Digitaler Zwilling: „Wir sprechen hier eher von Evolution als von Revolution“

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Stefan Wesarg über den Digitalen
Stefan Wesarg ist Head of Competence Center "Visual Healthcare Technologies" am Fraunhofer IGD © Fraunhofer

Das Fraunhofer-Leitprojekt MED²ICIN hat ein Pilotmodell eines digitalen Zwillings entwickelt. Für die Pharmabranche könnte der Pilot perspektivisch im Rahmen von klinischen Studien und der personalisierten Medizin interessant sein. Was kann das System, was will es? Ein Interview.

Sieben Fraunhofer-Institute präsentierten zu Jahresbeginn im Rahmen des Leitprojekts MED²ICIN den ersten Prototyp eines digitalen Patientenmodells, einen digitalen Zwilling.  Die Idee dahinter:  MED²ICIN verbindet Gesundheitsinformationen einer Patientin oder eines Patienten miteinander – und gleicht sie mit Parametern aus Populationsstudien und Daten spezifischer Krankheitsbilder wie Diagnostik, Krankheitsverlauf, Medikation oder Therapien anderer Betroffener ab. Klinische Leitlinien und gesundheitsökonomischer Aspekte werden ebenfalls berücksichtigt. So entsteht ein ganzheitliches, digitales Patientenmodell  – ein digitaler Zwilling. Für Dr. Stefan Wesarg, Head of Competence Center Visual Healthcare Technologies am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD und Koordinator von MED²ICIN, ist das System nicht weniger als eine „neue Ära bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten“.

Health Relations: Das Projekt MED²ICIN läuft seit 2018, es ist auf vier Jahre ansgelegt. Wie genau ist der Stand des Projekts zu diesem Zeitpunkt, im Februar 2022?

Dr. Stefan Wesarg: Das Ergebnis des Projektes soll ein klinisches Entscheidungs-Unterstützungssystem sein. Eine Software, die in Form eines Dashboards alle Datenquellen, die wir zusammenfassen und berücksichtigen, in unserem digitalen Patienten-Modell anzeigt und entsprechend auch die daraus abgeleiteten Analysen. Von diesem Dashboard haben wir jetzt eine Version, in die wir den Großteil der Module, die geplant sind, implementiert haben und die wir am Beispiel der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Colitis ulcerosa und Morbus Crohn jetzt testen wollen. Derzeit arbeiten wir mit der Uniklinikum in Frankfurt zusammen, dort wird die Software ausgerollt. Wir holen uns an diesem Punkt jetzt das Feedback der Ärzte ein. Wir befinden uns jetzt also in der User-Testphase.

Im Rahmen des Leitprojekts Med²Icin entstand der erste Prototyp eines digitalen Patientenmodells, eines digitalen Zwillings. Hier im Bild: die Dashboard-Ansicht. © Fraunhofer

Health Relations: Was ist in ihren Augen der Benefit dieser Software für den oder die Ärzt:in? Was erwarten Sie als Feedback?

Dr. Stefan Wesarg: Dass sich aufgrund der Daten, auf die die Software zurückgreift, bessere Analysen treffen oder durchführen lassen und man so bestimmte Aussagen ableiten kann, die Ärzt:innen bisher so nicht treffen konnten. Denn die ganzen Daten liegen bisher meist verteilt im Krankenhaus, in Krankenhaus-Informationssystemen oder in irgendwelchen Laborsystemen.

Health Relations: Haben Sie die Anwender:innen Ihres digitalen Zwillings, die Ärzt:innen, schon an einem früheren Punkt innerhalb des Entwicklungsprozesses eingebunden?

Dr. Stefan Wesarg: Wir waren mit wenigen, ausgewählten Ärzten und Ärztinnen im kontinuierlichen Austausch, haben mit ihnen in Meetings die Anforderungen an so ein System erarbeitet und aufgestellt. Nichtsdestotrotz waren es zuvor immer Teilaspekte, die besprochen wurden. Jetzt wird es nicht nur denen, die bei dem Case in der Entstehungsphase beteiligt waren präsentiert, sondern es werden jetzt weitere Mediziner:innen hinzugezogen.

Health Relations: Wer testet, neben der Uniklinik in Frankfurt das System noch? Vielleicht auch niedergelassene Ärzte?

Dr. Stefan Wesarg: Derzeit fokussieren wir uns auf Universitätskliniken. Wir werden im Rahmen des Projektes nicht so weit kommen, dass wir auch den Schritt zu den Niedergelassenen machen. Das wäre dann etwas für eine Nachfolge-Aktivität, weil da diese Dinge wie ein Patienten-Gespräch unter Umständen noch mal eine ganz andere Rolle spielen als im universitären Setting.

Health Relations: Datenquellen zusammentragen und strukturieren ist als Ansatz nicht neu. Was ist an Ihrem Projekt wirklich innovativ?

