DiGA Oviva Direkt: „Wir wollen Versorgungslücken schließen“

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Anna Haas ist Geschäftsführerin von Oviva Deutschland © Oviva Deutschland

Dr. Anna Haas ist Geschäftsführerin bei Oviva Deutschland. Das Unternehmen hat eine DiGA entwickelt, die bei Adipositas-Patient:innen zum Einsatz kommt. Dr. Anna Haas glaubt, dass DiGA bei einigen Indikationen bald zur Standardtherapie gehören wird.

In diesem Interview erfahren Sie:

  • Was die DiGA Oviva Direkt kann und wie sie entwickelt wurde,
  • welche Anforderungen erfüllt sein müssen, damit DiGA langfristig in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen werden,
  • wie DiGA bei Ärzten bekannter gemacht werden,
  • wie sich der Markt noch entwickeln könnte

 

Health Relations: Ihr Unternehmen hat die DiGA Oviva Direkt für Adipositas entwickelt. Können Sie kurz erklären, was die App kann?

Dr. Anna Haas: Unsere 12-wöchige Adipositas-Therapie via Oviva Direkt App unterstützt nachhaltig beim Abnehmen. Nach einem 45-minütigen Startgespräch mit der persönlichen Ernährungsberaterin nutzen die Patient:innen unsere Oviva Direkt App. Darin dokumentieren und kategorisieren sie Mahlzeiten, Aktivitäten und tragen ihr Gewicht ein. Per Chat können sie ihrer persönlichen Ernährungsberaterin Fragen stellen.

Zusätzlich wird pro Woche eine neue Lektion mit Lerninhalten rund um das Thema Körper und Gesundheit in der App freigeschaltet. Dazu gibt es personalisierte Aufgaben, die auf die individuellen Ziele zugeschnitten sind und deren Status in der App verfolgt werden kann. In der automatisch erstellten Wochenübersicht werden alle Fortschritte übersichtlich dargestellt. So bleiben die Patient:innen motiviert und behalten stets den Überblick.

Health Relations: Auf welcher Basis haben Sie die App entwickelt?

Die App von Oviva Direkt ist für die Behandlung von Adipositas-Patient:innen gedacht. © Oviva Deutschland

Dr. Anna Haas: Die multimodale, digitale Therapie mit Oviva wurde basierend auf aktuellen Empfehlungen der S3-Richtlinie sowie auf der Erfahrung von mehr als 200.000 betreuten Oviva Patient:innen entwickelt. Wir arbeiten eng mit Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen zusammen, um unser Angebot stetig zu verbessern und auszubauen.

Health Relations: Oviva wurde vorläufig in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Was waren die größten Herausforderungen auf dem Weg dahin und welche Hürden müssen noch genommen werden, damit sie langfristig aufgenommen wird?

Dr. Anna Haas: Für die langfristige Aufnahme müssen die positiven Versorgungseffekte der DiGA noch bestätigt werden. Die Wirksamkeit des innovativen, multimodalen Ansatzes von Oviva, der auch so in unserer DiGA Anwendung findet, konnte aber bereits in wissenschaftlichen Publikationen nachgewiesen werden. Als internationaler Anbieter greift Oviva dabei auf Erfahrungen aus Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Frankreich und der Betreuung von über 200.000 Patient:innen zurück. Zur Bestätigung der Wirksamkeit von Oviva Direkt für Adipositas erfolgt aktuell eine randomisiert kontrollierte Studie (RCT) an der TU München.

„Patient:innen und Ärzt:innen müssen wissen, dass es Digitale Gesundheitsanwendungen überhaupt gibt“

Health Relations:  Wie reagieren Ärzt:innen auf Ihre DiGA. Gibt es die ersten Verschreibungen?

Dr. Anna Haas: Wir freuen uns sehr darüber, dass bereits viele Patient:innen unsere Adipositas-Therapie mit der Oviva Direkt App begonnen haben. Sowohl von Ärzt:innen als auch Patient:innen erhalten wir positive Rückmeldungen, unter anderem auch in den App-Stores.

Health Relations: Viele Ärzte sind aber noch verunsichert in Sachen DiGA. Merken Sie das und wie gehen Sie damit um?

Dr. Anna Haas: Uns kontaktieren viele Ärzt: innen, die sehr interessiert sind, aber noch Fragen haben. Natürlich gibt es auch Skeptiker, aber hier versuchen wir aufzuklären und zu informieren. Auf unserer Webseite direkt.oviva.com bieten wir Ärzt:innen einen Testzugang sowie weiterführende Informationen zu Oviva Direkt für Adipositas an. Außerdem steht unser Team gerne jederzeit für Informations-Gespräche zur Verfügung.

Health Relations: Die Finanzierung ist für Ärzt:innen immer ein wichtiges Thema. Wie sieht es damit bei den DiGA aus?

