Innovation bei Merck: Start-ups in Nairobi und Darmstadt

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Mit speziellen Programmen will Merck neue Prozesse und Healthcare-Geschäftsmodelle identifizieren. Das geht weit über das hinaus, was bisher in der Forschung und Entwicklung passiert.

Sein erstes Accelerator-Programm startete Merck 2015: Drei ausgewählte Start-ups aus den Bereichen Healthcare, Chemie und Technologie durften für drei Monate in das neu errichtete, modulare Innovation Center in Darmstadt einziehen und bekamen vielfache Unterstützung. Anschließend wurden die Jungunternehmen in das Gründernetzwerk von Merck aufgenommen. Vor Kurzem wurde ein zweiter Accelerator in Nairobi gestartet. Health Relations befragte den Pharma-Konzern zu den Hintergründen.

Health Relations: 2015 bot Merck zum ersten Mal ein Accelerator-Programm für eHealth-Start-ups an. Mit welchem Ziel?

Annika Zille, Marketing & Communication Manager, Merck Innovation Center
Annika Zille, Marketing & Communication Manager, Merck Innovation Center © Merck

Annika Zille: Grundsätzlich unterscheiden wir thematisch zwischen den Programmen in Darmstadt und Nairobi. In Nairobi, wo wir in diesem Jahr gestartet haben, fokussieren wir uns auf eHealth und mHealth, da die infrastrukturellen Gegebenheiten vor Ort – und das gilt generell für Ostafrika – mobile Lösungen unterstützen. In Darmstadt ist der Fokus nicht ganz so eng – hier akzeptieren wir Start-ups aus den Bereichen Healthcare, Life Sciences und Performance Materials. Dabei ist es durchaus gewünscht, dass Themen beleuchtet werden, auf die wir bisher in unseren Geschäftsfeldern noch nicht fokussieren.

Generell wollen wir mit unserem Accelerator-Programm den Begriff Innovation weiter fassen und dabei neue Prozesse und Geschäftsmodelle kennenlernen. Das geht weit über das hinaus, was bisher in der Forschung und Entwicklung passiert. Innovation findet heute im digitalen Zeitalter nicht nur hinter verschlossenen Türen statt. Junge Start-ups schaffen es innerhalb weniger Jahre, echte Innovation in traditionellen Branchen zu erreichen.

Wir sind ein großer Konzern, in dem eine ganze Menge Prozesse ablaufen müssen, bevor etwas Neues entstehen kann, obwohl wir auch an dieser Stelle gerade sehr viel flexibler werden. Junge Unternehmen aber ticken ganz anders. Von den Start-ups aus unserem Accelerator-Programm erhoffen wir uns, Agilität und Flexibilität zu lernen. Es geht uns primär um einen Kulturaustausch und wir wollen mit dem Programm auch den Puls am Markt der Start-ups fühlen.Wir wollen mit dem Programm auch den Puls am Markt der Start-ups fühlen.

Health Relations: Was sind die bisherigen Ergebnisse?

Zille: Im Dezember letzten Jahres haben wir die erste Runde unseres Accelerators in Darmstadt abgeschlossen und die ersten drei Teams haben das Programm durchlaufen. Das Feedback der Start-ups – zwei davon haben wir bei der eigentlichen Gründung unterstützt – war sehr positiv. Neben den angebotenen Trainings und Coachings haben die Start-ups vor allem vom regelmäßigen Austausch mit Experten aus den Geschäften profitiert, um ihre Ideen weiterentwickeln zu können. Für uns als Innovation Center Team war diese erste Runde sehr lehrreich. Wir konnten den Ablauf der drei Monate testen und mit dem Feedback der Start-ups unser Programm weiterentwickeln. Die Learnings helfen uns jetzt auch bei der Umsetzung unseres zweiten Programms im Nairobi.

Accelerator-Programm in Nairobi
Accelerator-Programm in Nairobi © Merck

Besonders positiv ist das Interesse, das uns durch Runde eins entgegenkommt. Für Nairobi und Darmstadt haben wir in der letzten Bewerbungsphase etwa 200 Bewerbungen aus 47 Ländern erhalten. Dieses internationale Interesse zeigt uns, dass wir mit unserem Programm im Wettbewerb um die besten Ideen ein attraktives Paket anbieten.

Health Relations: Wie funktioniert das Gründernetzwerk von Merck?

