So klappt’s: Klinik-Recruiting mit WhatsApp

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Aus- und Weiterbildung mit Tablet

Berufswelt schnuppern im digitalen Zeitalter: Ein Kölner Krankenhaus präsentiert seine Mitarbeiter und Abläufe via WhatsApp und gewinnt damit nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch Preise.

Das Krankenhaus Porz am Rhein begegnet dem Fachkräftemangel mit einem innovativen Konzept namens „Berufswelt Schnuppern 2.0“: Um jungen Menschen die Entscheidung für einen Gesundheitsberuf zu erleichtern, nutzt das Haus den Messenger WhatsApp und hat hierfür eigens ein Smartphone im Einsatz. Während einer Aktionswoche wurde dieses unter den Mitarbeitern herumgereicht. Diese berichteten dann unmittelbar in einer WhatsApp-Gruppe, zu der sich jeder Interessierte außerhalb des Krankenhauses über eine Telefonnummer anmelden konnte, über ihren Arbeitsalltag. Quasi in Echtzeit konnten die Interessenten den Berufsalltag der fünf Chatpartner verfolgen – darunter der Chefarzt der Kardiologie, ein Assistenzarzt der Radiologie, eine Intensiv-Krankenschwester, die stellvertretende OP-Koordinatorin und eine Hebamme aus der Geburtshilfe der Frauenklinik. Sie gaben jeweils Einblicke durch Bilder, Videos, erklärende Kurztexte und konnten direkt auf Fragen und Kommentare eingehen.

Einblicke durch WhatsApp – so kam es zu der Aktion

Mark Raschke vom KH Porz über die WhatsApp-Aktion
Marc Raschke, Pressesprecher für das Krankenhaus Porz am Rhein

Wie es zu der Idee kam, erklärt Marc Raschke, verantwortlich für die Pressearbeit beim Krankenhaus Porz am Rhein: „Auf dem deutschen Krankenhaus-Arbeitsmarkt ist der Fachkräftemangel in vielen Bereichen schon deutlich spürbar, das gilt auch und speziell vielleicht noch mal für die Millionenstadt Köln.“ Schon heute gebe es in der Arbeitswelt zahlreiche offizielle und inoffizielle WhatsApp-Gruppen von Kollegen. „Eine WhatsApp-Gruppe ist also in vielen Berufsbereichen wie ein Working-Tool für Organisation und Management, aber natürlich auch für ‚Flurfunk‘ geworden. Die Idee war deshalb auch rasch geboren, nämlich nicht nur Kollegen, sondern auch potentiell neue Kollegen per WhatsApp einzubeziehen und darüber zu gewinnen“, so der Pressesprecher.

Die Resonanz auf das Projekt war extrem gut, berichtet Raschke. „Die Reaktionen haben uns überwältigt. Wir hätten nicht mit einem derart guten Feedback gerechnet, und zwar sowohl bei den Teilnehmern der Aktion – die waren zum Teil richtig traurig, als die Pilot-Woche zu Ende war, und haben uns noch gefühlt tausendmal gedankt für die Einblicke per WhatsApp in die Krankenhauswelt – als auch bei den Kollegen im Krankenhaus, die richtig traurig waren, dass sie zu dem Zeitpunkt unserer Aktion keine Schicht hatten und nicht dabei sein konnten.“

Shortlist-Platzierung für WhatsApp-Aktion

Simon Zicholl über Recruiting via WhatsApp
Simon Zicholl, Assistent der Geschäftsführung bei Westpress

Und nicht nur das. Das Projekt konnte sich sogar bei den PMI Awards einen Platz auf der Shortlist für eine Auszeichnung in der Kategorie Personalmarketing Innovation 2017 sichern. Der Preis wird von Westpress und dem W&V Job-Network vergeben. Simon Zicholl, Assistent der Geschäftsführung bei Westpress sowie Jurymitglied der PMI Awards, beeindruckte an dem Konzept vor allem die pragmatische Herangehensweise. „Dem Krankenhaus Porz ist es gelungen, durch die Verwendung von WhatsApp extrem nah an die Zielgruppe heranzutreten. Als Marktführer in Deutschland ist der Messaging-Dienst weit verbreitet und für jedermann leicht zugänglich. Insofern gab es nahezu keine Zugangsbeschränkungen.“ Für Zicholl war das die ideale Kombination aus informativen Beiträgen mit Mehrwert und gehaltvollem Dialog mit Menschen in der Berufsfindungsphase. „Zugleich ist die gewählte Form der Arbeitgeberkommunikation Beweis für das hohe Vertrauen, das man den eigenen Mitarbeitern in Porz entgegenbringt: Die Chats waren live, die Einblicke unmittelbar. Die Mitarbeiter entschieden im Augenblick eigenverantwortlich, was visualisiert und gepostet wurde.“ Er fährt fort: „Beeindruckend war übrigens auch der hohe Impact, der durch die Aktion erzielt wurde: Dieser ging weit über das Ziel des Recruitings neuer Mitarbeiter hinaus. Es wurde eine Vielzahl an Menschen sowie eine nicht unbeachtliche mediale Präsenz erreicht – mit einem enorm positiven Zuspruch.“

