Malte Fritsche, bitkom: „Es ist ein guter Zeitpunkt, nach vorne zu schauen“

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Malte Fritsche Bitkom
Malte Fritsche ist Referent Health & Pharma beim Digitalverband Bitkom © bitkom
Neue Chancen für das Gesundheitssystem will die Digital Health Conference des Digitalverbands Bitkom aufzeigen. Malte Fritsche, Bitkom-Referent für Health & Pharma, erklärt, warum aus seiner Sicht jetzt, allen Widrigkeiten zum Trotz, ein guter Moment ist, um nach vorne zu schauen.
Das lesen Sie in diesem Beitrag:
  • Wie ist die Stimmung in der Branche  – und was hat das Ganze mit Frustrationstoleranz zu tun
  • Was ist das wirklich Neue bei der #dhc23 ist
  • Wie wird das Thema Social Governance in der Veranstaltung aufgegriffen
  • Warum ist Social Governance überhaupt wichtig – und wie kann Pharmaunternehmen sie leben

Health Relations: „Digitaler Aufbruch: Neue Chancen für das Gesundheitssystem“. Das Motto der Digital Health Conference ist, das unterstelle ich Ihnen einfach einmal, bewusst positiv gewählt. Aber wie positiv ist denn die Stimmung bei der Bitkom als Digital-Branchenverband, wenn wir uns an Punkten wie Datenschutz und Akzeptanz von digitalen Gesundheitslösungen abarbeiten, obwohl wir wahrscheinlich schon lange an der großflächigen Umsetzung von Digital Health-Lösung arbeiten könnten?

Malte Fritsche: Wenn man sich mit der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens auseinandersetzt, darf die Frustrationstoleranz tatsächlich nicht gering sein. Das Risiko, dass wir uns in Einzelfragen verheddern und auch das Tempo verlieren, war in den letzten Jahren omnipräsent. Wir haben den Veranstaltungstitel aber bewusst positiv gewählt, da wir mit den aktuellen Gesetzen, mit denen sich zum Zeitpunkt der Konferenz auch der Bundestag auseinandersetzt, schon ein gutes Fundament bauen. Eine ganz zentrale Rolle kommt der ePA im Opt-out-Verfahren zu.

„Demgegenüber stehen aber auch unverhältnismäßige Auflagen für die Hersteller, die Innovationen in dem Bereich ausbremsen würden.“

Wenn wir hier tatsächlich in die flächendeckende Verbreitung kommen, dann sind wir einen ganzen Schritt weiter beim Fundament. Die Gesetzesentwürfe halten aber noch weitaus mehr bereit. So soll z.B. endlich der Anwendungsbereiche für DiGA erweitert werden. Demgegenüber stehen aber auch unverhältnismäßige Auflagen für die Hersteller, die Innovationen in dem Bereich ausbremsen würden. Das wäre fatal für das DiGA-Ökosystem. Wir werden sehen, wie die Entwicklung hier verläuft. Dennoch: Es ist ein guter Zeitpunkt, nach vorne zu schauen und sich zu überlegen: Was können wir auf der Basis der neuen Gesetzesentwürfe an Ideen und Innovation umsetzen?

Digital Health Conference 2023 | #dhc23
Die Digital Health Conference 2023 findet am 30. November in der Alten Münze in Berlin-Mitte statt. Inhaltlich dreht sich alles darum, wie der Aufbruch gelingen kann, was von der Digitalisierungsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums in der praktischen Umsetzung zu erwarten ist und wie eine bessere Versorgung in Krankenhaus, Pflege und Praxen gelingt. Weitere Themen: das große Potenzial von Daten und Zukunftstechnologien in der Medizin und Social Governance.

Health Relations: Jenseits der Insellösungen, die es bereits gibt, ist die große Vision ein vernetztes Gesundheitswesen im europäischen Raum. Aus Ihrer Sicht heraus: Wie sieht ein realistisches Timing aus?

Malte FritscheWenn wir uns im europäischen Rahmen bewegen, dann verdichten sich die grundsätzlich positiven Signale aus Brüssel in Sachen Opt-out bei ePA und Forschungsdaten. Ob bis zum Sommer 2024 tatsächlich Einigkeit erzielt und der nächste Schritt gemacht werden kann (bis 2025 soll der European Health Data Space umgesetzt sein. Siehe hier, Anm. der Red.), das ist ein Fall für die Glaskugel. Genau deshalb aber ist es so wichtig, auf nationaler Ebene schon mal vorangehen.

Health Relations: Schauen wir auf die Digital Health Conference 2023. Was sind denn wirklich die neuen Ansätze und Perspektiven, die Sie mit Ihrer Veranstaltung aufzeigen möchten?

Malte FritscheDer große Mehrwert ist der holistische Ansatz. Es ist keine reine Pharma-Veranstaltung und ebenso wenig ausschließlich auf die Tech-Bubble beschränkt. Wir wollen den Austausch zwischen allen Sektoren im Health-Sektor herstellen: Industrie, Politik, Verwaltung, Pflege und Medizin, Patientenvertretungen. Es ist ein Schulterschluss über die Sektorengrenzen hinweg. Der Bitkom-Verband kommt traditionell aus einer eher technischen Ecke, von daher wird es einen Fokus bei Themen wie Daten, KI oder auch Large Language Models geben. Unsere Gäste dürfen sich auf viele spannende und visionäre Beiträge freuen.

Health Relations: Kann man das alles in eine eintägige Konferenz packen?

