Medizin von morgen: „Es geht um die Dekonstruktion von Prozessen“

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Dr. Pierre-Michael Meier ist der stv. Sprecher des IuiG-Initiativ-Rates und Geschäftsführer der jährlich stattfindende Plattform ENTSCHEIDERFABRIK
Dr. Pierre-Michael Meier, © ENTSCHEIDERFABRIK

Dr. Pierre-Michael Meier von der Entscheiderfabrik begleitet Kliniken bei der digitalen Transformation. Hierbei geht es nicht nur um die Optimierung von Prozessen, sondern darum, manches ganz anders zu machen als vorher.

Das erklärt Diplomkaufmann Dr. Pierre-Michael Meier, stv. Sprecher des IuiG-Initiativ-Rates und Geschäftsführer der jährlich stattfindende Plattform ENTSCHEIDERFABRIK. Welche Auswirkungen das für die Arbeit von Ärzten im Krankenhaus hat, berichtet er im Interview mit Health Relations.

Health Relations: Sie unterstützen Kliniken bei der digitalen Transformation. Wie kam es zur Gründung der Entscheiderfabrik?

Dr. Pierre-Michael Meier: Im Jahr 2006 haben wir angefangen, die Kliniken an die digitale Transformation heranzuführen. Wir wollten dabei nicht nur die IT-Leiter, sondern auch die Geschäftsführung, die Pflege- und Ärztlichen Direktoren der Krankenhäuser an die digitale Transformation heranführen. Die Frage war, wie das zu schaffen ist, wenn von Seiten der Krankenhäuser auf fehlende Gelder für Investitionen hingewiesen wird: Auf der anderen Seite ist es sehr schwer eine neue Idee zur Digitalisierung eines Prozesses umzusetzen, weil man eigentlich nur dann erfolgreich sein kann, wenn man bereits viele Referenzen hat. Das war die Ausgangssituation von 2006.

Zu unserer ersten Veranstaltung, die die Entscheider aufrütteln sollte, sind auch sehr viele Teilnehmer gekommen, aber es waren solche, die sich schon damals dafür interessiert haben. Aber die Personen, die wir gerne gehabt hätten, nämlich Pflege- und Klinikdirektoren oder Geschäftsführer waren nicht da.

Health Relations: Wie haben Sie es geschafft, diese Zielgruppe anzusprechen?

Dr. Pierre-Michael Meier: Wir haben dann überlegt, wie wir an diese Zielgruppe kommen und den ersten Inkubator in der Gesundheitswirtschaft gegründet. Dieser besteht aus einem Wettkampf, bei dem Industrieunternehmen die Möglichkeit haben, ihre Digitalisierungsthemen für die Gesundheitswirtschaft bei einer Jury einzureichen, die dann zwölf Finalisten festlegen. Anschließend werden auf dem so genannten Entscheider-Event von den Klinikvertretern die fünf Digitalisierungsthemen der Gesundheitswirtschaft demokratisch gewählt. Mindestens zehn Kliniken können diese Projekte dann ein Jahr kostenlos testen, in dem sie dieses Projekt wählen. Während eines Sommercamps erhalten die Hersteller hochwertiges Feedback von den Testern. Eine Win-Win-Situation wurde geschaffen.

Health Relations: Wie kam die Idee an?

Dr. Pierre-Michael Meier: Als wir anfingen, wussten wir selbstverständlich nicht, ob das Konzept funktioniert. Für 2020 haben wir jetzt schon 16 Themen-Einreichungen. Man kann also sagen, dass sich inzwischen die Industrie darum reißt, mitzumachen. Denn, wenn die Industrie etwas Neues in den Markt bringen möchte, hat sie in der Regel keine Pilotkunden. Die Krankenhäuser sind auch begeistert, weil sie ein Projekt zwölf Monate umsonst ausprobieren können.

„Die größte Herausforderung bei der Digitalisierung sind die personellen Ressourcen“

Health Relations: Was ist die größte Hürde bei der Umsetzung der digitalen Transformation für die Krankenhäuser?

Dr. Pierre-Michael Meier: Die personellen Ressourcen. Es gibt einfach keine Mitarbeiter, die dem Krankenhaus eine Strategie für den Umgang mit der digitalen Transformation bereitstellen. Und dann fehlt auf der operativen Ebene Fachpersonal, das eine solche Strategie umsetzen könnte. Die wenigsten Krankenhäuser haben eine Unternehmensstrategie. Und wenn es doch eine solche gibt, ist darin i.d.R. keine digitale Agenda festgehalten, die festlegt, wie mit der digitalen Transformation umgegangen werden soll.

