Aquil Harjivan, Bayer Consumer Health: „Personalisierte Gesundheitslösungen werden von Dauer sein“

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Aquil Harjivan, Bayer
Aquil Harjivan, R&D Head – Digital Health bei Consumer Health Bayer: "Es gibt bei über 80 % der Bevölkerung in den USA, Deutschland und China eine Nachfrage nach mehr Personalisierung." © Bayer / © Spiderstock von Getty Images Signature / Canva
Bayer Consumer Health hat eine neue Unit gegründet, die sich auf personalisierte Gesundheitsprodukte für den Alltag fokussiert. Aquil Harjivan, R&D Head – Digital Health bei Consumer Health, leitet die Devision.  Wie arbeitet sein Team und was will er bis Ende 2023 auf jeden Fall erreichen?
Lesen Sie,
  • welche Analysen  Bayer zum Thema personalisierte Gesundheitsversorgung hat durchführen lassen,
  • was genau personaliserte Gesundheitsprodukte für den Alltag sein sollen – und welche Kernkategorien es geben wird,
  • wie sich das Unternehmen für die Steigerung der Gesundheitskompetenz einsetzt,
  • über welche Kanäle die  direkte Kommunikation mit dem oder der Nutzer:in stattfinden wird,
  • welche Rolle der oder die Ärzt:in  in diesem Bereich spielen wird,
  • wie die Unit strukturiert ist,
  • welche Ziele Aquil Harjivan sich für 2023 gesteckt hat.

Health Relations: Vor kurzem habe ich über Analysen im Auftrag von Bayer gelesen, die zeigen, dass über 80 % der Verbraucher weltweit bereits eine stärkere Personalisierung der Gesundheitsversorgung fordern. Wer hat die Analysen durchgeführt und wie?

Aquil Harjivan: Wir haben mit dem Beratungsunternehmen McKinsey zusammengearbeitet. Mit ihrer Hilfe haben wir  32 Bereiche mit 32 Indikationen ausgewertet, die für die Consumer Health Branche in den Bereichen Dermatologie, Ernährung, Kardiologie usw. relevant sind. Wir wollten verstehen, was die Verbraucher von der Gesundheitsversorgung erwarten und wie zufrieden oder unzufrieden sie mit den ihnen heute zur Verfügung stehenden Lösungen sind. So haben wir herausgefunden, dass es bei über 80 % der Bevölkerung in den USA, Deutschland und China eine Nachfrage nach mehr Personalisierung gibt. Die Menschen haben uns gesagt, dass sie mehr über ihre Gesundheit wissen wollen. Sie wünschen sich Informationen, die speziell auf sie zugeschnitten sind, anstatt One fits all-Lösungen und allgemeine Hinweise.

„Die Menschen wünschen sich Informationen, die speziell auf sie zugeschnitten sind, anstatt One fits all-Lösungen und allgemeine Hinweise.“

Health Relations: Personalisierte Consumer Health Produkte:  Worüber reden wir hier? Was sind das für Produkte?

