Boehringer Ingelheim & Metaverse: „Wir alle müssen dies auf dem Radar haben“

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Lerisha Narain, Digital Innovation Scout bei BI X, dem digital lab von Boehringer Ingelheim, über das Metaverse und Pharma
Lerisha Narain ist Digital Innovation Scout bei BI X, dem digital lab von Boehringer Ingelheim. © Boehringer Ingelheim

Lerisha Narain ist Digital Innovation Scout bei BI X, dem digital lab von Boehringer Ingelheim – und hat auch das Metaverse im Blick. Über Chancen, Risiken und Wettbewerbsdruck.


In diesem Interview erfahren Sie:

  • Warum Boehringer Ingelheim das Metaverse mit Vorsicht angeht – und doch im Blick behält
  • Welche Metaverse-Anwendungen schon jetzt spannend sein könnten
  • Welche Vorteile die Kommunikation im Metaverse gegenüber der Videotelefonie haben kann
  • Welche Mehrwerte Boehringer Ingelheim sieht und welche Einsatzgebiete konkret beobachtet werden
  • Wie das Metaverse den Job des Produktmanagers oder -managerin verändern könnte
  • Wie wichtig es ist, der erste im Metaverse zu sein

Wie relevant wird das Metaverse für die Pharmaunternehmen sein – weltweit und in Deutschland? Das haben wir Expertinnen und Experten auf Agenturseite gefragt, die Beiträge dazu finden Sie hier. Die Einschätzungen waren heterogen. Ähnlich verhält es sich, wenn man sich in den Kommunikationsabteilungen von Pharmaunternehmen umhört. Nur wenige nehmen derzeit konkret Stellung zu dem Thema, noch hat es wenig Substanz. Dennoch: Die Branche hat’s im Blick.
Lerisha Narain ist Digital Innovation Scout bei BI X, dem digital lab von Boehringer Ingelheim. Weltweit arbeiten dort knapp 100 Mitarbeitende an den Standorten Ingelheim (Deutschland) und Shanghai (China). Das Metaverse ist eines von vielen Themen, das sie beschäftigt. Wie sehr und mit welchem Fokus? Das verrät Sie im Interview.

Health Relations: Bevor wir auf unser Thema Metaverse und Zukunftstechnologie für Pharma kommen, eine erste Frage: Was macht ein Innovation Scout?

Lerisha Narain: Ich arbeite im Bereich Ideenfindung und Scouting. Das bedeutet, dass wir mit externen Innovatoren wie Start-ups, aber auch Universitäten zusammenarbeiten, um neue Technologien und Innovationen zu identifizieren, die wir dann bewerten und schließlich in unsere digitale Innovationspipeline integrieren können.

Health Relations: OK, lassen Sie uns übers Metaverse sprechen. Viele Pharmaunternehmen sind noch sehr vorsichtig mit Aussagen, die die Relevanz des Metaverse für die Branche betreffen. Wie sehen Sie die Entwicklung, wie beurteilen Sie das Metaverse und seinen Impact für die Pharmabranche?

Lerisha Narain: Wir haben in den letzten, ich sage mal Monaten und sogar Jahren gesehen, dass der Name Metaverse in aller Munde war und große Tech-Unternehmen wie Facebook, aber auch Apple und andere sehr viel mit dem Thema Metaverse in Verbindung gebracht wurden. Das geschah und geschieht aus der Unterhaltungs- und Social-Media-Perspektive. Ich denke definitiv, dass wir im Gesundheitswesen und der pharmazeutischen Industrie immer noch vorsichtig damit umgehen müssen, weil wir noch nicht wissen, wie sich der Raum dort weiterentwickeln wird. Aber wir sehen auch Chancen. Eine wichtige Überlegung, die wir von Anfang an berücksichtigen müssen, ist die Frage, wie Patientendaten behandelt, verwaltet und sicher aufbewahrt werden sollen. Und das ist auch der Grund, warum wir bei der Nutzung des Metaverse als Technologieplattform sehr vorsichtig sind.

