Falsche Gesundheitsinformationen kursieren millionenfach in sozialen Medien. Aber: Richtigstellungen erreichen die betroffene Zielgruppe oft nicht. Denn Falschinformationen verbreiten sich unter Umständen algorithmisch schneller als Korrekturen. Was das für Disease Awareness und Patientenaufklärung bedeutet.

Die wichtigsten Inhalte in Kürze

Desinformation im Healthcare-Segment nimmt in sozialen Medien an Umfang und Professionalität zu. Sie reicht von nicht belegten Behandlungstipps bis zu KI-generierten Deepfakes, in denen bekannte Ärztinnen und Ärzte als Werbefiguren für Produkte missbraucht werden, die sie nie empfohlen haben. Das Problem für Pharmamarketing und Gesundheitskommunikation ist strukturell: Falschinformationen verbreiten sich algorithmisch oft schneller als Korrekturen. Reaktive Kommunikation kommt zu spät und erreicht selten das Publikum, das die Fehlinformation bereits gesehen hat. Wer dauerhaft glaubwürdig kommunizieren will, muss Vertrauen aufbauen, bevor es gebraucht wird.

Mehr als 4.600 Anzeigen, 21,5 Millionen Mal ausgespielt. So oft wurden allein zwischen Januar und Juli 2025 problematische Gesundheitsanzeigen auf Facebook und Instagram im deutschsprachigen Raum sichtbar. Ausgespielt überwiegend an Menschen älter als 55 Jahre. Dokumentiert hat das das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (Quelle: ÖIAT, 12/2025). Die Zahlen stehen für ein großes Problem: Falsche Gesundheitsinformationen erreichen in sozialen Medien ein Millionenpublikum. Algorithmen vergeben Reichweite nach Aufmerksamkeit vergeben, nicht nach Korrektheit.

Falsche Narrative bleiben eher in Erinnerung, Korrekturen oftmals nicht

Desinformation im Healthcare-Segment hat unterschiedliche Ursprünge. Auf der einen Seite stehen schlecht recherchierte Inhalte, gut gemeint, aber fachlich falsch. Auf der anderen Seite existieren Inhalte, die bewusst Menschen täuschen sollen. Das Spannungsfeld ist als groß und zunehmend technisch ausgreift. Stichwort Deepfakes: KI-generierte Video- oder Audioaufnahmen, in denen realen Personen Aussagen zugeschrieben werden, die sie nie gemacht haben. Bekannte Medizinerinnen und Mediziner werden so ohne ihr Wissen zu Werbefiguren für Nahrungsergänzungsmittel oder Wundermittel gemacht. Eckart von Hirschhausen, Arzt und TV-Moderator, beschreibt es in einem MDR-Beitrag mit diesen Worten: „Es ist ein ganz komisches Gefühl, sich selber zu hören und zu wissen, das habe ich nie gesagt.“ (Quellen: MDR Aktuell, 25. Februar 2026: „Deepfake-Betrug: Wenn Prominente für Wundermittel werben“ | Keynote Luis Teichmann, DMEA 2026, Berlin).

Was alle Formen von Desinformation verbindet: Inhalte, die überraschen, emotionalisieren oder polarisieren, erzielen in sozialen Medien oftmals mehr Reichweite als eingeordnete, korrekte Information. Das macht sie wirkungsstark. Und ist das Narrativ erst einmal gesetzt, lässt es sich schwer wieder aus den Köpfen der Userinnen und User bringen.

Vertrauen in Pharmaprodukte gefährdet

Falsche Gesundheitsinformationen können die Informationsräume besetzen, in denen Gesundheitsentscheidungen vorbereitet werden. Also bevor Ärztinnen und Ärzte, Krankenkassen oder Pharmaunternehmen kommunizieren. Besonders wirksam ist dabei eine wiederkehrende Aussage in gefälschter Gesundheitswerbung: Pharmaunternehmen und Ärzte hielten Patientinnen und Patienten absichtlich krank, während vermeintliche Geheimmittel echte Heilung böten (Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 7/2026). Das kann das Vertrauensverhältnis nachhaltig belasten und damit den Erfolg von Informationskampagnen von Pharmaunternehmen behindern. Das betrifft Disease- und Awarenesskampagnen ebenso wie Therapien.

Verbraucherschützerin Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW berichtet in dem Artikel im Deutschen Ärzteblatt von Fällen, in denen Patientinnen und Patienten durch irreführende Werbung dazu gebracht wurden, verordnete Medikamente abzusetzen. Impfbereitschaft und Therapietreue sind messbare Ziele von Gesundheitskommunikation. Beides wird durch Desinformation kolportiert.