Aquil Harjivan: Begonnen haben wir damit, verschiedene Healthcare-Bereiche zu untersuchen, die von der Personalisierung profitieren und in denen neue personalisierte Produkte eine Auswirkung haben können. Was wir nicht wollen, ist, personalisierte Produkte nur aus Gründen der Personalisierung anzubieten. Es geht darum, durch eine Lösung bessere Gesundheitsergebnisse zu erzielen. Wir betrachten die Personalisierung bzw. die Präzisionsmedizin aus drei Blickwinkeln. Eine davon ist die Präzisionsprävention. Bei der zweiten geht es um Präzisionsdiagnostik und bei der dritten um personalisierte Lösungen durch Produkte. Die Präzisionsprävention nutzt Lösungen, die auf Daten beruhen. Es sind Softwarelösungen, die es uns ermöglichen, den Nutzern vorhersagbare Ergebnisse und Erkenntnisse über ihre Gesundheit zu liefern. Der zweite Bereich ist die Präzisionsdiagnostik, also unsere Plattformen rund um die Diagnostik, die wir den Verbrauchern zu Hause zur Verfügung stellen können, um sie direkt mit Informationen zu versorgen. Wir haben Partnerschaften, zum Beispiel mit Ada Health und Huma, geschlossen. Das sind digitale Lösungen, die sofortige Informationen auf der Grundlage von Eingaben des Nutzers liefern. Ebenso arbeiten wir  an Lösungen, die sich auf biologische Flüssigkeiten wie Speichel stützen, um die Gesundheit auf biologischer Ebene und auf individueller Ebene zu verstehen. Und schließlich suchen wir nach personalisierten Lösungen für die Gesundheitserhaltung. Dazu gehört heute vor allem die Nahrungsergänzung durch Probiotika, Präbiotika oder auch Vitamine, Mineralien und weitere Nahrungsergänzungsmittel. Diese Produkte wollen wir  auf der Grundlage einer präzisen Diagnose mittels geeigneter Instrumente ermitteln und entsprechend den Bedürfnissen des Nutzers bei der Diagnoseerstellung bereitstellen. Man könnte sagen, der erste Teil hat mehr mit Software und Daten zu tun. In der Mitte geht es um das Sammeln von Informationen, um eine genaue Einschätzung zu erhalten, und in der letzten Phase geht es um die Ergebnisse, die wir liefern, um die Lücken oder den Bedarf zu decken, den wir zuvor ermittelt haben.

Health Relations: Welche Schwerpunkte oder Kernkategorien gibt es?

Aquil Harjivan: Wir sind in vielen Consumer Health Bereichen aktiv. Einige von ihnen eignen sich besonders für diese Art von Innovationen, wie z. B. Herzgesundheit, wo eine Vorsorge möglich ist, noch bevor die Menschen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekommen. Wir glauben, dass der Wandel hin zur personalisierten Gesundheitslösungen von Dauer sein wird. Denn die Gesundheitssysteme sind überlastet, die Menschen wollen sich selbst versorgen und fühlen sich durch die Menge an Informationen und den Zugang zu Produkten, die sie heute haben, gestärkt. Es geht also wirklich darum, unser tägliches Geschäft durch personalisierte und stets verfügbare Lösungen zu verändern, wobei einige von ihnen Priorität haben, wie zum Beispiel die Partnerschaft mit Huma in der Herzgesundheit.

„Obwohl die Menschen Zugang zu Informationen haben, handeln sie nicht unbedingt dementsprechend.“

Health Relations: Es gibt eine gesellschaftliche Kluft mit Blick auf die Gesundheitskompetenz. Stichwort Health Literacy. Wie nehmen Sie alle mit? Ist Bayer hier auch aktiv?

Aquil Harjivan: Ja, und das ist genau der Punkt, an dem wir stehen, nicht wahr? Obwohl die Menschen Zugang zu Informationen haben, handeln sie nicht unbedingt dementsprechend. Wenn ich mir zum Beispiel unsere Partnerschaft mit Huma anschaue, dann ist einer der Hauptgründe für diese Kooperation folgender: Mehr als die Hälfte der Menschen, die ein mittleres bis hohes Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben, sind sich dessen nicht bewusst. Sie sind sich nicht bewusst, dass sie ein hohes Risiko haben, weil sie entweder eine genetische Veranlagung haben oder weil sie einen bestimmten Lebensstil führen. Einer der Gründe, warum wir mit diesen Lösungen begonnen haben, war also, Menschen mit einem höheren Risiko dazu zu bewegen, die Untersuchung, die Huma anbietet, durchzuführen, und ihnen im Anschluss eine Lösung zu bieten. Nämlich zum Arzt zu gehen oder ihnen sogar Zugang zu Ärzten zu verschaffen. Auch das ist letztlich die Arbeit, die wir derzeit leisten, denn selbst in den USA ist es, wie wir wissen, aufgrund des privatisierten Gesundheitssystems usw. für die Menschen schwierig, proaktiv zum Arzt zu gehen und sogar jährliche Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen. Aus diesem Grund gibt es so viele Probleme mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die in hohem Maße vermeidbar sind. Wir tragen also der Tatsache Rechnung, dass mangelnde Aufklärung und Fehlinformationen heute ein Problem darstellen.