„Wenn wir zum Beispiel an Teambesprechungen denken, hat Microsoft bereits eine Anwendung namens Microsoft Mesh, mit der man mit Leuten im Metaverse kommunizieren kann.“

Health Relations: Zudem wir in Deutschland ein Problem mit der Connectivity haben. Schon bei der Basis könnte es haken, oder?

Lerisha Narain: Genau, ja. Neben der sicheren Aufbewahrung von Patientendaten ist die IT- und Telekommunikationsinfrastruktur ein großes Thema. Wir haben gesehen, dass zum Beispiel China sehr effizient mit 5G-Netzwerken arbeitet und ich denke, dass sie einer der Vorreiter sind, wenn es um die IT-Infrastruktur in der Telekommunikation geht. Andere Regionen und Länder müssen dieses Niveau ebenfalls erreichen, damit wir sie effektiv als Technologieplattform nutzen können. Da es sich beim Metaverse um eine virtuelle Umgebung handelt, werden geografische Entfernungen überbrückt. Jeder kann zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort und zu jeder Zeit miteinander in Verbindung treten. Es gibt also keine geografischen Grenzen, aber es gibt definitiv den Aspekt der Konnektivität und der Infrastruktur, den wir im Auge behalten müssen, wenn es um die effektive Nutzung solcher Technologien geht.

Health Relations: Grenzenlosigkeit kann also durch technologische Unterschiede ausgehebelt werden. Was meinen Sie: Sprechen wir beim Metaverse eher von einer Utopie oder ist das für Sie ein Stück weit Realität?

Lerisha Narain: Ich würde zögern zu sagen, dass wir die virtuelle Realität nutzen sollten, um die physische Nähe zueinander bei persönlichen Interaktionen zu ersetzen. Es sollte ein gutes Gleichgewicht zwischen beidem geben. Wir sind Menschen, die mit starken sozialen Instinkten ausgestattet sind. Und das sollten wir in Zukunft nicht ignorieren, damit wir die Innovation und die Einführung von Technologieplattformen wie dem Metaverse beschleunigen können. Ich sehe es also als ein ergänzendes Instrument für die Zukunft, neben dem bekannten Internet und den sozialen Medien. Aber digitale Tools sollten die physischen und sozialen Interaktionen, die wir als Menschen haben, nicht ersetzen. Das ist meine persönliche Sichtweise.

Health Relations: Was glauben Sie als Innovation Scout: Wenn das Metaverse in Zukunft ein weiteres Instrument in der Pharmakommunikation wäre, wie weit wäre diese Zukunft weg?

Lerisha Narain: Sie ist also nicht allzu weit weg. Ich denke, es gibt bereits bestehende Anwendungen im Metaverse, sowohl von Facebook als auch von Microsoft. Wenn wir zum Beispiel an Teambesprechungen denken, hat Microsoft bereits eine Anwendung namens Microsoft Mesh, mit der man mit Leuten im Metaverse kommunizieren kann. Das erfordert die Verwendung verschiedener Geräte wie Virtual-Reality-Headsets oder Augmented-Reality-Brillen. Das ist eine weitere Ebene der Innovation, die die Komplexität des Metaversums erhöht. Natürlich kann man auch andere Geräte wie den Computer verwenden, so wie wir es für dieses Interview jetzt tun, aber wir könnten beispielsweise alle unsere eigenen virtuellen Avatare haben und dieses Gespräch im Metaverse führen.

“ Wir müssen erst verstehen: Wie virtualisiert man einen menschlichen Körper mit all seinen Organen? Was genau kann man sehen? Wie viele Daten kann man erfassen und inwieweit kann man zukünftige Szenarien simulieren?“

Health Relations: Welchen Vorteil würde das in der Kommunikation bringen?

