Pharmaunternehmen und der Krieg: Transparenz wagen

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© gunayaliyeva/Adobe Stock

Der Krieg in der Ukraine ist für internationale Pharmaunternehmen eine moralische, ethische und wirtschaftliche Herausforderung. Wie umgehen mit Russland als Handelspartner? Die Kommunikation verlangt in diesen Zeiten vor allem eines: Klarheit!

Arzneimittel sind von den Sanktionen westlicher Staaten gegen Russland ausgeschlossen.  Die Versorgung der russischen Patient:innen mit Medikamenten soll sichergestellt sein. Doch wie sieht es mit darüber hinaus gehenden Geschäftsaktivitäten aus?  Es stellt sich die Frage: Soll die Pharmabranche Russland boykottieren, den gesamten Handel einstellen und damit dem Beispiel anderer Branchen folgen? Das wäre ein starkes Statement. Aber würden Pharmaunternehmen damit nicht ihr originäres Ziel, weltweiten Zugang zu Medikamenten zu schaffen, torpedieren?

Die Lage ist brisant. Wenn Zucker und Windeln in den Regalen russischer Supermärkte knapp werden, wie die Frankfurter Allgemeine Anfang April titelte, dann kann das tragisch sein. Wenn Medikamente fehlen, kann das für Teile der Bevölkerung katastrophal, vielleicht sogar lebensbedrohlich sein. Zu Recht herrscht in Russland Sorge, was die Versorgung mit essenziellen Medikamenten angeht. Denn Russland ist in Sachen Pharmazeutika ein Importland, nur ca. ein Drittel der Medikamente, nach Absatzpreisen bewertet, werden lokal hergestellt, der Rest wird zum größten Teil aus Deutschland, Frankreich und Italien importiert.  Stada, Berlin Chemie, Novartis, Roche oder auch Bayer, zahlreiche westliche Pharmaunternehmen sind in Russland in unterschiedlichen Umfängen aktiv.
Die Wahrheit ist: Es gibt in dieser Krise keine einfachen Antworten – und doch müssen kommunikative Lösungen gefunden werden, um das eigene Tun transparent zu machen und die Unternehmensreputation nicht zu gefährden. Wer als international agierendes Unternehmen Russland nicht boykottiert, gerät vielleicht in Gefahr, als Kriegsgewinnler zu gelten oder einem zweifelhaften Wertekodex zu folgen. Andererseits haben Pharmaunternehmen eine moralische Verpflichtung ihren Patient:innen gegenüber; Leben bewahren und verbessern ist Teil ihrer Daseinsberechtigung.

Kommunikation im Krisenmodus

Klare Worte finden, erklären, das Problem benennen, für diesen kommunikativen Weg entschied sich Bayer-Chef Werner Baumann bei der Vorstellung der Bilanz für 2021. „Ein Angriffskrieg auf ein souveränes Land mitten in Europa, das ist ein schwerer Schlag für die universellen Werte der Freiheit und der Demokratie“, sagte er. Ein Rückzug vom russischen Markt aber sieht Baumann nicht als gegeben. „Sofern es keine weiteren Einschränkungen gibt, werden wir an dem Geschäft festhalten.“ Allerdings wird der Konzern bis auf Weiteres alle Werbemaßnahmen, Investitionsprojekte und nicht essenzielle Geschäfte stoppen. Gemeint sind damit alle Ausgaben, die nicht mit der Bereitstellung unverzichtbarer Produkte in den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft zusammenhängen.

Auch Berlin Chemie erklärt sich mit der Ukraine solidarisch und setzt nach eigenen Angaben alle neuen Investitionen aus. Medikamente würden weiter nach Russland geliefert werden. „Die internationalen Sanktionen schließen Arzneimittel aus, und wir liefern weiterhin Medikamente nach Russland, die für Patienten bestimmt sind, die auf sie angewiesen sind.“

Roche, Novartis und Sanofi gaben zudem an, in Russland keine neuen Teilnehmenden für klinische Studien zu rekrutieren. Stoppen, was nicht essenziell ist, liefern, was Leben bewahren kann: Auf diese Faustformel scheint sich die Branche geeinigt zu haben. Sie soll zeigen: Wir sehen unsere Verantwortung, wir sind solidarisch mit der Ukraine, haben aber auch eine moralische Verpflichtung als Gesundheitsunternehmen. Die Kunst ist es, genau das auch zu kommunizieren.

Kommunikation ohne Schlupflöcher

Was jetzt helfen kann, ist eine proaktive, transparente Kommunikation, die Haltung zeigt und sich nicht in leeren Worthülsen auflöst. Unternehmensentscheidungen sollten verständlich erläutert, Motivationen verdeutlicht werden. Der Verzicht auf einen vollständigen Boykott Russlands heißt eben nicht, dass Pharmaunternehmen nicht Stellung beziehen können oder dürfen. Haltung, das kann sich zum einen in einer klaren Verurteilung des Angriffskrieges zeigen, zum anderen in der Unterstützung der Ukraine, beispielsweise durch Spenden. Unternehmen wie Lilly oder Pfizer gehen sogar einen Schritt weiter: Gewinne, die in Russland erwirtschaftet werden, sollen in humanitäre Hilfsorganisationen (Lilly) und Organisationen, die in der Ukraine direkte humanitäre Hilfe leisten, fließen (Pfizer).

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine verlangen Unternehmenskommunikation und -marketing viel Fingerspitzengefühl. Sie müssen ehrlich, authentisch, klar und nachvollziehbar sein. Pharmaunternehmen, die jetzt nicht zu ihrer Entscheidung im Umgang mit Russland stehen und diese nicht klar formulieren, riskieren vielleicht mehr, als dass sie gewinnen.

Journalistin und Online-Redakteurin. Schreibt über Marken und Markenmacher in Healthcare, über Pharma- und Social-Media-Kommunikation.

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