Studie: Es droht eine digitale Zwei-Klassen-Medizin

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Die Studie „EPatient Survey“ hat gezeigt, dass Corona zu einer deutlich stärkeren Nachfrage an digitalen Gesundheitsangeboten geführt hat. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass vor allem vulnerable Gruppen digital abgehängt werden.

Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer EPatient Analytics GmbH
Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer EPatient Analytics GmbH © privat

Die Digitalisierung ist an einem „point of no return“ angekommen. Das stützen auch die Ergebnisse der Studie. Digitale Versorgungskonzepte dringen immer mehr in unseren Alltag ein. So wird es beispielsweise für Arbeitnehmer:innen selbstverständlicher, sich über das Internet mit gesunder Ernährung, Sport, Fitness oder anderen Gesundheitsthemen auseinanderzusetzen. Das Team rund um Dr. Alexander Schachinger, Projektleiter des EPatient Survey der EPatient  Analytics GmbH, fand heraus, dass es seit Pandemiebeginn einen starken Zuwachs bei Online-Kursen gegeben hat. Besonders traf das auf jene Kurse zu, die von Arbeitgeber:innen angeboten wurden. „Es gab kaum ein Großunternehmen, das keine Online- oder Video-Kursangeboten hat“, sagt Dr. Alexander Schachinger.

Patienten wandern ins Netz ab

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: In Bezug auf digitale Versorgung hat sich in den letzten Jahren eine Zwei-Klassen-Medizin entwickelt. Mit dem ersten Lockdown haben chronische Patienten eher eine Versorgungslücke erlebt als urbane, digital affinere, jüngere Altersdekaden, berichtet der Experte. Letztere hätten vermehrt Angebote wie Online-Sprechstunden genutzt.

Weiterhin ist festzustellen, dass die Vor-Ort-Apotheke stärkere Konkurrenz durch den Online-Apotheken bekommt. Immerhin gaben 15 von 100 Befragten an, ihr Rezept einzuscannen und als elektronisches Dokument an Apotheken zu versenden. „Das ist nicht wenig“, gibt der Experte zu bedenken. In Anbetracht dessen, dass in Deutschland das eRezept in den Startlöchern steht, dürfte das eine gute Voraussetzung sein, zeigt es doch eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit der Bevölkerung gegenüber solchen Diensten.

Für Dr. Alexander Schachinger ist es unverkennbar, dass sich in der letzten Zeit digitale Plattformen ihren Weg in die medizinische Versorgung gebahnt haben. Es gebe eine kritische Masse an Personen, die von den herkömmlichen medizinischen Versorgungssystemen entkoppeln und in die digitale Versorgung abwandern, so der Projektleiter. Spannend dürfte die Frage sein, ob dadurch den Ständeberufen die Patienten vor Ort wegschmelzen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass mit den Lockdowns die Krankenkassen über Ihre Social-Media-Kanäle, Newsletter, Briefe und Webseiten als Ansprechpartner zu den Themen digitale Lösungen an Relevanz gewonnen haben. Gleichzeitig verloren die Ärzt:innen durch die Reduktion von Sprechzeiten als Ansprechpartner an Bedeutung.

Für Anbieter von digitalen Gesundheitsangeboten und medizinischen Apps dürften die Ergebnisse der Studie in Bezug auf die Art und Weise, wie solche Lösungen ihren Weg in den Markt finden, von Bedeutung sein. Die Untersuchung offenbart, dass es stark darauf ankommt, um was für eine Anwendung es sich handelt. Kurse für spezifische Erkrankungen werden beispielsweise meist über die Krankenkassen oder behandelnde Ärzt:innen empfohlen, während Medikamenten-Apps über eigene Recherchen im Internet oder Empfehlungen von Freunden die Aufmerksamkeit von Patient:innen gewinnen. Für Hersteller heißt das, dass sie ihre Zielgruppe genau kennen und darauf angestimmt Marketingkonzepte entwickeln müssen, um Lösungen erfolgreich in den Markt zu bringen.

Zu wenig Beachtung für digitale Versorgungskonzepte

Was bedeuten die Ergebnisse für die Player im Gesundheitsmarkt? Dr. Alexander Schachinger mahnt bei der Politik, der Selbstverwaltung, dem Bundesgesundheitsministerium und der gematik an, die Relevanz von digitalen Versorgungsszenarien ausreichend zu würdigen. Denn mit guten kontext- und nutzerzentrierten digitalen Versorgungsszenarien steht und fällt die Adaption und Wirkung von digitalen Anwendungen.

Generell lässt sich sagen, dass es die besser ausgebildeten, urbanen und jüngeren Bevölkerungsschichten sind, die  offener, gegenüber digitalen Versorgungsszenarien sind. Viele ältere und damit auch häufig chronisch kranke Befragte zeigten sich skeptischer. Dieser Entwicklung sollten die Verantwortlichen entgegenwirken, wenn verhindert werden soll, dass ganze Bevölkerungsgruppen – und in der Regel sind dies die besonders vulnerablen – digital abgehängt werden.

Der „EPatient Survey“ analysiert seit 2010 ganzheitlich die Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen in der Bevölkerung. Dazu werden zweimal im Jahr 6000 Bürger:innen nach Ihrem Nutzungsverhalten befragt.

Freie Journalistin im Medizin- und Gesundheitsjournalismus. Für Health Relations berichtet sie über digitale Entwicklungen, Marketing und die neuesten Trends in der Pharmabranche.

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