Health Relations: Sie verschaffen Zugang zu Ärzt:innen und Awareness. Tragen Sie auch direkt zu einer Steigerung der Gesundheitskompetenz bei?

Aquil Harjivan: Wir haben vor ein paar Jahren eine globale Kampagne zur Vagina-Academy durchgeführt, bei der es um die Gesundheit von Frauen im Intimbereich ging. Es ging um die Aufklärung und die Beseitigung von Mythen in diesem Bereich. Dabei haben wir festgestellt, dass sich jüngere Frauen sehr engagiert haben. Wir glauben, dass wir damit den Stein ins Rollen gebracht haben, was die Öffnung des Gesprächs und die Vermeidung von Scham und Tabus im Zusammenhang mit der intimen Gesundheit von Frauen angeht. In den UK haben wir jetzt eine Website zum Thema Vagina eingerichtet, die wir zusammen mit dem britischen Bildungsministerium in die Lehrpläne integrieren, was eine sehr spannende Sache ist. Das hat uns auch dazu veranlasst, die Ada-Lösung zur Bewertung von Symptomen in unsere Website zu integrieren. Für Frauen, die auf der Suche nach Informationen waren, um eine genaue Einschätzung ihres Gesundheitszustands zu erhalten, und ob etwas besorgniserregend ist oder nicht. Das sind also einige der Beispiele, bei denen wir den Zugang zu Gesundheitsinformationen gefördert haben.

Health Relations: Personalisierte Therapien brauchen Daten. Das ist in Deutschland kein einfaches Thema, oder?

Aquil Harjivan: Wir legen einen hohen Wert auf den Datenschutz. In unseren  gesamten Organisation arbeiten Datenschutzbeauftragte und  alle meine Projekte haben einen Datenschutz- und Sicherheitsverantwortlichen, der die entsprechenden Bewertungen durchführt. Wir stellen also sicher, dass wir uns an die nationalen Richtlinien und Lösungen halten. Wir entscheiden uns dabei immer für die konservativste Lösung, weil wir wissen, dass wir unsere Lösungen skalieren und globalisieren wollen und uns nicht ständig an einen Markt anpassen wollen, in dem es nicht so strenge Vorschriften gibt. Wir wollen uns an die strengsten Vorschriften anpassen.

Health Relations: Aber damit personalisierte Gesundheitsprodukte funktionieren, brauchen Sie die Daten Ihrer Kund:innen, oder?

Aquil Harjivan: Ja. Aber es gibt technologische Lösungen, die es ermöglichen, Daten zu anonymisieren. Wir schenken dem Thema sehr viel Aufmerksamkeit, da wir noch ganz am Anfang dieser Reise stehen. In der Anfangsphase sind wir in diesem Bereich vielleicht noch etwas zu konservativ, weil wir sicherstellen wollen, dass wir die Gesetze und Vorschriften einhalten. Wir sammeln also nicht alle Daten, und wenn wir sie doch sammeln, speichern wir sie nicht. Und wenn wir später feststellen, dass wir diese Daten benötigen, stimmen wir das mit dem Nutzer ab. Er oder sie hat das Recht, ja oder nein zu sagen, wenn es um die Bereitstellung und Weitergabe dieser Daten geht.

„Der Wandel hin zu B-to-C ermöglicht uns ein direktes Gespräch mit unseren Verbrauchern. Wir können ihre Bedürfnisse so viel besser erschließen.“

Health Relations: Welche Kommunikationskanäle nutzen Sie, um sicherzustellen, dass Ihre Produkte die Nutzerzielgruppen erreichen?