Health Relations: Sie sprechen von einer digitalen Transformation. Wie wird diese die medizinische Tätigkeit künftig beeinflussen?

Dr. Pierre-Michael Meier: IT-optimiert existente, zum Teil bereits elektronisch stattfindende Prozesse. Wenn wir von digitaler Transformation sprechen, geht es nicht mehr darum, Prozesse zu verbessern, sondern um deren Dekonstruktion. Das bedeutet: Ich mache Prozesse ganz anders als vorher. Wir sprechen hier von der Dekonstruktion von Geschäftsprozessen. Wenn ich die ganz anders mache als vorher, ergeben sich daraus neue Geschäftsmodelle. Je nachdem wie erfolgreich so ein Modell ist, spricht man von Evolution, Transformation oder Disruption.

Health Relations: Haben Sie ein Beispiel?

Dr. Pierre-Michael Meier: Ja, zum Beispiel aus der Pflege: Wenn wir die Informationen, die Pfleger am Bett des Patienten früher schriftlich aufgenommen haben, nun eintippen oder über Sprachsteuerung in die Akte reinsprechen lassen, ist das nur eine Optimierung. Digitale Transformation beginnt, wenn wir stattdessen mit Sensoren arbeiten. Der Sensor sendet die Informationen direkt in die Patientenakte. Das ist die Dekonstruktion eines Geschäftsprozesses. Und darum sprechen wir hier weniger von der Technologie, sondern über das Management von Daten.

Health Relations: Wo bleibt der Mensch in diesem Szenario?

Dr. Pierre-Michael Meier: Der Mensch bekommt das, was er sich gewünscht hat. Pflegekräfte und Mediziner verbringen heute einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit nur mit der Dokumentation und beschweren sich, dass sie keine Zeit für den Patienten haben. Durch die IT bekommen sie diese Zeit.

„Man muss sich als Radiologe oder Pathologe Gedanken machen, ob die eigene Tätigkeit in Zukunft nicht irgendwann von einer Maschine gemacht wird.“

Health Relations: Gibt es medizinische Berufe, die durch die digitale Transformation besonders betroffen sind?

Dr. Pierre-Michael Meier: Natürlich muss man sich als Radiologe oder Pathologe Gedanken machen, ob die eigene Tätigkeit in Zukunft nicht irgendwann von einer Maschine gemacht wird. Es gibt dann nämlich Computersysteme, so genannte predictive analytics, die auf eine Datenbank zugreifen, bestimmte Muster abgleichen und daraus mögliche Erkrankungen ableiten. Die Maschine gibt dann die wahrscheinlichsten Diagnosen mit Therapievorschlägen an den Arzt weiter. Der Mediziner muss die finale Entscheidung treffen. Inzwischen sind solche Systeme richtig gut, vor allem dann, wenn sie gutes Lernmaterial haben.

Health Relations: Ist der Radiologe also vom Aussterben bedroht?

Dr. Pierre-Michael Meier: Die Arbeit des Radiologen hat sich über die Jahre ja bereits sehr verändert. Krankenhäuser müssen sich nun überlegen, welche Medizin- und Pflegeleistungen sie künftig digitaler machen wollen. Die Radiologie gehört dazu. Nehmen wir an, wir haben einen Klinikverbund mit fünf Häusern. Dann braucht man nicht mehr an jedem Standort einen Radiologen. Man kann die Befundung zentral machen. Stellen Sie sich ein Großraumbüro mit vielen Bildschirmen vor und an den Standorten lediglich MTAs (Medizinisch technische Assistenten). Er wird von Mustererkennung bei der Befundung unterstützt, trifft Entscheidungen und stellt die Arztbriefe für die Kollegen zusammen. Bei den Pathologen wird das auch so kommen.


Die ENTSCHEIDERFABRIK ist angetreten, wichtige Probleme im Tagesgeschäft der Kliniken und Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren, aufzubereiten und Lösungen zu erarbeiten. Themen und daraus resultierende Projekte werden jeweils im Februar eines Jahres auf dem Entscheider-Event, dem sogenannten Digitalisierungsgipfel der Gesundheitwirtschaft in einer demokratischen Wahl durch die Klinikvertreter entschieden. Kliniken die sich dann auf diese Themen können diese dann über das Jahr kostenlos ausprobieren.

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