Digitale Transformation am Uniklinikum Essen: Alle Mitarbeiter mitnehmen

318
Dr. Anke Diehl von der Universitätsmedizin Essen: Die Digitalisierung macht Kliniken attraktiver für Ärzte
Dr. Anke Diehl von der Universitätsmedizin Essen: „Das Personal sucht sich heute die Klinik aus, nicht umgekehrt.“ © Universitätsmedizin Essen

Als „Smart Hospital“ und international angesehene Wissenschaftseinrichtung ist das Universitätsklinikum Essen ein attraktiver Arbeitgeber. Das Klinikum hat mit Dr. Anke Diehl eine Digital Change Managerin engagiert,  die die Digitalisierungsstrategie der Universitätsmedizin im Konzern vorantreiben will.

Die Digitalisierung verspricht Kliniken große Chancen bessere Patientenversorgung, Entlastung des Personals und mehr Effizienz. Bislang sind allerdings nur wenige Häuser für das digitale Zeitalter gerüstet. Nach dem jüngsten Krankenhausreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK WIdO liegt der Digitalisierungsgrad der deutschen Kliniken 40 Prozent unter EU-Durchschnitt. Das bedeutet unter anderem, dass mehr als jedes dritte Haus hierzulande keinerlei Informationssysteme für große diagnostische und versorgende Abteilungen installiert hat, sich informationstechnisch also auf dem Stand des vorigen Jahrhunderts befindet.

Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die Universitätsmedizin Essen mit ihren 56 Kliniken und Instituten ist bereits seit 2015 auf dem Weg zum Smart Hospital. Konzernweit wurde eine elektronische Patientenakte eingeführt, Radiologie und Pathologie sind voll digitalisiert, in der hauseigenen Apotheke mischen Roboter völlig autonom die Chemotherapien an und eine ‚Smart Hospital Information Platform (SHIP) aggregiert Informationen für Versorgung und Forschung. In bestimmten medizinischen Bereichen werden Künstliche-Intelligenz-Systeme (KI) eingesetzt; kürzlich wurde ein KI-Institut gegründet.

Praktiziertes Beispiel der Digitalen Transformation: In der Biobank am UK Essen werden die Daten aus Tumorgewebe und Flüssigmaterial mit klinischen und diagnostischen Daten aus anderen klinikinternen Informationssystemen verlinkt. © Universitätsklinikum Essen
Praktiziertes Beispiel der Digitalen Transformation: In der Biobank am UK Essen werden die Daten aus Tumorgewebe und Flüssigmaterial mit klinischen und diagnostischen Daten aus anderen klinikinternen Informationssystemen verlinkt. © Universitätsklinikum Essen

Alle Mitarbeiter bei digitaler Transformation mitnehmen

Doch technische Innovationen sind nicht alles. Mit der Initiative „Smart Hospital“ will das Klinikum nach eigenen Angaben einen echten Kulturwandel erreichen, der den Patienten, aber auch den Mitarbeitern zugutekommt. „Digitale Transformation bedeutet auch, dass Sie das gesamte Mind-Set in einer Klinik ändern müssen. Jede Professur, die neu besetzt wird, jeder einzelne Mitarbeiter muss dabei mitgenommen werden“, erklärt Dr. Anke Diehl, Digital Change Managerin am UK Essen. Es gehe um die Umsetzung einer strategischen Entscheidung durch die Menschen, fährt sie fort, und das brauche vor allem eins: viel Zeit.

„Digitale Transformation bedeutet, dass Sie das gesamte Mind-Set in einer Klinik ändern müssen.“

Ihre Aufgabe ist es, die Digitalisierungsstrategie der Universitätsmedizin im Konzern voranzutreiben und weiterzuentwickeln. Oder wie sie es selbst ausdrückt, „eine Flotte mit 56 Schiffen auf einen einheitlichen Kurs zu bringen.“ Darum springt sie von Schiff zu Schiff und spricht mit allen, die sich an Bord befinden. Jeder Einzelne und jeder Aspekt sei wichtig „Gespräche und nochmal Gespräche sind mein täglich Brot, um Synergien zu schaffen“, sagt Anke Diehl, die von Haus aus Ärztin und außerdem studierte Managerin von Gesundheitseinrichtungen ist.