Lerisha Narain: Eine der wichtigsten Komponenten des Metaversums und der virtuellen Realität besteht darin, dass man bei der Verwendung von Geräten wie einem Virtual-Reality-Headset oder einer Augmented-Reality-Brille die Körpersprache des anderen erfassen kann, die sonst vielleicht fehlt. Wenn wir ein Gesicht haben, wenn wir ein virtuelles Gespräch wie dieses führen, sehen wir nur unseren Oberkörper. Da ist zudem das sensorische Element, das zum Tragen kommt, wenn wir über das Metaverse nachdenken. Es wird viel mehr erfasst als nur unsere Stimme und unser Gesicht. Das ist es, was Plattformen wie Microsoft Mesh, die wir jetzt schon in der Realität sehen, ermöglichen: eine andere Ebene der Kommunikation zu erreichen. Ich will nicht sagen, dass es besser oder schlechter ist, aber es bietet den Nutzern eine andere Möglichkeit der Kommunikation.

Health Relations: Spannend. Wie schaut es ganz konkret bei Boehringer Ingelheim und BI X aus. Inwieweit beschäftigt sich das Unternehmen schon mit dem Metaverse?

Lerisha Narain: Es regulatorische Fragen, die noch nicht beantwortet sind, etwa zum sicheren Umgang mit Patientendaten. Das nehmen wir sehr ernst. Wir befassen uns damit, Informationen zu sammeln und zu verstehen, wie wir diese Erkenntnisse zum Nutzen von Patientinnen und Patienten nutzen können. Wir haben uns zum Beispiel das Metaverse auch unter dem Gesichtspunkt der digitalen Zwillinge angeschaut. Es gibt viele andere Unternehmen, die digitale Zwillinge eingesetzt haben, noch bevor das Metaverse zu einem Trendthema wurde. Wenn wir uns digitale Zwillinge und Präzisionschirurgie ansehen, waren Unternehmen wie Siemens Healthineers bereits in diesem Bereich aktiv. Wir haben uns die Frage gestellt, ob das Konzept der digitalen Zwillinge auch auf die Telemedizin anwendbar sein könnte. Wäre es eine sinnvolle Erweiterung der derzeit verfügbaren telemedizinischen Möglichkeiten? Und könnte dies die Patienten und Patientinnen in einer Weise unterstützen, die ihnen ein besseres Verständnis ihres Gesundheitszustands vermittelt? Nehmen wir ein hypothetisches Szenario. Wenn ein:e Patient:in seinen Körper in einer virtuellen Umgebung simuliert hat, verfügt der digitale Zwilling über viele seiner Gesundheitsdaten. Nehmen wir an, ein Allgemeinmediziner oder ein Facharzt können den digitalen Zwilling ebenfalls einsehen, Ärztin, Arzt und Patient:in können sich nicht von Angesicht zu Angesicht treffen. Wegen einer weitere Corona-Episode, oder weil der Facharzt, von dem ein Patient eine zweite Meinung einholen möchte, auf einem völlig anderen Kontinent lebt. Ein digitaler Zwilling könnte zukünftig helfen, diese Lücke zu schließen.

Health Relations: Das klingt nach hohem Potential, aber sicherlich gibt es dort viele Hürden.

Lerisha Narain: Sicherlich. Wir müssen erst verstehen: Wie virtualisiert man einen menschlichen Körper mit all seinen Organen? Was genau kann man sehen? Wie viele Daten kann man erfassen und inwieweit kann man zukünftige Szenarien simulieren? Ich bin überzeugt, dass dies ein wirklich interessanter Bereich für uns ist, den wir im Open-Innovation-Team weiter beobachten und analysieren müssen. Wir schauen uns dafür die akademische Welt an. Wir werfen auch einen Blick auf Start-ups. Es gibt sehr interessante Start-ups, die im Bereich der erwähnten digitalen Zwillinge arbeiten. Wir wollen verstehen, wie sich das entwickelt, bevor wir den nächsten Schritt machen. Wie wird die Akzeptanz für eine solche Anwendung aussehen? Wird das medizinische Fachpersonal an der Nutzung solcher Technologien interessiert sein? Werden die Patienten dies akzeptieren? Der Nutzen für die Anwender muss von Anfang an klar sein. Innovationen sollten nicht um der Neuheit willen auf den Markt kommen, sondern müssen wirklich einen Anwendernutzen haben. Wir stellen den Patienten in den Mittelpunkt und erwarten einen klinischen Mehrwert.