Beispiel 1: TikTok-Influencerin empfiehlt Bonbons gegen Panikattacken

Rettungssanitäter und Medfluencer Luis Teichmann illustrierte in seiner Keynote (Agieren statt Reagieren“ auf der DMEA 2026 in Berlin das strukturelle Problem an einem konkreten Fall. Ein TikTok-Video empfahl fünf Maßnahmen gegen Panikattacken. Darunter das Lutschen saurer Bonbons, die Verwendung von Coolpacks und Pfefferminzöl. 3,6 Millionen Aufrufe sammelte dieses Video. Ein Mediziner veröffentlichte daraufhin eine Richtigstellung und Einordnung. Sie erreichte nach Teichmanns Angaben nur einen Bruchteil dieser Reichweite. Warum? Weil Algorithmen Erstveröffentlichungen bevorzugen; Reaktionsformate setzen ein Publikum voraus, das bereits aktiv nach Korrekturen sucht. Richtigstellung und Fehlinformation kämpfen nicht unter gleichen Bedingungen.

Beispiel 2: Deepfakes mit bekannten Ärzten

Von Deepfakes sind neben Hirschhausen unter anderem der Virologe Hendrik Streeck und der Kardiologe Martin Halle betroffen. Sie alle werden als vermeintliche Fürsprecher für Produkte inszeniert, die sie nie empfohlen haben. Hirschhausen hat juristisch gehandelt und vor dem Oberlandesgericht Frankfurt eine Verpflichtung Metas zur Löschung solcher Inhalte erstritten. Die Umsetzung beschreibt er bis heute als unzureichend (Quelle: MDR Aktuell, Februar 2026). Meta hat nach eigenen Angaben 2025 rund 159 Millionen betrügerische Anzeigen gelöscht. Wie viele zuvor ausgespielt wurden, ist nicht belegt (Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 7/2026). Deepfake-Betrug und seine rechtlichen Dimensionen ist ein eigener Themenkomplex. Was sie für Pharmamarketing relevant macht, ist das, was daraus folgen kann. Misstrauen gegenüber evidenzbasierter Medizin, platziert in den Kanälen, in denen Gesundheitsentscheidungen fallen können.

Was folgt für Pharma daraus?

Pharmaunternehmen kommunizieren in einem juristisch stark reglementierten Raum. Desinformation tut das nicht. Diese Asymmetrie lässt sich schwer auflösen, aber strategisch einkalkulieren. Denn was Pharma mitdenken kann, ist, dass reaktive Kommunikation allein nicht ausreicht, um Desinformation auszuhebeln. Wer erst kommuniziert, wenn eine Falschinformation kursiert, kämpft algorithmisch in der Nachhand. Heißt: Es braucht eine dauerhafte, konsistente und plattformgerechte Präsenz, die Vertrauen aufbaut, bevor es gebraucht wird.

Pharmaunternehmen haben dabei einen Vorteil, den viele andere Akteure nicht haben. Sie können auf wissenschaftliche Evidenz, Compliance-Strukturen und Netzwerke im medizinischen Fachbereich zurückgreifen und so eine belastbare Beziehung zum User und zur Userin aufbauen. Vertrauen entsteht nicht im Moment der Krise. Es entsteht davor.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zu Desinformationen im Gesundheitsbereich

Was versteht man unter Desinformation im Gesundheitsbereich? Desinformation umfasst falsche oder irreführende Gesundheitsinformationen, unabhängig davon, ob sie absichtlich verbreitet werden. Das Spektrum reicht von nicht belegten Behandlungstipps über irreführende Studieninterpretationen bis zu KI-generierten Deepfakes, in denen bekannten Ärzten Aussagen zugeschrieben werden, die sie nie gemacht haben.

Was sind Deepfakes und welche Reichweite haben sie? Deepfakes sind KI-generierte Aufnahmen, in denen realen Personen Aussagen in den Mund gelegt werden, die sie nie gemacht haben. Allein auf Meta-Plattformen wurden zwischen Januar und Juli 2025 über 4.600 problematische Gesundheitsanzeigen dokumentiert, die im deutschsprachigen Raum mehr als 21,5 Millionen Mal ausgespielt wurden. (ÖIAT, 12/2025)

Warum reichen Richtigstellungen nicht aus? Algorithmen bevorzugen Erstveröffentlichungen. Reaktionsformate erzielen strukturell weniger Reichweite und erreichen selten das Publikum, das die Fehlinformation bereits gesehen hat. Auf der DMEA 2026 belegte Luis Teichmann das am Beispiel eines TikTok-Videos zu Panikattacken: 3,6 Millionen Aufrufe für die Falschinformation, ein Bruchteil davon für die medizinische Richtigstellung. (Keynote Luis Teichmann, DMEA 2026)

Was können Pharmaunternehmen konkret tun? Vertrauen muss aufgebaut werden, bevor es gebraucht wird – durch dauerhafte, konsistente und plattformgerechte Kommunikation, nicht nur anlassbezogen. Wissenschaftliche Evidenz und Compliance-Strukturen sind dabei kommunikativ verwertbare Ressourcen.

(Disclaimer: Die FAQ wurden mit KI generiert.)