Telemedizin: Vorpommern-Greifswald testet den Telenotarzt

255
Der Telenotarzt an seinem Arbeitsplatz in Vorpommern-Greifswald

Die Initiative Land|Rettung will die medizinische Versorgung im Landkreis Vorpommern-Greifswald gewährleisten. Auch mit Hilfe des Telenotarztes.

Ein Projekt, an das hohe Erwartungen geknüpft werden: Seit Anfang September wird in Vorpommern Greifswald der Telenotarzt getestet. Das Projekt ist Teil der Initiative Land|Rettung, die insgesamt vier Säulen umfasst: Die sogenannte Laienreanimation, in der sich Bürgerinnen und Bürger zum Ersthelfer ausbilden lassen können, der Launch der App Land|Retter, in der sich ehrenamtliche Ersthelfer registrieren können, der Telenotarzt und die optimierte Verzahnung von Rettungsdienst und Kassenärztlichem Notdienst.

Gefördert wird das Vier-Säulen-Modell mit insgesamt 5,4 Millionen Euro vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Den Großteil der Kosten trägt der Innovationsfonds der Krankenkassen, das Land beteiligt sich ebenfalls mit rund 35.000 Euro. Ziel dieser aufeinander aufbauenden Maßnahmen ist es, die medizinische Grundversorgung in Notfällen in der schwach besiedelten Region Vorpommern-Greifswald zu gewährleisten. Denn die Einsatzzahlen von Notärzten steigen seit mehreren Jahren deutlich, während die Zahl der Notärzte sinkt. Gerade in den ländlichen Regionen des Landkreises sind die Rettungskräfte meist vor dem Notarzt am Einsatzort: Es gibt einfach mehr Rettungswachen als Notarztstandorte. Das macht es zunehmend schwieriger, die durchschnittliche Hilfsfrist von 10 Minuten ab Alarmierung einzuhalten.

Telenotarzt: Was sind seine Aufgaben?

Der Telenotarzt soll helfen, die Zeit bis zum Eintreffen eines Notarztes vor Ort zu überbrücken. Er unterstützt die Rettungskräfte, wenn sich das Krankheitsbild eines Patienten verschlechtert, gibt Therapieanweisungen und kann – perspektivisch – auch die Verlegung eines Patienten in ein anderes Krankenhaus digital begleiten. Der Vorteil: Mobile Notärzte werden somit nicht blockiert und sind im Falle von Notfällen flexibel verfügbar. Der Einsatzort des Telenotarztes ist ein Leitstellenarbeitsplatz in Greifswald in direkter Nähe zu den Notarzteinsatzfahrzeugen des Rettungsdienstes. Mitbringen muss ein Telenotarzt die Qualifikation als Facharzt, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, die Qualifikation als leitender Notarzt und mindestens 500 Einsätze als Notarzt im Dienst.

Telenotarzt: Wie sieht die technische Seite aus?

Sechs Rettungswagen werden mit einer Telenotarztanwendung ausgestattet. Diese befinden sich in Mellenthin, Wusterhusen, Loitz und Karlsburg. Auch jeweils ein Fahrzeug des DRK und des HKS in Greifswald erhalten diese Zusatzausstattung. Die Einführung erfolgt schrittweise und soll mit Ende dieses Jahres abgeschlossen sein.

Die technische Aufrüstung umfasst:

  • fünf Mobilfunkantennen
  • eine GPS-Antenne zur InCar-Kommunikationseinheit
  • eine VD-Videokamera im Deckenbereich
  • zwei Bluetooth Headsets
  • ein Patientenmonitor mit mobiler Übertragungseinheit
  • ein Smartphone für Fotos
  • ein Drucker

Mithilfe dieser Tools können dem Telenotarzt direkt vom Einsatzort die Vitalparameter des Patienten übermittelt werden, so dass er unverzüglich mit der Beratung beginnen kann.

Ersetzen soll der Telenotarzt den Notarzt vor Ort nicht

Der Telenotarzt kommt im wesentlichen in zwei Szenarien zum Einsatz„, erläutert Dr. Peter Brinkrolf, Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie, Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald. „Überbrückend, während ein Notarzt noch auf der Anfahrt ist, der Rettungswagen aber bereits vor Ort. Und das nicht-ärztliche Personal unterstützend bei Einsätzen, bei denen ein Rettungswagen, jedoch kein Notarzt alarmiert wurde, bei Patienten mit nicht akut lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen.“

In den Handlungsanweisungen für den Telenotarzt seien für jedes Erkrankungsbild Situationen bzw. Werte definiert, bei denen der Telenotarzt in jedem Fall einen Notarzt alarmieren muss, falls dieser noch nicht unterwegs sei, so Brinkrolf. „Auch kann der Telenotarzt keine Maßnahmen delegieren, die das Personal vor Ort mangels Übung bzw. Ausbildung nicht durchführen kann. Dies kann sich sowohl auf Untersuchungstechniken wie auch auf therapeutische Maßnahmen wie die Punktion eines Pneumothorax, Anlegen einer Thoraxdrainage, Durchführen einer Narkose oder ähnliches beziehen. Auch sind viele Medikamente, beispielsweise stark wirksame Opiate oder Narkosemedikamente, von uns nicht für die Delegation durch den Telenotarzt freigegeben. Zudem können es bestimmte Konstellationen vor Ort erfordern, dass ein Arzt vor Ort die Situation beurteilt. Wenn zum Beispiel ein dementer Patient eine Behandlung ablehnt, ist es sinnvoll, dass ein Arzt vor Ort einschätzt, ob diese Ablehnung durch den Patienten möglich oder mangels Einwilligungsfähigkeit nicht möglich ist.“

Über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren soll das Projekt Telenotarzt von der Universitätsmedizin Greifswald mit dem Eigenbetrieb Rettungsdienst des Landkreises durchgeführt und von der Universität Greifswald (Institut für allgemeine Betriebswirtschaften und Gesundheitsmanagement) sowie der Steinbeis-Hochschule Berlin evaluierend begleitet werden. Neu ist der Telenotarzt nicht. In Aachen ist er bereits seit rund drei Jahren Teil des medizinischen Rettungsbetriebes. Das Konzept einer nachhaltigen, zukunftssicheren notfallmedizinischen Neuausrichtung, wie es in Vorpommern-Greifswald angestoßen wird, ist jedoch bundesweit einmalig. Der dritte Stein ist nun gesetzt. Seit dem 4. Oktober gesellt sich im Landkreis Vorpommern-Greifswald zu den zwölf Notärzten an elf Standorten sowie 27 Rettungswagen an 20 Standorten nun zusätzlich ein Telenotarzt.

Titelbild: © Land|Rettung
Journalistin und Online-Redakteurin. Schreibt über Marken und Markenmacher, über Pharma- und Social-Media-Kommunikation, Digitalisierung, Influencer-Marketing & Clinic Recruiting.

Alle Beiträge

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Please enter your name here