Digitale Trends in Healthcare: Dr. Frank Wartenberg von IQVIA

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Dr. Frank Wartenberg von IQVIA referiert zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen
© Andreas Henn

Wie sollen Ärzte, die Pharmaindustrie, MedTech und die Krankenkassen in Zukunft zusammenarbeiten? Wie steht es um die Digitalisierung der Medizin, und wo hakt es noch? Darüber sprachen wir mit Branchenkenner Dr. Frank Wartenberg von IQVIA.

Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IQVIA berät Akteure in der Gesundheitsbranche und unterstützt mit Informationen, Technologielösungen und Serviceleistungen im Bereich der klinischen Auftragsforschung. Und deren Repräsentant, Dr. Frank Wartenberg, arbeitet seit Jahren im Beratungs- und Healthcare-Geschäft. Der Vorsitzende der Bundesfachkommission Digital Health des Wirtschaftsrates hat sich auf die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen eingeschossen – und wir haben uns mit ihm darüber unterhalten.

Health Relations: Herr Dr. Wartenberg, immer häufiger ist zu hören, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen Chancen für eine bessere Kommunikation bietet. Teilen Sie diese Sicht?

Dr. Frank Wartenberg: Ja, wenn die Möglichkeiten richtig genutzt werden. Denn bei der Vielfalt der Informationen spielen Empfehlungssysteme eine zunehmend wichtige Rolle, um zielgenauer Informationen an Zielgruppen zu transportieren – in Bezug auf die richtige Wahl des Kanals, des Zeitpunktes und des Inhaltes. Wenn ich zum Beispiel als Pharmaunternehmen einen Arzt informieren will, bin ich gut beraten, seine diesbezüglichen Präferenzen zu kennen, also ob er z.B. einen persönlichen Außendienstbesuch wünscht oder lieber einen Austausch per E-Mail, an welchem Wochentag ihm das am liebsten ist und welche Themen ihn interessieren.

Health Relations: Wohin führt die Digitalisierung im Gesundheitswesen, welche Trends machen Sie aus?

Dr. Frank Wartenberg: Wir sehen hier drei große Felder. Zunächst geht es darum, mehr zu verstehen, was passiert, also tiefere Einsichten zu gewinnen. Dazu gehört, besser zu diagnostizieren, schneller zu diagnostizieren, Patienten mit seltenen Erkrankungen schneller zu identifizieren, bessere Therapieentscheidungen zu treffen oder stärkere Prävention zu ermöglichen. Welches Mittel hilft, welches Mittel hilft nicht? Beispiel Arthrose: Kann ich vorhersagen, ob der Patient in drei oder zehn Jahren eine Operation braucht, um einen Gelenkaustausch zu bekommen? Wenn es eine sehr schnell fortschreitende Erkrankungsform ist, muss ich als Arzt anders agieren als bei einem langsamen Voranschreiten, d.h. ich muss den Patienten ggf. stärker überwachen, mehr seine Bewegung aktivieren und so weiter. Das ist das Thema tiefere Einsicht.

Der zweite Bereich betrifft größere Effizienz, also kosteneffektiver zu werden. Dabei geht es um eine besser abgestimmte Steuerung zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen, etwa zwischen Krankenhaus und Alltagspraxis. Aber auch um schnellere und kostengünstigere Prozesse, etwa bei der Genehmigung von Leistungen durch Kassen, Abrechnung von Rezepten (Stichwort e-Rezept) und um die Durchführung effektiver und effizienter klinischer Studien bei der Zulassung von Arzneimitteln oder Medizinprodukten.

IQVIA zeigt in einem Schema, wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen beeinflussen wird.
Die Digitalisierung beeinflusst Healthcare durch diese drei Faktoren. © IQVIA

Im dritten Bereich geht es um neue Formen der Interaktion zwischen Akteuren im Gesundheitswesen – beispielsweise die Nutzung der Telemedizin für Zweitmeinungen oder einen erleichterten Zugang zu Ärzten (Stichwort: Ärztemangel auf dem Land). Für klinische Studien bedeutet das etwa, dass die Patienten nicht im Studienzentrum an einem bestimmten Ort sein müssen, sondern dass sie z.B. zuhause online betreut werden können. Die drei genannten Felder, tiefere Einsichten, größere Effizienz und neue Formen der Zusammenarbeit beruhen auf Daten und Informationen, technologischen Lösungen, modernen Analysemethoden sowie einer vernetzten Infrastruktur. Davon profitieren verschiedene Akteure: Ärzte und andere Leistungserbringer, pharmazeutische Hersteller, Kostenträger und natürlich die Patienten. Ein einfaches Beispiel dazu ist, einen Röntgenbefund nicht mehr per Post verschicken zu müssen, sondern elektronisch zu übertragen oder diesen dem Patienten in seine elektronische Patientenakte zu stellen.

