COVID-19 als Katalysator für die Videosprechstunde

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COVID-19 sorgt für einen Boom der Telemedizin. Das Virus erweist sich als Katalysator für die Verbreitung und Akzeptanz der Videosprechstunde, die Kliniken und Praxen inzwischen anbieten.

Das Jahr 2020 ist eine Zäsur für das deutsche – und globale – Gesundheitssystem. Der Impact, den Covid-19 auf unser aller Leben haben wird, ist derzeit kaum zu ermessen. Was wir aber schon jetzt merken: Die Digitalisierung nimmt Fahrt auf. Der Need ist da. Bei Ärzten. Und bei Patienten.
Ein klares Indiz dafür dürfte die Entscheidung der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbands sein, aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus die Begrenzungsregelungen bei Videosprechstunden für das zweite Quartal 2020 aufzuheben. Bis dato durfte der Arzt maximal 20 Prozent der Behandlungsfälle mit Videosprechstunde behandeln.

Die neue Regelung gilt ab dem 1. April 2020. Der Berliner Health Innovation Hub (HIH), Think Tank des Bundesministeriums für Gesundheit, erklärt auf seiner Website:  „Die Videosprechstunde kann die Verbreitung des Virus verlangsamen und schützt andere Patient*innen – insbesondere chronisch und ernsthaft Erkrankte – und das medizinische Personal vor einem unnötigen Infektionsrisiko.“ Ein Bekenntnis zur digitalen Sprechstunde.

Wachstumsraten > 1.000 Prozent: Videosprechstunde boomt

„Betreiber von Telemedizinplattformen berichten von Wachstumsraten in den vergangenen Tagen um über 1.000 Prozent“, erklärt Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub, im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir haben bald über 20.000 Ärzte und Therapeuten, die bei den von der KBV zertifizierten Angeboten dabei sind und Videosprechstunden anbieten. Es zahlt sich aus, dass die KBV-Zertifizierungen vor einigen Monaten durchgeführt wurden.“ Telemedizin als Chance. Für viele Kliniken kommt dieser Gedanke nicht unerwartet; sie waren es, die in den vergangenen Monaten die Telemedizin in Deutschland vorantrieben.

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Welche Unternehmen bieten Software für Videosprechstunden?

Das Rhön-Klinikum beispielsweise arbeitet nach eigener Aussage gemeinsam mit dem Schweizer Anbieter Medgate seit vergangenem Jahr daran, die Führung auf dem nationalen Telemedizin-Markt zu übernehmen. Der Asklepios-Konzern treibt im Rahmen des Digital HealthyNear Programms auch die telemedizinische Sprechstunde weiter voran. Erst vor kurzem machte Deutschlands größter Klinikbetreiber Fresenius von sich reden. Dessen Tochter Curalie erwarb den Frankfurter Software-Entwickler Digitale Gesundheitsgruppe (DGG). Das Ziel, so das Unternehmen, ist eine offene Plattform, die Patienten mit digitaler Hilfe begleiten soll – von der Prävention bis zur Nachsorge. Im Fokus steht vor allem die Patientengruppe mit chronischen Erkrankungen.

Für sie alle dürfte die aktuelle Situation ein Katalysator darstellen. Anbieter von telemedizinischen Softwarelösungen registrieren einen wachsenden Need auch seitens der Arztpraxen. Viele der Anbieter,  wie beispielsweise die CompuGroup Medical (CGM), reagieren mit kostenfreien Zugängen zu Videosprechstundenlösung auf diese Situation. Auch der Anbieter samedi, mit dem die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg bei ihrem Telemedizin-Projekt docdirekt kooperiert, bietet seine Software den Ärzten aktuell kostenlos an.

Die Aufgabe jetzt? Den Boom verstetigen

Noch vor einem Jahr titelte der Deutschlandfunk: „Kaum ein Arzt im Netz“. Telemedizin in Deutschland fuhr mit angezogener Handbremse. Fragen in der Honorierung, eine ausbaufähige Telematikstruktur und die mangelhafte Akzeptanz beim Arzt und Patienten sorgten für einen eher verhaltenen Erfolg von Fernbehandlungen. Da konnten auch die 2018 veröffentlichten Ergebnisse der Fontane-Studie der Charité -Klinik in Berlin nichts ändern. Sie zeigten, dass Telemedizinpatienten weniger Tage aufgrund von ungeplanten kardiovaskulären Ereignissen im Krankenhaus verbringen mussten und länger lebten.  Corona aber sorgt für Dynamik und motiviert auch Ärzte, die Vorteile der Technologie für sich zu identifizieren und aus Handlungsmustern auszubrechen.

Setzten in der Vergangenheit viele Player auf den Patienten als Treiber der Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem, kommt jetzt also der Mediziner ins Spiel. Das ist gut, denn der Patient fremdelte in den letzten zwei Jahren ebenso sehr mit der Videosprechstunde wie mancher Arzt: Das pwc Healthcare Barometer 2020  zeigt, dass sich bisher lediglich 54 Prozent der Befragten vorstellen könnten, eine Videosprechstunde statt eines persönlichen Arztbesuchs zu nutzen. Das ist ausbaufähig – und zwar mit dem Arzt als Partner. Wenn der Arzt selber dem Patienten die telemedizinische Sprechstunde empfiehlt, kann das zu deren Akzeptanz beitragen. Alles, was vor diesem Hintergrund den Arzt-Patienten-Dialog und den Zugang zu telemedizinischen Tools erleichtert, ist jetzt willkommen. Die Coronakrise kann eine Chance sein, Telemedizin als Baustein einer digitalen Gesundheitsversorgung zu etablieren.

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