Dr. Stefan Wesarg: Ein Schwerpunktthema, das es bisher so in der Form überhaupt nicht gibt, ist das Thema intelligenter Einsatz von Gesundheitsausgaben. Wir haben das System unter dem Aspekt entwickelt, ein Instrument zu schaffen, das es ermöglicht, die anfallenden, sehr hohen Gesundheitsausgaben möglichst sinnvoll zu tätigen. Das heißt, ein Arzt oder eine Ärztin kann direkt auf die Gesundheitsausgaben, z.B. durch die Vermeidung von teuren Mehrfacherhebungen von MRT-Aufnahmen Einfluss nehmen. Vor allem geht es aber um die bestmögliche Therapie-Entscheidung gleich zu Beginn. Oftmals gibt es standardmäßige Therapie- und Medikationsvorschläge, die unter Betrachtung des individuellen Patienten vielleicht nicht unbedingt zielführend sind.

Health Relations: Was genau heißt das in der Umsetzung?

Dr. Stefan Wesarg: Dass zum Beispiel ein teurer Therapieplan nicht ein schlechterer ist, sondern unter Umständen genau der richtige, auch wenn er zehnmal so viel kostet wie eine alternative Therapie. Einfach, weil in unserem System durch Analysen, die wir mit Kohorten-Studien und Kohorten-Information belegen, klar wird, dass für eine bestimmte individuelle Ausprägung der Erkrankung eben der teurere Pfad der besser wirksame ist und am Ende dann unter Umständen nicht nur dem Patienten besser hilft, sondern auch wieder Kosten spart. Das kann man im Rahmen des Systems durchspielen. Das ist die Vision, die wir haben.

Health Relations: Das heißt, Sie können wirklich individualisierte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene, verschiedene Modellierungen für einen Therapie-Verlauf schaffen, auch was die Kosten angeht? Das klingt für mich, als wäre es nicht nur Entscheidungshilfe, sondern auch Argumentationshilfe für Ärzt:innen.

Dr. Stefan Wesarg: Argumentationshilfe, auch Rechtfertigungshilfe. Vielleicht in manchen Fällen auch ein Tool, um im Patienten-Gespräch verschiedene Therapiemöglichkeiten zu besprechen. All das sind Dinge, die in Zukunft eine Rolle spielen können. Wir haben in dem System die sogenannten Leitlinien für die Erkrankung abgebildet. Das heißt, die möglichen Therapiewege, die man in der normalen Abrechnung auch entsprechend finden kann und die auch aufgrund des medizinischen Wissens als gültige, gute Therapiepfade vorgegeben sind. Berücksichtigt sind auch die verfügbaren Patienten-Medikamente, die am Markt sind – mit ihren Kosten, mit ihren echten Marktpreisen, sodass man letztlich auch ein Preisschild an einer Therapie hat. Hinsichtlich der Kosten und der Erfolgsaussichten, ganz individuell für den Patient oder die Patientin aufbereitet.

Health Relations: Fürchten Sie nicht, dass Ihr System eine Ökonomisierung des Gesundheitssystems befeuern könnte?

Dr. Stefan Wesarg: Wenn man sagt, man will möglichst umfassende Informationen zur Verfügung stellen, kann man den finanziellen Teil nicht verschweigen. Letztlich haben wir uns mit den beiden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zwei Erkrankungen ausgesucht, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Patienten und Patientinnen 30, 40, 50 Jahre ihres Lebens therapiert werden. Auf der einen Seite empfiehlt das System vielleicht einen sehr teuren Therapiepfad. Andererseits, wenn das ein sehr effizienter ist, kann da am langen Ende auch wieder was ganz anderes bei rauskommen, verglichen mit einer erst mal kostengünstigeren Therapieform. Aber darum geht es an der Stelle nicht. Nicht primär. Wir wollen das Bild möglichst umfassend in dem System abbilden. Wir können nicht nur Nutzen und Benefit für den Patienten und vielleicht auch die Geräte, den technischen Aufwand in der Klinik, abbilden. Es lohnt sich nicht, die Augen vor Kostenfaktoren zu verschließen.

Health Relations: Dieses System, der digitale Zwilling, braucht Daten. Wie kommen Sie denn an die Daten?

Dr. Stefan Wesarg: Wir arbeiten derzeit mit retrospektiven Daten von Patienten, die entsprechend mit allen datenschutzrechtlich notwendigen Freigaben versehen sind. Wir erfüllen hier alle Anforderungen. Wir werden nicht so weit kommen, dass wir mit echten Live-Daten prospektiv von aktuellen Patienten arbeiten. Das ist nicht Gegenstand dieser Forschungsarbeit, die wir im Rahmen einer internen Fraunhofer- Förderung machen. Das ist der Schritt hin zu einer Kommerzialisierung, zu einem Ausrollen des Systems, die wir als Institution nicht alleine machen können und wollen. Dafür brauchen wir Partner.

