Patientenportale: Was können sie für das Pharmamarketing leisten?

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Patientenportale sind längst mehr als digitale Informationsangebote. Sie entstehen an einer Schnittstelle, an der medizinische Versorgung, individuelle Informationsbedürfnisse und digitale Erwartungen aufeinandertreffen. Für Pharmaunternehmen eröffnen sich damit neue Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten entlang ihrer Erkrankung zu begleiten und neue Formen der Kommunikation zu etablieren.
Patienten informieren sich selbst
Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist nicht das Marketing, sondern ein struktureller Bedarf. Patientinnen und Patienten informieren sich heute selbst, oft intensiv und über längere Zeiträume hinweg. Gerade bei chronischen Erkrankungen reicht die punktuelle Information im Arztgespräch häufig nicht aus, um Therapieentscheidungen zu verstehen oder im Alltag umzusetzen. Gleichzeitig wächst die Erwartung, jederzeit auf verlässliche Informationen zugreifen zu können.
Hinzu kommen strukturelle Rahmenbedingungen der Versorgung. Ärztinnen und Ärzte können den steigenden Informationsbedarf im Alltag oft nicht vollständig abdecken. Zeit ist knapp, Personalressourcen sind begrenzt, und die Komplexität vieler Erkrankungen nimmt zu. Das Arztgespräch bleibt zentral, kann aber nicht alle Fragen auffangen, die im Verlauf einer Erkrankung entstehen.
Patientenportale schließen hier eine Lücke. Sie bündeln Inhalte, schaffen Orientierung und machen Informationen unabhängig von konkreten Versorgungssituationen zugänglich. Damit ersetzen sie nicht die ärztliche Beratung, sondern erweitern sie und tragen dazu bei, Informationsbedarfe zwischen Terminen aufzufangen.
Unterschiedlich gut informierte Patienten
Der Zugang zu Gesundheitsinformationen war nie so einfach wie heute. Gleichzeitig zeigt sich, dass Gesundheitskompetenz nicht im gleichen Maß zunimmt. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Informationen zu bewerten, Quellen einzuordnen und daraus Entscheidungen abzuleiten. Gesundheitskompetenz entsteht nicht allein durch die Verfügbarkeit von Wissen, sondern durch die Fähigkeit, dieses Wissen zu verstehen und anzuwenden.
Gleichzeitig gibt es eine wachsende Gruppe von Patientinnen und Patienten, die sich intensiv mit ihrer Erkrankung auseinandersetzen und sich ein hohes Maß an Wissen aneignen. Sie nutzen Fachquellen, Studien und spezialisierte Plattformen und bewegen sich in einzelnen Bereichen auf einem Niveau, das an Expertenwissen heranreicht.
Die Entwicklung hin zu mehr Patientenbeteiligung verläuft damit nicht gleichmäßig, sondern bildet ein Spektrum. Zwischen sehr gut informierten Patientinnen und Patienten und solchen, die Orientierung suchen, entstehen unterschiedliche Anforderungen an Informationsangebote. Patientenportale müssen beide Perspektiven berücksichtigen. Sie sollen inhaltliche Tiefe bieten und gleichzeitig verständlich bleiben. Diese Balance entscheidet darüber, ob sie als relevante und vertrauenswürdige Informationsquelle wahrgenommen werden.
Erweiterte Patientenkommunikation
Patientenportale entwickeln sich vor diesem Hintergrund zu eigenständigen digitalen Räumen, die über klassische Informationsangebote hinausgehen. Viele Angebote begleiten Patientinnen und Patienten entlang ihrer Erkrankung, bieten strukturierte Inhalte und ergänzende Services und schaffen kontinuierliche Kontaktpunkte.
Für Pharmaunternehmen bedeutet das eine Erweiterung ihrer Rolle. Neben der Entwicklung und Bereitstellung von Therapien gestalten sie zunehmend auch Informations- und Unterstützungsangebote. Patientenportale werden so zu einem Bestandteil des Pharmamarketings, ohne sich darauf reduzieren zu lassen. Sie tragen zur Aufklärung bei, strukturieren Krankheitswissen und begleiten Patientinnen und Patienten im Alltag.
Gleichzeitig sind sie Teil eines größeren Zusammenhangs. In den vergangenen Jahren haben sich unterschiedliche Formate der Patientenkommunikation etabliert, von digitalen Angeboten bis hin zu Veranstaltungen und krankheitsspezifischen Initiativen. In der Gesamtschau entsteht daraus ein Kommunikationsraum, der über einzelne Maßnahmen hinausgeht.
Für Pharmaunternehmen eröffnet sich damit die Möglichkeit, nicht nur Informationen bereitzustellen, sondern auch Rückmeldungen aufzunehmen. Erfahrungen von Betroffenen, Fragen zur Anwendung von Therapien oder Hinweise auf Versorgungslücken können in die Weiterentwicklung von Angeboten einfließen. Kommunikation verläuft damit nicht mehr ausschließlich in eine Richtung, sondern wird zunehmend dialogorientiert.