Health Relations: Stichwort Daten – worauf kommt es hier an?

Dr. Frank Wartenberg: Es gibt Unmengen von Daten, aber viele dieser Daten helfen keinen Schritt weiter, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Es geht darum, kuratierte, qualitativ gesicherte Daten zu haben. Die richtigen, die sinnvoll miteinander verbunden werden können, um Aussagen zu treffen. Es nützt nichts, wenn anonyme Fitnesstrackerdaten und anonymisierte Daten über Behandlungsverläufe aus dem Versorgungsalltag nebeneinander stehen und sich nicht zusammenbringen lassen. Zum Beispiel kann es bei einem Diabetespatienten sinnvoll sein, seine Bewegungsdaten, die Entwicklung seines BMI und seines Hba1c, seinen körperlichen Zustand, die Frage, wie viele Medikamente er einnehmen muss und welche Begleiterkrankungen er hat, in Verbindung zu setzen. Wenn dann auch der Lebensstil dokumentiert ist, weil dieser Teil einer Studie und damit kontrolliert ist, werden saubere Daten erfasst und können tatsächlich dem Studiendokument zugeordnet werden. Sonst ist es eher der Versuch, unkontrolliert Daten aus der Cloud zu holen und irgendwie zusammenzukochen. Da kommt am Ende nichts medizinisch Verwertbares heraus.

Die Ärzte bleiben auch in Zukunft die Entscheider

Health Relations: Welche Rolle spielen dabei Ärzte und Patienten?

Dr. Frank Wartenberg: Die Rolle der Patienten und Behandler ist ganz entscheidend. Die Ärzte bleiben auch in Zukunft die Entscheider, die sich aber auf neue Diagnosemöglichkeiten stützen können. Ihre Behandlungspläne werden transparenter und stärker überprüfbar. Denn je besser die Dokumentation über Therapieansätze und Behandlungen ist, desto besser lässt sich nachvollziehen, ob die richtigen Entscheidungen getroffen wurden. Das macht Ärzten verständlicherweise auch Angst. Die andere Seite ist die Vielfalt der Therapien. 300.000 Therapiealternativen hat heute ein Arzt für einen Krebspatienten. Vor 50 Jahren hat man noch „Erkrankungen des Blutes“ gesagt, heute unterscheidet man 200 verschiedene Blutkrebsarten. Die Vielfalt nimmt gigantisch zu, ebenso wie die Erkenntnisse und die Therapiealternativen. Das alles zu überblicken wird für Ärzte immer schwieriger, und dann die richtige Entscheidung zu treffen, ist nicht einfach. Dafür wird es Systeme geben, die Ärzten helfen können. Wenn der Patient z.B. bestimmte Eigenschaften hat, wenn man die Behandlungshistorie anschaut, dann kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit abschätzen, ob eine bestimmte Therapie besser anschlägt als eine andere. Aber auch in diesem Rahmen wird der Arzt weiter eine entscheidende Rolle spielen.

So lange es noch das überkommene Denken gibt, dass es nur darum geht, Kosten zu senken, kommen wir nicht weiter.

Health Relations: Der zukünftige Arzt als ITler?

Dr. Frank Wartenberg: Nein, der Arzt wird nicht zum Weltmeister im Maschinellen Lernen werden. Die Ärzte werden sich auf Systeme verlassen müssen, die von anderen entwickelt und teilweise mit Inhalten gefüttert werden. Aber natürlich liegt die letzte Therapieentscheidung beim Arzt. Am Ende geht es darum, die Patienten besser und adäquater zu versorgen. So lange es aber noch das überkommene Denken gibt, dass es nur darum geht, Kosten zu senken, kommen wir nicht weiter. Datenschutz und Datensicherheit sind da übrigens manchmal willkommene Feigenblätter für die mangelnde Bereitschaft, sich zu öffnen.

Health Relations: Der Datenschutz wird aber immer wieder ernsthaft als Knackpunkt benannt?