Der digitale Zwilling: PwC-Bevölkerungsumfrage
Wie stehen die Bürger in Deutschland zum Konzept des digitalen Zwillings? Was halten insbesondere Patienten mit Zuckerkrankheit (Typ-1- und Typ-2-Diabetes) von der Idee des virtuellen Doppelgängers? PwC hat für die Studie „Der digitale Zwilling“ rund 1.000 Bundesbürger und zusätzlich 200 Patienten, die unter Diabetes mellitus leiden, befragt. Das Ergebnis zeigt unter anderem, dass Ärzt:innen laut Umfrage eine Vertrauensposition besetzen, wenn es um das Thema Datensicherheit geht. Das legt nahe, dass die Zusammenarbeit mit Ärzt:innen in diesem Kontext wichtig sein wird.

Wer hat Zugriff auf die Daten?

Health Relations: Gab es auch Schnittstellen zur Pharmaindustrie in der bisherigen Zusammenarbeit?

Dr. Stefan Wesarg: Ja, gab es, zum Beispiel mit dem Arbeitskreis „Pharma digital“ des Bitkom e.V., um das System vorzustellen und potentielle Partner schon einmal über das Projekt zu informieren. Es gibt aber noch keine direkten Kooperationen oder nächsten Schritte, obwohl wir uns gut vorstellen können, dass das System auch hier großen Nutzen hätte. Man kann das Datenmodell beispielsweise mit anderen Daten befüllen, wenn man es anders strukturiert, und könnte dann eben Dinge wie klinische Studien mit einem digitalen Zwillings-Ansatz begleiten. Das könnte für die Pharmaindustrie von Interesse sein.

Health Relations: Ich könnte mir vorstellen, dass der digitale Zwilling auch im Bereich der personalisierten Medizin interessant wäre. Schauen wir noch einmal kurz auf die Anschlussfähigkeit: Das System braucht ja auch einen möglichst kompletten Datensatz des oder der betreffenden Patient:in. Da braucht es eine elektronische Patientenakte oder ähnliches als Voraussetzung, oder? Gibt es hier parallel Projekte, um eine Anbindung zu schaffen?

Dr. Stefan Wesarg: Unsere Vermarktungsstrategie oder unsere Verwertungsstrategie ist: Wir haben einen Piloten, der für die ausgewählten Indikationen zeigt, wie wir sinnvoll und intelligent Daten einbinden und analysieren können. Natürlich wollen wir dann auch Schritte in Richtung Verwertung gehen und die entsprechenden Dinge wie Zertifizierungsprozesse einleiten, was wir jetzt im Rahmen des Forschungsprojekts nicht leisten können. Hinzu kommen die technischen Stolpersteine. Anbindung an eine elektronische Patientenakte, an das Abrechnungssystem. Das sind ganz viele Software-spezifische, technische, administrative Aufgaben, die wir im Rahmen des Projektes nicht leisten können. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir uns wirklich auf die Innovation konzentrieren. In dem Wissen, dass das, was wir hier herausbekommen, nichts ist, was man direkt nehmen und implementieren kann. Es ist noch ein nachgelagerter Case nötig – mit neuen Partnern, die kommerziell bspw. im Kontext der elektronischen Patientenakte schon aktiv sind.

Der digitale Zwilling: PwC-Bevölkerungsumfrage
PwC hat für die Studie „Der digitale Zwilling“ rund 1.000 Bundesbürger und zusätzlich 200 Patienten, die unter Diabetes mellitus leiden, befragt. 80 Prozent der Befragten (Bevölkerung gesamt) glaubt, dass der digitale Zwilling zu genaueren Therapien und Diagnosen führen kann. Der digitale Zwilling setzt allerdings den Aufbau von umfangreichen Datenbanken und Netzwerken sowie die Schulung von Ärzt:innen voraus, sodass zunächst hohe Kosten entstehen. Wer soll dafür aufkommen? Rund ein Drittel der Befragten sieht hier die Pharmaindustrie als potentiellen Kostenträger.

Wer trägt die Kosten?

Health Relations: Der Punkt, dass dieses System Teil der Grundversorgung in Deutschland wird, ist zeitlich ein weit entfernter, oder?

Dr. Stefan Wesarg: Es wird 2022 nicht soweit sein. Die Grundversorgung reicht aber zumindest für bestimmte Teil-Module. Erst einmal geht es darum, die Integration in die Klinik umzusetzen und einen ersten Schritt hin zu einer Verbesserung zu erzielen. Aber das werden über die nächsten Jahre hin eher kleine Einzelschritte sein als ein riesiger Sprung. Da müssen wir realistisch sein. Wir sprechen hier eher von Evolution als von Revolution.

Health Relations: Frustriert Sie das manchmal? Diese Langatmigkeit?

Dr. Stefan Wesarg: Ich bin jetzt über 20 Jahre dabei, ich bin Realist. Von daher: Frustration nicht, eher die Freude, dass ich weiß, dass Teilaspekte dessen, was wir hier tun, wirklich real in der Zukunft für viele Patient:innen eine Verbesserung bringen werden. Das muss man sehen. Das ist dann gesunder Optimismus.

Journalistin und Online-Redakteurin. Schreibt über Marken und Markenmacher in Healthcare, über Pharma- und Social-Media-Kommunikation.

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