ich auf eine Kurskorrektur der Politik.
„Wir sind, was das Thema KI angeht, eigentlich noch ganz am Anfang.“
Health Relations: Ein Trend, der sich gerade abzeichnet, ist dass es eher von einem großen Universalmodell hin zu spezialisierten, kleineren Sprachmodellen geht. Wird das auch im Gesundheitsbereich so kommen?
Steiners:Ja, davon gehe ich aus. Im Gesundheitsbereich werden wir neben großen Universalmodellen zunehmend spezialisierte Systeme sehen. Entscheidend ist, dass sie für einen klaren Anwendungszweck entwickelt, mit hochwertigen Daten validiert und regulatorisch nachvollziehbar sind. In der Medizin zählt nicht nur, was ein Modell leisten kann, sondern auch, ob wir verstehen und belegen können, wie zuverlässig es dies tut.
„Wissen, das bisher hoch spezialisiert, fragmentiert und nur mit erheblichem Aufwand zugänglich war, kann heute in kürzester Zeit erschlossen und eingeordnet werden.„
Health Relations: Zum Schluss: Was macht Sie trotz aller offenen Fragen und Herausforderungen, die sich gerade im Gesundheitswesen auftun, zuversichtlich?
Steiners: Eine kleine Anekdote. Vor zwei Wochen saß ich morgens zu Hause und wollte wissen, wo eine bestimmte Gruppe klinischer Studien gerade steht. Früher hätte ich dafür mehrere Publikationen recherchiert, Abstracts verglichen und vermutlich Kolleginnen oder Kollegen hinzugezogen. Dieses Mal habe ich Gemini im Problem-Solving-Modus gefragt – mit der Bitte, jede Aussage mit Quellen zu belegen. Noch bevor ich mein Frühstück beendet hatte, hatte ich einen strukturierten Überblick über den aktuellen Stand der klinischen Entwicklung.
Diese Erfahrung hat mir noch einmal sehr deutlich gemacht: Wir erleben nicht nur eine technologische Revolution. Wir erleben eine kulturelle Revolution im Gesundheitswesen. Wissen, das bisher hoch spezialisiert, fragmentiert und nur mit erheblichem Aufwand zugänglich war, kann heute in kürzester Zeit erschlossen und eingeordnet werden. Damit verändert sich nicht nur, wie wir Informationen finden. Es verändert sich, wer Zugang zu medizinischem Wissen hat, wie Entscheidungen vorbereitet werden und wie Ärzte und Patienten miteinander sprechen. Wenn wir diese Entwicklung verantwortungsvoll gestalten, könnte KI die Medizin ähnlich grundlegend prägen wie einst die Einführung der evidenzbasierten Medizin.
Wie Roche Patientenkommunikation organisiert
Hinter Aussagen wie „Nothing for patients, without patients“ steckt bei Roche mittlerweile eine ganze Struktur. Ein Überblick über die wichtigsten Bausteine.
- Roche Patient Council: Neun Patientinnen, Patienten und Angehörige beraten den Konzern seit 2022 strategisch, unabhängig vom einzelnen Therapiegebiet.
- Patient Squads: In großen Disease Areas wie Multipler Sklerose arbeiten feste Gruppen aus Patientinnen und Patienten mit, nicht nur Materialien und Services zu entwickeln, sondern die Versorgung aus der Perspektive der Betroffenen neu zu denken.
- Summer Summit: Die Veranstaltung läuft dieses Jahr zum fünften Mal und gilt als jährliches Gipfeltreffen. Unter dem Motto „Informieren. Inspirieren. Vernetzen.“ treffen sich Patient-Influencer, Patienten-Experten und Vertreter von Organisationen.
- Content Creator Masterclass: Ebenfalls Teil der Initiative „Patient:in im Fokus“, entstanden auf Wunsch der Patienten-Community selbst. Vermittelt indikationsübergreifend Kompetenzen für Social Media und redaktionelle Arbeit, damit Betroffene ihre eigene Reichweite und Community aufbauen können. Seit 2025 nehmen auch Ärztinnen und Ärzte teil.
- Whitepaper Shared Decision Making: Gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten und Patientenvertretern entstanden, erklärt es, was KI in der eigenen Erkrankung leisten kann und wo ihre Grenzen liegen, etwa beim richtigen Prompten oder beim Einordnen von Ergebnissen. Über 40.000 Downloads, inzwischen in sieben Sprachen verfügbar.
- KI-Begleiter: Aufbauend auf dem Whitepaper entstanden „KI-Begleiter“ für Patienten und Angehörige. In diesen auf die jeweilige Indikation (z. B. bei Multipler Sklerose) maßgeschneiderten Prompting Guides gibt es alltagstaugliche Tipps für die KI Nutzung.
- Masterclasses: Regelmäßige Formate, in denen Roche das Thema KI gemeinsam mit Patientinnen, Patienten und Ärzteschaft weiterentwickelt, z. B. auf der OMR 2026.
- Begleit-Apps, etwa für Multiple Sklerose: Nicht an ein bestimmtes Arzneimittel gekoppelt, sondern als Unterstützung im Alltag mit der Erkrankung gedacht.

