Transparenzkodex der Pharmaindustrie: 5 wichtige Infos zur Neuregelung ab Juli

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Seit Juli gilt der Transparenzkodex der Pharmaindustrie. Hersteller veröffentlichen jetzt die Namen der Ärzte und Kliniken, die Zuwendungen erhalten haben.

Es gibt ihn seit zwölf Jahren – den Transparenzkodex des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). Er regelt die Zusammenarbeit von Arzneimittelherstellern mit Ärzten. Seit Juli 2016 stehen erstmals detaillierte Informationen zu Geldflüssen an Ärzte und medizinische Organisationen auf den Firmenwebsites. Teils mit wenigen Klicks auffindbar, teils nach intensiverer Suche.

1. Was genau stellen Pharmafirmen ab Juli 2016 online ?

Die FSA-Mitglieder dokumentieren seit 2015 alle Leistungen, die an Ärzte, andere Fachkreisangehörige und medizinische Organisationen fließen. Das können Forschungsgelder sein, aber auch Einladungen zu Fortbildungsveranstaltungen und Vortragshonorare, Reise- und Übernachtungskosten.

Nun veröffentlichen die Pharmafirmen erstmals die Namen und Höhen der Zuwendungen – bezogen auf das vergangene Jahr.

Beispiel abbvie: Auf 51 Seiten ist aufgeführt, wer wiel viel Geld für z.B. Tagungen, Reisen, Übernachtung und Honorar erhalten hat. Zuwendungen an medizinische Einrichtungen oder Organisationen mit einem Wert von über € 10.000. Zuwendungen an Patientenorganisationen werden grundsätzlich ab dem ersten Euro veröffentlicht.
Beispiel abbvie: Auf 51 Seiten ist aufgeführt, wer wie viel Geld für z.B. Tagungen, Reisen, Übernachtung und Honorar erhalten hat. Mit wenigen Klicks sind die Informationen auf der Website zu finden.

2. Wer macht bei der Transparenzoffensive mit?

Der Kodex gilt für alle Mitgliedsunternehmen des FSA und deren inländische Tochterunternehmen sowie andere verbundene Unternehmen. Die dem FSA angeschlossenen Unternehmen repräsentieren nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Pharma-Markts. Der Knackpunkt an der Offenlegung: Ärzte und andere „Angehörige der Fachkreise“, die Gelder von Pharmafirmen erhalten haben, müssen aus Datenschutzgründen ihre Zustimmung erteilen, bevor das Unternehmen Namen und Summen veröffentlichen darf. Das ist laut „Ärzteblatt“ aber nur bei rund einem Drittel bislang der Fall. Stimmen Ärzte nicht zu, addieren sich die an sie geflossenen Zahlungen zu einer Gesamtsumme.

3. Wie viel hat die Pharmaindustrie 2015 an Ärzte & Co. gezahlt?

Insgesamt beträgt die Gesamtsumme der Leistungen der 54 Unternehmen für das Jahr 2015 mehr als eine halbe Milliarde Euro (575 Mio.). Der größte Anteil davon (64 Prozent, 366 Mio.) floss in den Bereich Forschung und Entwicklung, ca. 21 Prozent (119 Mio.) wurden für Vortragshonorare und Fortbildungen gezahlt.

Weitere 15 Prozent (90 Mio.) gingen an medizinische Organisationen und Einrichtungen für Sponsoring von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen.

4. Wer sind „Angehörige der Fachkreise“?

„Angehörige der Fachkreise sind Ärzte und Apotheker sowie alle Angehörigen medizinischer, zahnmedizinischer, pharmazeutischer oder sonstiger Heilberufe und sämtliche andere Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Humanarzneimittel verschreiben oder anwenden oder mit diesen in erlaubter Weise Handel treiben“, heißt es dazu auf der FSA-Website: Medizinische Einrichtungen sind definiert als Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit, Medizin und Forschung sowie Organisationen wie Krankenhäuser, Kliniken, Stiftungen, Universitäten und andere lehrende Institute, die ihren Sitz in Deutschland haben.

Beispiel Seqirus: In dem Dokument auf der Website werden nur die aggregierten Gesamtbeträge offengelegt.
Beispiel Seqirus: In dem Dokument werden die aggregierten Gesamtbeträge offengelegt.

5. Was halten Ärzte von der Offenlegung der Zuwendungen?

Im Vorfeld gab es Kritik, der Transparenzkodex sei nur eine „Imagekampagne“ der Pharmafirmen. Kritisiert wurde auch, dass es keine Verpflichtung der Ärzte zur Veröffentlichung gibt. Wie das „Deutsche Ärzteblatt“ berichtet, geht der Bundesärztekammer die Veröffentlichung nicht weit genug. Bereits im Vorjahr hieß es in einer Stellungnahme dazu: „(…) wir wünschen uns prospektiv, dass die Veröffentlichung der Zuwendungen unabhängig von der Zustimmung des Empfängers erfolgen kann. Alternativ sollten Pharmaunternehmen auf die Zusammenarbeit mit Ärzten verzichten, die nicht genannt werden wollen.“

Die Stiftung Patientenschutz bemängelt, dass sich Ärzte bei den bei Transparenzlisten „hinter dem Datenschutz verstecken“ dürften.

Beispiel USA: „Dollars for Docs“  und „Open Payments“

In der Datenbank „Dollars for Docs“ kann jeder nachlesen, welcher Arzt wie viel Geld von welchem Unternehmen erhalten hat. In den USA ist eine Offenlegung der Zuwendungen für Ärzte Pflicht. Diese bieten die Datenbanken Open Payments und  „Dollars for Docs“. Jeder Interessierte kann nachlesen, wann, welcher Arzt wie viel Geld für welche Tätigkeit von welchem Unternehmen erhalten hat.

Eine solche Datenbank mit Suchfunktion ist sinnvoll, denn wer klickt schon die Websites von mehr als 50 Pharmafirmen durch, um herauszufinden, ob ein betreffender Arzt oder eine bestimmte Klinik, entsprechende Zuwendungen erhalten hat? Ein Anfang: Zuwendungen der FSA-Mitgliedsunternehmen an Patienten­organisationen hat der FSA nun erstmals in einer Datenbank zusammengefasst.

Dollars for Docs
Dollars for Docs (Screenshot)

UPDATE (14. Juli 2016)

Spiegel Online und das journalistische Portal Correktiv haben gemeinsam eine Datenbank erarbeitet, bei der anhand einer interaktiven Karte Patienten ihre Ärzte suchen und nähere Informationen zu Zuwendungen erhalten können.

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