Dr. Anna Haas: Digitale Gesundheitsanwendungen wie Oviva Direkt für Adipositas sind für die Ärzt:innen  extrabudgetär und belasten deren Arznei- oder Heilmittelbudget nicht. Hier besteht noch ein großer Informationsbedarf, damit Unklarheiten wie diese die Verschreibung digitaler Therapien nicht verhindern.

Health Relations: Was muss passieren, damit DiGA in die breite Anwendung kommen?

Dr. Anna Haas: Hier gilt es vor allem noch, weiter Pionierarbeit zu leisten. Patient:innen und Ärzt:innen müssen wissen, dass es Digitale Gesundheitsanwendungen überhaupt gibt. Patient:innen sollte klar sein, dass sie Anspruch auf diese kostenlose Therapie haben und Ärzt:innen, dass sie die App auf Rezept verschreiben und damit gerade bei der Diagnose Adipositas eine neue und einfach zugängliche Therapieoption anbieten können.

„Der Bekanntheitsgrad der DiGA bei Ärzt:innen und Patient:innen ist sicher ein wichtige Faktor. Als Hersteller sollte man hier für die Ansprache und Kommunikation beider Gruppen gut aufgestellt sein.“

Health Relations: Wie machen Sie ihre App bei Ärzt:innen bekannt?

Dr. Anna Haas: Oviva arbeitet in Deutschland mit niedergelassenen Ärzt:innen unter anderem der Fachgruppen Allgemeinmedizin und Innere Medizin zusammen und bietet regelmäßig kostenlose online Webinare für Ärzt:innen an. Diese Zusammenarbeit möchten wir natürlich weiter ausbauen, um die Ärzte noch besser zu informieren und die bestmögliche Therapie für die Patient:innen zu gewährleisten.

Health Relatinos: Ich habe kürzlich gehört, dass viele Unternehmen in die Entwicklung und Vermarktung von DiGA große Hoffnungen setzen und fast ein bisschen Goldgräberstimmung herrscht. Gleichzeitig würde sich aber in der nächsten Zeit zeigen, welche Anwendungen sich durchsetzen und welche nicht. Wie sehen Sie das und was muss eine DiGA haben, damit sie sich am Markt durchsetzen kann?

Dr. Anna Haas: Die Wirksamkeit ist ein Must-have. Ohne diese ist mittelfristig keine permanente Aufnahme ins DiGA-Verzeichnis möglich. Sie ist aber von Anfang an hochrelevant, damit Patient:innen und Ärzt:innen eine positive Erfahrung haben und Erfolge in der Therapie erreicht werden. Dazu muss das Konzept der DiGA vom Hersteller sehr gut durchdacht und getestet worden sein – also wie die DiGA vom Patient:innen genutzt wird und wie sie wirkt. Bei Oviva sind unsere Erfahrungen aus der Behandlung von über 200.000 Patient:innen sowie zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zu unserem Ansatz eingeflossen.

Der Bekanntheitsgrad bei Ärzt:innen und Patient:innen ist sicher der nächste wichtige Faktor. Es ist im Markt zu beobachten, dass sowohl Patient:innen ihre Ärzt:innen auf Apps auf Rezept ansprechen als auch umgekehrt. Als Hersteller sollte man hier für die Ansprache und Kommunikation beider Gruppen gut aufgestellt sein. Die Integration in Behandlungspfade wird zukünftig eine immer größere Rolle spielen, damit bestimmte DiGA sich durchsetzen. Hier sind die Fachgesellschaft, aber auch der GBA, bereits aktiv und berücksichtigen die DiGA, z.B. bei der Entwicklung oder Überarbeitung von Disease-Management-Programmen (DMPs).

Health Relations: Wie werden Ihrer Meinung nach die DiGA generell den Markt beeinflussen?

Dr. Anna Haas: Das große Potenzial der DiGA liegt darin, Versorgungslücken im Gesundheitssystem zu schließen. Das betrifft Indikationen, für die es nur sehr wenige oder keine Therapieoptionen gibt bzw. die bisherigen Therapiemöglichkeiten nur schwer zugänglich waren, unter anderem aufgrund eines mangelnden Angebots oder fehlender Kostenübernahme.

Wenn die DiGA in diesen Bereichen ihre Wirksamkeit zeigen und entsprechend auch ihren Bekanntheitsgrad erhöhen, sehe ich großes Potenzial, dass sie bei einigen Indikationen zukünftig zur Standardtherapie gehören werden. Ähnlich wie das bei bestimmten Medikamenten oder Heilmitteln bereits der Fall ist. Wichtig dafür ist auch, den Verordnungsprozess der DiGA möglichst weiter zu einfachen. Insbesondere sollten die Patient:innen den Zugang zur App nach der Verordnung möglichst schnell erhalten. Hier besteht großes Potenzial in Bezug auf das e-Rezept und auch darin, Apotheken in den Prozess mit einzubinden.


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