Chatbot-Diagnose im Jahr 2025: Schöne neue Digitalwelt?

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Prof. Gerlach im Gespräch mit Dr. Eckart von Hirschhausen. @Universität Witten/Herdecke

Stellen Sie sich vor: Sie haben Kopfschmerzen und fragen sich, was Sie tun können. Professor Gerlach von der Universität Frankfurt entwirft ein Zukunftsszenario, wie es im Jahr 2025 in diesem Fall weitergehen könnte.

Als Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen berät Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach den Bundesrat, den Bundestag und die Bundesregierung. Er besitzt also einen Überblick über viele Maßnahmen und Reglementierungen im digitalisierten Gesundheitsbereich. Und obwohl noch viele dicke Bretter zu bohren sind und es keine zentrale Koordination einer Digitalstrategie über alle Ministerien hinweg gibt, könnte er sich im Jahr 2025 folgendes Szenario eines Patientenbesuchs in Deutschland vorstellen:

„Stellen Sie sich vor: Sie haben Kopfschmerzen und fragen, was Sie tun können. Im Jahr 2025 haben Sie in Ihrer Wohnung vielleicht das Sprachassistenzsystem Alexa stehen. In dem Augenblick, in dem die Frage gestellt wird, schaltet sich im Hintergrund ein Chatbot-System ein, wie zum Beispiel Ada Health.

Ada Health ist ein künstliches, algorithmengestütztes Dialog-System. Das fragt dann: ,Wo hast du Kopfschmerzen? Beidseitig oder einseitig? Hast du auch Übelkeit? Hast du Sehstörungen? Hast du einen hohen Blutdruck?‘ Und nach jeder Antwort berechnet Ada die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Diagnose.

Wenn Ada fertig ist, sagt es: ,Neun von zehn Patienten mit deinen Beschwerden haben Spannungskopfschmerzen. Du kannst dich jetzt ins Bett legen und ausschlafen. Wenn die Schmerzen so stark sind, dass du es nicht aushältst, können wir dir auch per Expresslieferung über Amazon Prime eine Packung Aspirin Plus C nach Hause schicken.'“

Ada Health könnte Teil einer zukünftigen Plattformökonomie werden. 

Sowohl Ada Health, als auch die Amazon Prime Auslieferung gibt es bereits. In München und Berlin liefert Amazon innerhalb von zwei Stunden aus, zahlt man hinzu, dauert die Auslieferung nur eine Stunde. Amazon-Drohnen, die zum ersten Mal im Jahr 2016 in Großbritannien ausgeliefert haben benötigen in einem Umkreis von 16 Kilometern eine Lieferzeit von 30 Minuten.

„Es kann aber auch sein, dass Ada sagt: ,Das muss sich ein Arzt angucken. Sollen wir dir einen Termin machen mit einem unserer Videoärzte? Innerhalb von dreißig Minuten wirst du zurückgerufen.‘ Der Teledoktor hat dann auf seinem Bildschirm die Arztansicht. Alle Antworten, die vorher Ada gegeben wurden, bekommt er angezeigt mit unterschiedlich dicken Pfeilen, die auf drei oder fünf Differenzialdiagnosen weisen.

Eventuell stellt er am Ende des Gesprächs fest: ,Wir müssen das weiter untersuchen. Sollen wir dir einen Termin in einem unserer Arztzentren machen? 2,3 Kilometer entfernt ist Frau Dr. Müller, die sich sehr gut mit Kopfschmerzen auskennt. Sie hat um 15.15 Uhr noch einen Termin frei. Sollen wir dich einbuchen? Ja. Sollen wir dich dort auch hintransportieren? Mit Uber Health wirst du abgeholt und dort sofort hingebracht.'“

In Großbritannien gibt es bereits die Videokonsultation, einige Anbieter, wie etwa Dr. Ed, haben sich auf deutsche Patienten spezialisiert. Auf dem 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt wurde entschieden, dass die Richtlinien zur Fernbehandlung neu geregelt werden sollen. Es ist davon auszugehen, dass es auch hier bald verstärkt Videosprechstunden geben wird. Auch Uber Health findet bereits statt. Es ist ein spezialisierter Service von Uber für Gesundheitseinrichtungen, damit Patienten pünktlich zu vereinbarten Terminen kommen.

Die Online-Praxis Dr. Ed, mit Sitz in Großbritannien, berät deutsche Patienten.

„Alles, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, gibt es schon. Nicht in Deutschland, aber in anderen Ländern. Die Patienten werden von einem Algorithmus gesteuert, der in der Wohnung, am Arbeitsplatz, im selbstfahrenden Auto präsent ist. Patienten werden bei ersten Beschwerden aufgegriffen, via E-Commerce und Telekonsultation begleitet und in ein ganz bestimmtes Arztzentrum, das Teil der Wertschöpfungskette ist, geleitet.

Diese Entwicklung hin zur Plattformökonomie auch im Gesundheitswesen sollte uns alle beschäftigen. Künstliche Intelligenz und datengestützte Algorithmen haben eine Menge Vorteile, aber es gibt auch viele Probleme: etwa mehr Fehlalarme, mehr Diagnostik, Routing in bestimmte Richtungen, intransparente Algorithmen. Andere Länder, wie Estland oder Dänemark zeigen bereits, was mit einer ausgereiften digitalen Governance-Struktur möglich ist. Ich empfehle, sich die digitalen Entwicklungen im Gesundheitsbereich in den nächsten Jahren genau anzuschauen und soweit möglich aktiv mitzugestalten!“


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Heilen Heute, Heilen Morgen – Zeit für Veränderung“ der Universität Witten/Herdecke stellte Prof. Dr. Ferdinand M. Gerlach im Gespräch mit Dr. Eckart von Hirschhausen obiges Szenario vor. Die gesamte Ringvorlesung vom 3. Dezember können Sie sich hier ansehen:

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