Malte Fritsche: Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Es funktioniert sogar sehr gut! Wir arbeiten mit kompakten Themenblöcken und werden so akzentuierte Ein- und Überblicke zu den verschiedenen Topics geben.

„Pharmaunternehmen sind äußerst engagiert, was die Themen Transformation und digitale Innovation betrifft.“

Health Relations: Die Digital Health Conference findet in Präsenz statt, nicht digital. Warum?

Malte Fritsche: Die Befragung der Gäste der letztjährigen Digital Health Conference hat gezeigt, dass der direkte Austausch und die besondere Stimmung zwei Faktoren sind, die vielen unserer Besucherinnen und Besucher besonders am Herzen liegen. Wir haben deshalb auch ein Setting gewählt, das attraktiv und inspirierend ist, nämlich in der Alte Münze in Berlin.

Health Relations: Räume machen etwas mit Menschen. Das denke ich auch. Es werden sich auch einige Big Pharma-Unternehmen ins Programm einbringen. Pfizer zum Beispiel. Wie schätzen Sie das ein: Ist die Pharmabranche in dieser Transformations-Bewegung Innovator oder eher Getriebener, weil die Digitalisierung am Ende auch ihr Geschäftsmodell radikal verändern kann?

Malte Fritsche: Pharmaunternehmen sind äußerst engagiert, was die Themen Transformation und digitale Innovation betrifft. Sie werden nicht als notwendiges Übel aufgefasst, sondern erhebliche Ressourcen investiert, um sich einerseits als Organisation zukunftsfest aufzustellen, aber besonders um die Chancen der Digitalisierung bei der Entwicklung neuer Therapieformen zu nutzen.

Health Relations: Sie kündigen auf Ihrer Homepage an, dass sich die Konferenz auch mit Social Governance auseinandersetzt. Hier kommt auf Pharmaunternehmen nochmal eine ganz andere Verantwortung zu. Es geht nicht mehr darum, Körper und Seele zu heilen, sondern Gesundheitswirtschaft viel größer zu denken, als Beitrag zu einer gesunden Umwelt und zu einem gesunden Wirtschaftsgefüge. Wie wird dieser Aspekt in Ihrer Veranstaltung abgebildet?

Malte Fritsche: Mir war es sehr wichtig, das Thema Social Governance nicht einfach nur in einen Programmslot zu pressen, um nachher einen Haken dranzumachen. Es ist ja praktisch so, dass Social Governance in den meisten Bereichen des Gesundheitswesens ein zunehmend wichtiger Faktor ist. Und genauso werden sich Teilaspekte auch in den vielen Sessions am 30.11. wiederfinden.

Health Relations: Ganz konkret: Wie kann denn die Digitalwirtschaft der Gesundheitsbranche helfen, dieser übergeordneten Verantwortung Social Governance gerecht zu werden?

Malte Fritsche: Ein gutes Beispiel sind Angebote wie Telemedizin, weil sie gleich auf mehrere Aspekte der Social Governance einzahlt. Denken wir an die Nachhaltigkeit: Dank der Videosprechstunde müssen Sie nicht mehr für jeden kleinen Schnupfen zur Praxis fahren. Das allein spart gleich an mehreren Stellen im System wichtige Ressourcen. Oder auch das Thema Teilhabe. Unabhängig davon, an welchem Ort ich wohne, in der Stadt oder auf dem Land, kann ich dank Telemedizin und Telekonsil von der Einschätzung der absoluten Spezialistinnen und Spezialisten ihres Fachbereichs profitieren. Auch Sprachbarrieren können durch Teledolmentschen abgebaut, damit der Grad der Deutschkenntnisse nicht darüber entscheidet, ob mir die richtige Behandlung zukommt. Wer weiß, vielleicht werden KI und Large Language Models die Barrieren künftig noch stärker senken. Das Ziel muss schließlich sein, dass allen Bevölkerungsgruppen, allen gesellschaftlichen Schichten der gleiche niedrigschwellige Zugang zu hochwertiger Medizin ermöglicht wird. Und letztlich können wir durch effizientere Prozesse und eine bessere Versorgung auch das finanzielle Defizit im Gesundheitswesen reduzieren.

„Ich bin mir sicher, dass Kritik am Status quo zwar stattfinden wird, aber nur eine untergeordnete Rolle in den Debatten und Beiträgen spielen wird.“

Health Relations: Damit diese Chancen sich herumsprechen, braucht es eine gute Kommunikation. Um Ängste abzubauen, die nach wie vor in der Bevölkerung vorhanden sind. Da müssten Bitkom und alle anderen Player an einem Strang ziehen.

Malte Fritsche: Richtig, es sind sämtliche Stakeholder gefordert, gemeinsam und progressiv zu denken und zu handeln.

Health Relations: Wenn die Konferenz-Teilnehmenden Ihre Veranstaltung am 30.11. verlassen, mit welchem Gefühl sollen sie das tun? Was wäre Ihre Wunschvorstellung?

Malte Fritsche: Neue Eindrücke, Kontakte, Ideen, vielleicht auch eine Erweiterung der eigenen Vorstellung von Digitalisierung. Und über allem: Optimismus. Ich bin mir sicher, dass Kritik am Status quo zwar stattfinden wird, aber nur eine untergeordnete Rolle in den Debatten und Beiträgen spielen wird. Wir wollen nach vorne blicken: Auf welcher regulatorischen Grundlage werden wir in Zukunft agieren und was können wir damit alles erreichen.

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