Disease Interception – weg vom Reparaturbetrieb

"Wir sehen mit Disease Interception für die Zukunft die realistische Chance, diese Erkrankungen zu erkennen und aufzuhalten, bevor die ersten Symptome entstehen."Health Relations: Was bedeutet das für potenziell Betroffene?Dr. Christoph Bug: Wir alle als potenziell Betroffene müssten mehr Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen und entscheiden, ab welchem Erkrankungsrisiko wir informiert werden möchten. Wir müssen festlegen, wer überhaupt entscheidet, ab welchem Erkrankungsrisiko interveniert werden soll. Auch den Umgang mit dem individuellen Recht auf Nichtwissen müssen wir als Gesellschaft verbindlich regeln. Wie sollen Ärzte und Krankenkassen beispielsweise damit umgehen, wenn ein Versicherter von seinem Recht auf Nichtwissen Gebrauch macht und später erkrankt?Health Relations: Stößt Disease Interception bei Patienten auf Interesse und Akzeptanz?Dr. Christoph Bug: Aus zahlreichen Gesprächen wissen wir, dass viele Menschen dem Prinzip der Disease Interception offen gegenüberstehen. Und auch Vertreter von Zulassungsbehörden, Krankenkassen und Politik sehen neben den Herausforderungen auch die Chancen – nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für unser Gesundheitssystem als Ganzes. Disease Interception hat das Potenzial, unser Gesundheitssystem grundlegend zu verändern – weg vom Reparaturbetrieb, in dem Krankheiten behandelt werden, hin zur Erhaltung unserer Gesundheit. Health Relations: Bei welchen Krankheitsbildern oder Forschungsfeldern wird Disease Interception künftig besonderen Einfluss haben?Dr. Christoph Bug: Vielversprechend scheint Disease Interception bei Krankheiten, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und die nach ihrem Ausbruch in der Regel nicht mehr heilbar sind. Denn: Selbst, wenn wir heute schon immer früher und individueller diagnostizieren und therapieren können, kommen wir – zumindest bei progressiven Erkrankungen – immer noch zu spät. Der Tumor hat sich gebildet oder, wie im Fall der Alzheimer Demenz, das Gehirn ist bereits irreversibel geschädigt.

Die drei Elemente von Disease Interception. © Janssen Deutschland
"Disease Interception hat das Potenzial, unser Gesundheitssystem grundlegend zu verändern – weg vom Reparaturbetrieb, in dem Krankheiten behandelt werden, hin zur Erhaltung unserer Gesundheit."Health Relations: Wie beurteilen Sie die Debatte?Dr. Christoph Bug: Die Diskussion ist durchaus kontrovers. Viele unserer Gesprächspartner erkennen jedoch das Potenzial von Disease Interception, unser krankheitsbezogenes Versorgungssystem zu transformieren und endlich die Gesundheit in den Fokus zu rücken. Eine wichtige Erkenntnis aus der intensiven Diskussion beim diesjährigen Janssen Open House war außerdem: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Wenn wir das Konzept der Disease Interception in die Versorgungsrealität überführen wollen, müssen wir die Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Vorbehalte der Menschen anhören und berücksichtigen. Health Relations: Was muss geschehen, um das Gesundheitssystem fit für Disease Interception zu machen?Dr. Christoph Bug: Zunächst einmal wird es darum gehen, nachzuweisen, dass eine Therapie im Sinne von Disease Interception die Erkrankung verlässlich unterbindet oder ihren Ausbruch um Jahre nach hinten verzögert. Die prädiktive Aussagekraft der genutzten Biomarker wird dabei ebenso eine Rolle spielen wie die Frage, welches Studiendesign zum Nachweis der Wirksamkeit der Therapie geeignet ist und welche Paramater für eine Nutzenbewertung in Betracht kommen. In der Präzisionsmedizin ist die Durchführung klassischer Phase III-Studien (RCTs) mit mehreren hundert Patienten schon heute oft nicht möglich, da wir es mit kleinen Patientengruppen und spezifischen Subtypen zu tun haben. Auch für Disease Interception passen unsere heutigen Standards nicht: Angenommen, wir identifizieren einen Biomarker, der auf ein hohes Erkrankungsrisiko innerhalb der nächste 15 bis 20 Jahre hinweist, und angenommen, es gäbe eine Therapie, mit der sich der Krankheitsprozess gezielt unterbrechen ließe: Klassische RCTs wären in dieser Situation kaum finanzierbar und außerdem zu langwierig. Zudem wäre es ethisch kaum vertretbar, Hochrisikopatienten jahrzehntelang in einer Placebo-Gruppe zu beobachten, ohne etwas gegen die drohende Erkrankung zu unternehmen. Klar ist: Klinische Forschung braucht hohe wissenschaftliche und methodische Standards. RCTs werden auch weiterhin der Goldstandard bleiben. Um zu verhindern, dass Innovationen wie Disease Interception durch überholte Methoden ausgebremst werden, müssen wir genau diese Methoden aber weiterentwickeln. Health Relations: Wie soll mit den Kosten für Disease Interception umgegangen werden?Dr. Christoph Bug: Die Frage der Erstattung ist eine wesentliche, die es frühzeitig zu diskutieren gilt. Mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz haben wir uns in Deutschland für einen wert-basierten Ansatz entschieden. Ein solcher Ansatz fordert von einer Gesellschaft, zu definieren, wie hoch der Wert ist, den sie bestimmten Gesundheitsaspekten beimisst, um im Anschluss die Preisgestaltung konsequent danach auszurichten. Genau das müssen wir im Hinblick auf Disease Interception leisten. Wir müssen gemeinsam definieren, was uns die Erhaltung unserer Gesundheit wert ist – welchen individuellen Wert es für die Betroffenen hat, weiter am Leben teilhaben zu können, und inwieweit die Solidargemeinschaft davon profitiert, wenn eine Erkrankung nicht ausbricht, der Betroffene weiter arbeiten kann und keine jahrelange Therapie benötigt. Health Relations: Decken die Algorithmen der Kostenträger das denn ab?Dr. Christoph Bug:Im derzeitigen System ist der langfristige Nutzen weniger relevant als die Kosten, die im aktuellen Jahr anfallen. Damit Patienten perspektivisch Zugang zu innovativen Therapien im Sinne von Disease Interception erhalten, sind Modelle wie Risk Share oder andere innovative Vertragsmodelle gefragt.
"Wir sind längst nicht mehr einfach nur ein Entwickler und Hersteller von Medikamenten. Wir sehen uns in der Rolle eines aktiven Mitgestalters des Gesundheitssystems."Health Relations: Auch für Janssen bedeutet Disease Interception einen Paradigmenwechsel.Dr. Christoph Bug: Absolut. Deshalb fördern wir den Diskurs zu Disease Interception in Deutschland seit rund zwei Jahren und treiben auch unsere internationale Forschung in diesem Bereich voran. Wir sehen in Disease Interception die Chance, unser Gesundheitssystem grundlegend im Interesse der Patienten zu verändern. Health Relations: Was bedeutet das für die Zukunft und Arbeitsweise des Unternehmens?Dr. Christoph Bug: Wir sehen uns in der Rolle eines aktiven Mitgestalters des Gesundheitssystems. Doch um dies im Interesse der Patienten grundlegend zu verändern, müssen alle Akteure des Gesundheitssystems zusammenarbeiten. Nur so wird es uns gelingen, den Zugang zu innovativen Therapien für alle zu ermöglichen, die sie benötigen.

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