„Berufswelt Schnuppern 2.0“ zeigt, dass sich innovative Konzepte und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, auszahlen. Raschke findet, dass mehr Krankenhäuser die Möglichkeiten der Digitalisierung für die Mitarbeitergewinnung nutzen sollten: „Ich muss mich immer noch wundern, wie stiefmütterlich die Digitalisierung allgemein und neue Kommunikationsformen im Speziellen an deutschen Krankenhäusern voranschreitetIch muss mich immer noch wundern, wie stiefmütterlich die Digitalisierung an deutschen Krankenhäusern voranschreitet, und das nicht nur, wenn es um Personalbeschaffung geht. Es ist ja heute in den Chefetagen von Kliniken vielerorts immer noch schick zu sagen: ‚Nee, also, auf Facebook bin ich nicht‘ – als wäre Facebook mit Social Media gleichzusetzen. Dieses Verteufeln kann man ja privat für richtig halten, nur ist es in meinen Augen heutzutage fahrlässig, im professionellen Arbeiten dafür keine Strategie zu haben.

Auch Zicholl sieht noch viel Luft nach oben, wenn es um die Suche nach neuen Recruiting-Methoden geht: „Viele HR-Verantwortliche aus dem Gesundheitswesen haben längst erkannt, dass personelle Defizite nicht ausschließlich durch standardisierte Recruiting-Methoden aufgefangen werden können. Häufig fehlt es aber noch an Mut und/oder Ressourcen, um tatsächlich den entscheidenden Schritt in eine neue Richtung zu wagen. Oft werden zudem unzureichende Budgets als Hemmnis für Neuerungen gewertet. Digitale Tools und Dienste bieten viel Potenzial, um auch weniger kostenintensiv Talente anzusprechen und für sich zu gewinnen.Dabei bieten digitale Tools und Dienste, clever eingesetzt, viel Potenzial, um auch weniger kostenintensiv Talente anzusprechen und für sich zu gewinnen.“ Er gibt jedoch zu bedenken, dass man dabei nicht nach Schema-F vorgehen kann: „Gemeinhin lässt sich jedoch konstatieren, dass Strategien sinnvollerweise auf Langfristigkeit ausgelegt sein und kein Potpourri aus Einzelmaßnahmen abbilden sollten, die kurzentschlossen realisiert wurden. Über mehrere zielgruppengerechte Kanäle ausgespielt, können Personalmarketingmaßnahmen spielend einfach miteinander vernetzt werden, um potenzielle Kandidaten in ihrem medialen Umfeld zu erreichen und leicht zugänglich ausreichend Informationen zu vermitteln.“

Was macht Ihr Haus aus?

Aber was sollten Krankenhäuser ganz grundsätzlich bei der Personalgewinnung beachten? Zicholl rät, sich sein Unternehmen erst einmal genau anzusehen. „Hören Sie ins Unternehmen hinein: Was macht das Krankenhaus oder die Klinik aus? Welche Talente passen zu Ihnen und wären eine sinnvolle Ergänzung für Ihr Team? Die Bestimmung von sogenannten Candidate Personas, also den idealen Bewerbern, trägt dazu bei, kommunikative Maßnahmen zielgruppenspezifisch festzulegen. Je näher Sie an die Zielgruppe herankommen, je mehr Sie den Bedürfnissen der Zielgruppe entgegenkommen, je deutlicher Sie Ihr Werteverständnis transportieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die gesuchten Fachkräfte für Sie entscheiden und Sie damit die richtigen Talente für sich finden und langfristig binden können.“

Bild von Marc Raschke: © KRANKENHAUS PORZ AM RHEIN gGmbH
Bild von Simon Zicholl: © WESTPRESS
Titelbild: © Monet/fotolia.com

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