Aquil Harjivan: Heute sind wir weitgehend ein B-to-B-to-C-Unternehmen. Wir verlassen uns also stark auf den Handel und die Apothekenkanäle, um mit unseren Kunden in Kontakt zu treten. Die Macht der Medien hat begonnen, das zu ändern. Der direkte Zugang zum Verbraucher erfolgt durch Werbung. Gezielte Werbung ist etwas, in das wir investiert haben. Wir verstehen demografische Daten und können die richtigen Leute zur richtigen Zeit ansprechen, wenn sie nach Informationen suchen. Dieser Wandel hin zu B to C ermöglicht uns ein direktes Gespräch mit unseren Verbrauchern. Wir können ihre Bedürfnisse so viel besser erschließen. Aber natürlich benötigen wir weiterhin die Unterstützung von HCPs, also Apothekern und Ärzten, um die personalisierte Gesundheitsversorgung auch im Consumer Health-Bereich voranzutreiben.

Health Relations: Der Arzt/ die Ärztin spielt nach wie vor eine große Rolle in diesem Spiel?

Aquil Harjivan: Das Ziel ist nicht, den Arzt zu ersetzen. Es geht darum, die Nutzer mit den jeweiligen Gesundheitsinformationen in die Lage zu versetzen und zu befähigen, zum Arzt zu gehen. Vielleicht sogar viel früher, als sie es sonst tun würden. Ärzte und Apotheker spielen also nach wie vor eine wichtige Rolle in unserem Ökosystem.

Health Relations: Wie funktioniert die neue Bayer Unit für personalisierte Consumer Health-Produkte? Wie ist sie strukturiert?

Aquil Harjivan: Die Art und Weise, wie wir uns strukturiert haben, ist repräsentativ für ein funktionsübergreifendes Führungsteam. Wir haben also Leute, die unsere kommerziellen und geschäftlichen Abläufe in den Bereichen Recht, Regulierung und Medizin vertreten, und wir haben lokale Vertreter aus unseren Kernmärkten. Also die USA, Deutschland und China, eine Art führende Vertreter dieser Standorte. F&E, Finanzen, Geschäftsentwicklung und so weiter. Es gibt also eine ziemlich enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teammitgliedern, die verschiedene Bereiche des Unternehmens repräsentieren, um die Entscheidungsfindung und auch die strategischen Entscheidungen darüber zu ermöglichen, wo investiert werden soll und was zu tun ist. Jedes dieser Teammitglieder hat ein Team, das diese Produkte umsetzt und liefert. So ist zum Beispiel mein Team, in enger Zusammenarbeit mit meinem IT-Kollegen, für die Innovationsstrategie, die Entwicklung und die Markteinführung dieser Produkte verantwortlich. Während wir uns auf unsere externen Innovationspartnerschaften, das übergreifende Team und die Geschäftsentwicklung verlassen, um einige dieser Partnerstrategien zum Leben zu erwecken und die Kommerzialisierung entsprechend voranzutreiben.

Health Relations: Die Hälfte des Jahres liegt bereits hinter uns. Was ist der nächste große Schritt, den Sie und Ihr Team erreichen möchten in den kommenden Monaten?

Aquil Harjivan: Ich denke, wenn es etwas gibt, worauf ich mich freue, dann ist es, dass wir zum Jahresende die richtigen Skills und Teams rekrutiert haben, dass wir unseren Kulturwandel weiter vorantreiben. Denn es ist ein kultureller Wandel, die Umstellung vom traditionellen Arzneimittelunternehmen hin zu neuen, datengetriebenen Geschäftsmodellen. Mit dieser Fachkompetenz, können wir dazu beitragen, diesen kulturellen Wandel voranzutreiben und einige der Initiativen starten, die wir derzeit planen. Und ich denke, das ist erst der Anfang der Reise.

Das Interview fand in englischer Sprache statt.

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