Krankenpfleger führten digitale Patientenakte ein

Smart Hospital ist ein gigantisches Projekt. Darum wurden Lenkungsgruppen gegründet, in denen alle Berufsgruppen vertreten sind – vom Professor über die Pflegekraft bis zum Informatiker. Außerdem gibt es Fortbildungen für alle Mitarbeiter. Die digitale Patientenakte wurde zum Beispiel nicht von „oben“ eingeführt, sondern von weitergebildeten Mitarbeitern, vorwiegend Krankenpflegern. Das schafft Akzeptanz.

Heute rollt die E-Akte auf dem Visitenwagen über die Stationen, was schon sehr fortschrittlich ist. Doch langfristig sollen möglichst viele der 8.000 Mitarbeiter mal ein mobiles Tablet in der Kitteltasche tragen und noch weitere entlastende digitale Assistenten an die Hand bekommen. Auf einen Schlag sei so etwas aber leider nicht finanzierbar, bedauert Anke Diehl. „Dabei hätte das Pflegepersonal dadurch nicht nur mehr Zeit für die Patienten, sondern auch eine größere Wertschätzung.“

Smart Hospital UK Essen sucht Informatiker

Geld ist auch am UK Essen ein limitierender Faktor. Und das nicht nur in Hinblick auf technische Investitionen. Im Smart Hospital sind augenblicklich 8,5 von 115 Informatikerstellen nicht besetzt. Die Industrie kann deutlich bessere Gehälter zahlen.

Trotzdem sind sieben Prozent unbesetzte Stellen im Bereich der Medizininformatik vergleichsweise wenig. „Attraktiv sind wir nur deshalb, weil wir als Smart Hospital Leuchtturmprojekt sind und einen wissenschaftlichen Background bieten“, sagt Anke Diehl. „Aber für kleinere Häuser wird es an dieser Stelle echt schwierig.“

Neues Mind-Set trägt erste Früchte beim Recruitung

Auch das geänderte Mind-Set zahle sich langsam aus, meint die Digital Change Managerin, und erzählt von der Dr. Carola Holzner, der neuen leitenden Oberärztin der Zentralen Notaufnahme Nord. Die 37-jährige Ärztin ist als Doc Caro auf Instagram unterwegs und antwortet zum Beispiel auf gehypte Videos wie das des Notfallsanitäters Felix. „Für sie war es attraktiv zu uns zu kommen, weil wir auch dieses Mind-Set bieten.“ Dazu gehörten etwa Offenheit, das Miteinander reden, niedrige Hierarchien und eben die Digitalisierung. „Wir sind innovativ und wollen etwas bewegen. Das zieht auch die entsprechenden Leute an.“

„Das Personal sucht sich heute die Klinik aus, nicht umgekehrt.“

Im Pflegebereich steht das UK Essen allerdings genau wie alle anderen Kliniken vor einem leergefegten Markt. 140 neue Pflegestellen hätte es eigentlich nach dem großen Streik im Sommer 2019 geben sollen, bis heute sind diese Stellen nicht in vollem Umfang besetzt. „Und das, obwohl wir schon zu den attraktiveren Arbeitgebern gehören.“

Trotzdem bietet die Digitale Transformation hier einen gewissen Vorsprung, weil sie Ressourcen freisetzt und für junge Leute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein kann. „Das Personal sucht sich heute die Klinik aus, nicht umgekehrt. Dieses Gesetz gilt auch und gerade auf einem angespannten Personalmarkt.“

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Please enter your name here