Lebensphasenorientierte Arbeitszeit als Konzept gegen den Ärztemangel

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Lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle werden zukünftig immer wichtiger.
Lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle werden zukünftig immer wichtiger. © mast3r / Adobe Stock

Teilzeit, Jobsharing, flexible Arbeitszeit – in der Industrie gehört das längst zum Standard. Auch Kliniken nutzen inzwischen lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle für ihr Ärzte-Recruiting. Damit reagieren sie auf unterschiedlichste Bedürfnisse und erhöhen die Arbeitgeberattraktivität nicht nur bei jungen Ärzten.

„Ich möchte ein verlässliches dienstfrei“ und „Montags muss ich pünktlich zum Sport“ – bei solchen Forderungen hätten Personaler in Kliniken das Vorstellungsgespräch früher abrupt beendet. Heute müssen sie eine Antwort darauf haben, wenn ihnen die Generation Y selbstbewusst gegenübertritt. Der Fachkräftemangel erfordert ein Umdenken. Krankenhäuser stehen im Wettbewerb um qualifizierte Mediziner und können Wünsche nicht einfach in den Wind schlagen. Wer Ärzte finden und binden will, kommt an Maßnahmen zum Thema Beruf und Familie nicht mehr vorbei.

Die Work-Life-Balance ist bei allen Ärzten gefragt

Gerade die 20- bis 35-Jährigen können Kliniken weniger mit einem guten Gehalt als mit einer ausgeglichenen Work-Life-Balance locken. Die sogenannte Generation Y legt großen Wert auf eine ausgewogene Freizeit und ihr Privatleben. Geregelte Arbeitszeiten gehören dazu.

Damit sprechen sie heute vielen Ärzten aus der Seele. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Bedürfnis, das auch unter den 30- bis 50-Jährigen stark gewachsen ist. Dahinter stecken soziale und familiäre Anforderungen, denen die Ärzte gerecht werden müssen. Ein steigender Bedarf ist die Pflege von Familienmitgliedern. Immerhin werden von den 2,59 Millionen zu Hause versorgten Patienten 1,76 Millionen ausschließlich von Angehörigen betreut. Oft wissen Arbeitgeber gar nicht, wer aus der Belegschaft von dieser Doppelbelastung betroffen ist.

Hinzu kommt, dass viele Mediziner auch schlicht und ergreifend ihr Stresslevel reduzieren möchten. Laut einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund fühlen sich knapp 60 Prozent der Klinikärzte überlastet, rund 20 Prozent denken sogar darüber nach, den Beruf ganz aufzugeben. Vor allem die Gesundheit und das Privatleben leide. Ein pünktliches Arbeitszeitende und ein festes Dienstfrei sind also wichtige Anreize für alle Ärzte-Generationen.

Mit flexiblen Beschäftigungsmodellen Ärzte gewinnen

Dr. Volker Hielscher, Geschäftsführer des Instituts für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken, © iso
Dr. Volker Hielscher, Geschäftsführer des Instituts für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken, richtet seinen Blick in einem Buch auf lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle in Kliniken. © iso

Gerade aber moderne Arbeitszeitregelungen sind für Gesundheitsdienstleister, die rund um die Uhr einsatzbereit sein müssen, nicht einfach zu realisieren. „Und trotzdem können Krankenhäuser als Arbeitgeber langfristig nur attraktiv bleiben, wenn sie Flexibilität für jeden einzelnen Mitarbeiter schaffen“, sagt Dr. Volker Hielscher, Geschäftsführer des Instituts für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken.

Lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle werden zukünftig immer wichtiger. Gemeinsam mit zwei weiteren Autoren hat Volker Hielscher ein ganzes Buch dazu geschrieben und seinen Blick dabei vor allem auf die Handhabe in Kliniken gerichtet.

Damit gemeint ist, dass Arbeitgeber auf die unterschiedlichen Anforderungen eingehen, die ein Beschäftigter im Laufe seines Arbeitslebens mitbringt. Angefangen mit dem Berufseinstieg, wenn viele Ärzte noch ungebunden sind und Schicht- oder Nachtdienste noch leichter meistern können. Über die Gründung einer Familie mit dem Bedarf der Kinderbetreuung. Bis hin zu Pflegeverpflichtungen, die Mitarbeiter bei ihren Angehörigen haben oder auch gesundheitliche Probleme, die mit steigendem Alter auftreten. „Schichtarbeit, insbesondere Nachtarbeit, geht mit einer Belastungskumulation einher“, sagt Volker Hielscher. Je länger Ärzte diesen Dienst machen, desto belastender wird es für sie. Gerade ältere Mitarbeiter leiden daher häufig unter den Folgen.

Immer mehr Kliniken setzen auf Wunscharbeitszeitmodelle

Der Bedarf nach mehr Flexibilität, was Umfang und Planbarkeit von Arbeitszeiten angeht, ist also vorhanden – und das bei Ärzten aller Generationen.

Eine ganze Reihe an Kliniken ist dazu übergegangen, Ärzten und Pflegekräften, Wunscharbeitszeitmodelle anzubieten. Die Beschäftigten klären von Jahr zu Jahr – oder sogar halbjährlich – mit ihrem Arbeitgeber, in welchem Rahmen sie tätig sein möchten. Jede Vollzeitkraft hat dabei die Möglichkeit, die Arbeitszeit – meist innerhalb eines Rahmens, z. B. zwischen 50 und 80 Prozent – ohne Angabe von Gründen zu verringern. Das Bruttogehalt wird dementsprechend angepasst. Das entlastet die Mitarbeiter, sorgt für ein besseres Betriebsklima und garantiert trotzdem eine gewisse Planbarkeit für die Kliniken. Umso mehr als die gewonnene Flexibilität verspricht, dass sich Fehlzeiten aufgrund von Betreuungsengpässen oder Überlastungssymptomen verringern.

Damit erreichen Krankenhäuser also zweierlei. Zum einen eine höhere Zufriedenheit und Entlastung ihrer Ärzte, zum anderen betriebswirtschaftliche Nebeneffekte durch mehr Leistungsbereitschaft und geringere Ausfallquoten. Unter dem Strich also eine Win-win-Situation für beide Seiten.


Auch eine eigenverantwortliche Dienstplangestaltung oder ein Tauschmodell aus räumlicher und zeitlicher Flexibilität können eine moderne Arbeitszeitgestaltung für Kliniken sein. Erfahren Sie hierüber mehr im nächsten Teil unserer Serie zu lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen in Krankenhäusern.

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