Dr. Frank Wartenberg: Datenschutz ist weniger wichtig als das Thema Datensicherheit. Die zentrale Frage scheint mir zu sein: Welche Sicherheitsschranken baue ich auf, um dem Individuum seinen berechtigten Schutz und Privatheit zu erhalten und trotzdem die Nutzbarkeit herzustellen, um die Menschen z.B. vor Fehlern zu schützen? Im Grunde kommen die Daten in irgendeiner Form an verschiedenen Stellen im System an, und dort müssen sie eingesammelt werden. Die Daten, die im Rohformat vorliegen, müssen aufbereitet werden, damit z.B. bestimmte Begrifflichkeiten stimmen. Lassen Sie mich das am Beispiel des Adverse Event Tracking, also dem Erkennen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, im Kontext von Social Media erklären. Firmen beauftragen uns zum Beispiel damit, über Social Media Hinweise zu identifizieren, um diese frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls reagieren zu können. Es schreibt zum Beispiel jemand auf einer Migräneplattform: „Heute hab ich wieder einen Riesenschädel“, und ein anderer sagt, „mir knallt’s in der Birne“, ein Dritter klagt, „ich hab einen wahnsinnig stechenden Kopfschmerz“ – im Grunde beschreibt das alles den gleichen Sachverhalt, der am Ende in z.B. ICD-10 kodiert werden soll. Spracherkennung allein reicht jedoch nicht, man muss auch das Umfeld verstehen, um vernünftige Zuordnungen machen zu können. Dazu braucht es medizinische Expertise.

Health Relations: Wieso dauert es so lange, bis Lösungen verfügbar sind?

Dr. Frank Wartenberg: Es gibt große Berührungsängste zwischen den Krankenkassen und den pharmazeutischen und medizintechnischen Unternehmen, die teilweise aus der Vergangenheit rühren, nachvollziehbar und berechtigt sind. Ein Beispiel: Es gibt wahnsinnig viel Wissen in der pharmazeutischen Industrie über Erkrankungen, deren Therapie und so weiter. Genauso an den Universitäten, wie auch in Fachgesellschaften der Ärzte, und es gibt auch bei den Kassen Institute, die sich mit medizinischen Fragen auseinandersetzen. Aber es gibt keine Kohärenz der Interessenlage – besonders, wo es um Prävention und langfristige Kostensenkungen und Folgekosten geht. Eine Kasse kann es sich nicht leisten, Geld in Prävention zu investieren, weil der Return of Investment innerhalb von 18 Monaten kommen muss. Die Krankenkassen haben sich zwar gewaltig weiterentwickelt, aber schlussendlich müssen sie sich noch weiter öffnen, um auf neuere Lösungen zu setzen. Eine große Kasse ist vorangeschritten und hat mit einem Partnerunternehmen eine elektronische Patientenakte gelauncht. Jetzt ist die Frage, ob die nächste große Kasse darauf eingeht oder ihre eigene Patientenakte aufsetzt, so dass wir ganz viele nicht kompatible Systeme bekommen werden.

Health Relations: Was bedeutet das letztlich für die Entscheidung, Arzt zu werden?

Dr. Frank Wartenberg: Wer heute Arzt werden möchte, kann das guten Gewissens tun, er/sie muss sich nur darüber im Klaren sein, dass der Arztberuf im Wandel ist. Das Thema der Nutzung von noch kommenden, modernen Technologien wird ein zwingender Aspekt sein. Es wird sehr viel mehr auf Evidenz geschaut werden, als das in der Vergangenheit der Fall war. Die Ärzte werden sehr viel mehr eingebunden sein in Entscheidungsstrukturen, Entscheidungsrahmen, die andere für sie mit setzen werden. Jedoch ist das hoffentlich gleichzeitig mit weniger Bürokratie verbunden, als es heute noch der Fall ist. Auch das ist ein Thema, das es zu bewältigen gilt: die enorme Bürokratie abzubauen durch integrierte Systeme.

Dr. Frank Wartenberg von IQVIA führt beim 7. House of Pharma & Healthcare einen Workshop zum Thema "Digitale Trends im Gesundheitswesen" durch.
Dr. Frank Wartenberg führt beim 7. House of Pharma & Healthcare einen Workshop zum Thema „Digitale Trends im Gesundheitswesen“ durch. © Andreas Henn

Der Wirtschaftsingenieur und Doktor rer.pol. Frank Wartenberg gründete 1995 seine eigene Beratungsfirma, die er später an IMS Health verkaufte. Danach verantwortete er als VP und Practice Leader Commercial Effectiveness das Beratungsgeschäft von IMS HEALTH für Vertrieb und Marketing in EMEA. Seit 2011 ist Dr. Wartenberg der President Central Europe und seit dem Zusammenschluss von Quintiles und IMS HEALTH 2016 der Repräsentant von IQVIA in Deutschland für alle Gesellschaften.

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