„Als Innovationsscout ist es sehr wichtig, diese Entwicklungen genau zu beobachten, und zwar nicht erst, wenn sie auf dem Markt sind, sondern auch schon, bevor sie auf den Markt kommen.“

Health Relations: Schauen wir noch einmal kurz auf die Pharmaseite: Wie könnte das Metaverse zum Beispiel die Arbeit eines Produktmanagers verändern, zum Beispiel bei der Kommunikation mit HCP?

Lerisha Narain: Ich denke, dass erst einmal der Kommunikationsaspekt im Vordergrund stehen wird. Man wird sich im Metaverse begegnen, dort miteinander kommunizieren und die Möglichkeiten dort nutzen, zum Beispiel zur Visualisierung von virtuellen Organen, Molekülstrukturen oder , Wirkmechanismen unserer Produkte. Für einen Produktverantwortlichen kann es sehr effektiv sein, Daten auf eine andere Art und Weise zu visualisieren. Das ist ein wirklich mächtiger Effekt, der allen Beteiligten einen großen Mehrwert bringen kann.

Wir wollen nicht nur bei unseren Produkten innovativ sein.
Boehringer Ingelheim und Metaverse
Wenn sich die Bedürfnisse von Patienten, medizinischen Fachkräften, Geschäftspartner und Wissenschaftler verändern und weiterentwickeln und neue Technologien dort ihren Platz finden, dann hat Boehringer Ingelheim definitiv den Wunsch, das mitzugestalten. © Boehringer Ingelheim

„Ich kann aus der Unternehmensperspektive hinzufügen, dass bei Boehringer Ingelheim Innovation in unserer Unternehmens-DNA liegt. Wir identifizieren uns sehr stark mit der Idee der Innovation. Und wir wollen nicht nur bei unseren Produkten innovativ sein, sondern auch in der Art und Weise, wie wir arbeiten und wie wir mit anderen zusammenarbeiten“, sagt Michael Kühnapfel, Corporate Affairs Boehringer Ingelheim. „Wir wollen also im Metaversum sein, ebenso wie unsere Partner und Patienten, die dort sind und die auch wollen und erwarten, uns dort zu finden.“

Health Relations: Wie groß ist der Druck für Sie, für die Innovationsscouts, der erste zu sein, der neue Technologien oder solche Dinge wie das Metaverse versteht?

Lerisha Narain: Es gehört zu unseren Aufgaben, dieses Thema immer im Blick zu haben. Was sind die neuesten Technologien, die auf den Markt kommen? Was sind die neuesten Technologien, die ihren Weg von der akademischen Welt in die Industrie finden? Ich glaube also nicht, dass dies nur für unsere Arbeit als Ideenfindung und Scouting innerhalb des Teams gilt, sondern dass es für viele Innovationsteams und unser ganzes Unternehmen von zentraler Bedeutung ist. Wir alle müssen dies auf dem Radar haben und wissen, wie sich Innovationen entwickeln. Und ja, als Innovationsscout ist es sehr wichtig, diese Entwicklungen genau zu beobachten, und zwar nicht erst, wenn sie auf dem Markt sind, sondern auch schon, bevor sie auf den Markt kommen.

Journalistin und Online-Redakteurin. Schreibt über Marken und Markenmacher in Healthcare, über Pharma- und Social-Media-Kommunikation.

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