Zille: Der Aufbau eines Gründernetzwerks hat für uns eine absolute Priorität. Dabei geht es nicht nur darum, die Alumni unseres Programms für die Zukunft zu vernetzen, sondern auch ein Expertennetzwerk aufzubauen, das dem Accelerator aktuell zugutekommt. Wir stehen in engem Kontakt mit Gründerinnen und Gründern, Investoren sowie Fachexperten, die unsere Start-ups als Mentoren und Coaches unterstützen. Ganz wichtig sind dabei für uns auch die Experten, die aus dem Unternehmen Merck herauskommen. Das Netzwerk reicht von der Region Rhein-Main bis nach Afrika, Asien und Nordamerika. Hier profitieren wir von unserer Rolle als globaler Konzern. Dieses Netzwerk kommt zu regelmäßigen Events zusammen, tauscht sich aus und bringt so nicht nur unsere Start-ups voran, sondern vielleicht auch eigene Ideen und Herausforderungen. Dieser Austausch ist der zentrale Wert unseres Netzwerks.

Health Relations: Sind weitere Accelerator-Programme geplant? Wenn ja, wann?

Merck Innovation Center © Merck
Merck Innovation Center in Darmstadt               © Merck

Zille: Unser Ziel ist es, ein globales Netzwerk aus Acceleratoren aufzubauen. Wir glauben, dass gute Ideen nicht an die Orte gebunden sein sollten, an denen sie geboren wurden. Wir glauben, dass gute Ideen nicht an die Orte gebunden sein sollten, an denen sie geboren wurden. Unter Umständen funktionieren sie andernorts viel besser. Mit Nairobi sind wir einen ersten Schritt in diese Richtung gegangen. Aktuell schauen wir uns verschiedene Standorte auf der ganzen Welt an, unter anderem in den USA und Asien. Noch ist noch keine Entscheidung für Zeit und Ort des nächsten Accelerators gefallen.

Health Relations: Warum ist eHealth wichtig?

Zille: Diese Frage ist kaum allgemein zu beantworten. eHealth berührt alle Bereiche, von der Organisation der Gesundheitsversorgung bis hin zum Verhalten der einzelnen Patienten. Deutlich wird das beispielsweise an den Start-ups unseres Accelerators. Das Start-up Check-ER hat eine App entwickelt, die die Wartezeit in Notaufnahmen effizienter gestaltet. Verbunden mit dem Verwaltungssystem der Krankenhäuser können Patienten direkt einschätzen, wie lange sie warten müssten. Matibabu, ein weiteres Start-up in unserem Programm, ermöglicht durch innovative Soft- und Hardware Malariadiagnose via Smartphone. Ohne Blutabnahme ist es den Patienten möglich, sich auf Malaria zu testen, wenn der nächste Arzt vielleicht kilometerweit entfernt ist.

Health Relations: Wie wird eHealth die Gesundheitsversorgung in den nächsten Jahren verändern?

Startup-Gründer, die gerade ins Darmstädter Merck Innovation Center eingezogen sind © Merck
Startup-Gründer, die gerade in das Merck Innovation Center eingezogen sind © Merck

 

Zille: Erfolgreiche digitale Lösungen verringern Komplexität, egal in welcher Branche. In der Gesundheitsbranche wird zukünftig der Zugang zu Diagnosen und auch Behandlungen einfacher und effizienter. Das führt nicht nur zu einer besseren Versorgung der Patienten, sondern auch zu einem effizienteren Einsatz von Kosten. Darüber hinaus spielt das Thema Daten eine wichtige Rolle. Derzeit liegen Patientendaten starr in Ordnern. Durch digitales Datenmanagement haben Patienten die Möglichkeit, ihre Gesundheit zu steuern.

Auch Ärzte haben so die Möglichkeit, schneller und gezielter Diagnosen zu treffen. Das führt ebenfalls zu einer höheren Effizienz in der Gesundheitsversorgung. Gut vorstellbar ist so auch die Lösung des klassischen Landarzt-Problems. Durch digitale Verbindungen von Arzt und Patient oder auch durch Artificial Intelligence können teilweise Lücken in Gebieten geschlossen werden, die über eine geringe Ärztedichte verfügen.

Gerti Keller ist freie Journalistin und Buchautorin. Ihre Kernthemen sind Gesundheit und Karriere.

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