Beispiele für Patientenportale von Pharma
Eine Auswahl aktueller Patientenportale zeigt, wie unterschiedlich Pharmaunternehmen digitale Informations und Unterstützungsangebote ausgestalten. Die folgenden Beispiele geben einen Einblick in verschiedene Ansätze, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Das Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo hat Anfang Februar dieses Jahres die digitale Plattform https://verstanden.med für Betroffene von Krebs und deren Angehörige gelauncht. Das Portal orientiert sich nicht primär an Indikationen, sondern an den tatsächlichen Situationen und Bedürfnissen der Betroffenen. Eine kurze Einstiegsabfrage sorgt dafür, dass Inhalte individuell zugeschnitten werden. Das Portal richtet sich dabei gleichermaßen an Patientinnen und Patienten wie an Angehörige, die Betroffene begleiten.
Servier Deutschland präsentiert unter www.leben-mit-gliom.de eine neue Informationsplattform. Das Angebot richtet sich an Betroffene, Angehörige und die interessierte Öffentlichkeit. Dabei liegt der Schwerpunkt auf niedriggradigen Gliomen mit IDH-Mutation. Die Inhalte sollen wissenschaftlich fundiertes Wissen laienverständlich erklären. Ziel ist es, Betroffene und deren Angehörige von der Diagnose bis zur Nachsorge zu begleiten und mit praxisnahen Tipps, Checklisten und Kontaktadressen eine Unterstützung im Alltag anzubieten.
GSK hat mit www.copd-werde-aktiv.de eine Patientenplattform gestartet, die Betroffene über COPD informiert und sie dazu motivieren soll, aktiv mit ihrer Erkrankung umzugehen. Die Website bietet praktische Unterstützung für den Alltag sowie konkrete Hilfen für Arztgespräche, etwa Checklisten zur Symptombeobachtung und Vorbereitung von Terminen. Ziel ist es, die Kommunikation zwischen Patient:innen und Ärzt:innen zu verbessern und damit langfristig die Behandlung und Lebensqualität zu stärken
Transparenz und Einordnung
Mit der wachsenden Bedeutung dieser Angebote rückt auch die Frage nach ihrer Einordnung stärker in den Fokus. Viele Patientenportale werden von Pharmaunternehmen initiiert oder unterstützt. Sie unterliegen klaren regulatorischen Vorgaben und müssen rechtlich einwandfrei sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Informationen so aufbereitet werden können, dass sie nicht nur korrekt, sondern auch ausgewogen und nachvollziehbar sind.
Patientenportale bewegen sich nicht in einem neutralen Raum. Für Nutzerinnen und Nutzer ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, wer hinter einem Angebot steht und welche Perspektiven in die Darstellung von Inhalten einfließen. Damit gewinnen Transparenz und Einordnung an Bedeutung. Entscheidend ist, ob Inhalte verständlich sind, unterschiedliche Therapieoptionen abbilden und Vertrauen schaffen können.
Für Pharmaunternehmen entsteht daraus eine zusätzliche Herausforderung. Neben regulatorischen Anforderungen geht es zunehmend auch um die Frage, wie Angebote wahrgenommen werden und ob sie als glaubwürdige Informationsquelle gelten. Die Qualität von Patientenportalen entscheidet sich damit nicht nur an ihrer inhaltlichen Korrektheit, sondern auch an ihrer Transparenz und an der Fähigkeit, Orientierung zu bieten.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zu Patientenportalen
Was sind Patientenportale im Kontext des Pharmamarketings?
Patientenportale sind digitale Plattformen, die medizinische Informationen, Orientierung und unterstützende Inhalte für Betroffene bereitstellen. Sie verbinden Informationsangebote mit begleitenden Services entlang der Patient Journey. Für Pharmaunternehmen sind sie ein Instrument, um über die reine Therapie hinaus Mehrwert zu schaffen.
Welche Rolle spielen Patientenportale in der Patient Journey?
Patientenportale begleiten Betroffene entlang verschiedener Phasen:
- Orientierung nach der Diagnose
- Vertiefung von Krankheits- und Therapiewissen
- Unterstützung im Alltag und bei Therapieentscheidungen
- Vorbereitung auf Arztgespräche
Sie fungieren damit als kontinuierliche Informations- und Begleitstruktur, nicht als punktuelles Angebot.
Welche Funktion haben Patientenportale für Pharmaunternehmen?
Sie schaffen kontinuierliche Kontaktpunkte entlang der Erkrankung und ermöglichen es, Rückmeldungen zu Therapieerfahrungen, Informationsbedarfen und Versorgungslücken systematisch aufzunehmen. Kommunikation wird damit weniger kampagnengetrieben und stärker als fortlaufender Prozess organisiert, der Inhalte und Angebote iterativ verbessert. Sie bieten:
- Bereitstellung von krankheitsbezogenem Wissen
- Strukturierung komplexer Informationen
- Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung
Welche Patientenportale gibt es? (Auswahl)
- Daiichi Sankyo („verstanden.med“)
→ Bedürfnisorientierte Inhalte mit individueller Nutzerführung - Servier („leben-mit-gliom.de“)
→ Indikationsspezifische, wissenschaftlich fundierte Informationen - GSK („copd-werde-aktiv.de“)
→ Aktivierung und Unterstützung im Alltag sowie Vorbereitung auf Arztgespräche

