Wie Unternehmen Nutzung und Akzeptanz von DiGA steigern können

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Vincent Erdmann, Senior Consultant bei dem Beratungsunternehmen Digital Oxygen, begleitet digitale Healthcare-Projekte und hat 5 Tipps für Unternehmen, um die Bekanntheit und Nutzung von DiGA zu steigern. © Digital Oxygen
Vincent Erdmann, Senior Consultant bei dem Beratungsunternehmen Digital Oxygen, begleitet digitale Healthcare-Projekte und hat 5 Tipps für Unternehmen, um die Bekanntheit und Nutzung von DiGA zu steigern. © Digital Oxygen
Healthcare-Unternehmen können Einiges tun, um Digitale Gesundheitsanwendungen besser in die Versorgung zu integrieren und dem „DiGA-Verschreibungseisberg“ entgegenzuwirken, davon ist das Beratungsunternehmen Digital Oxygen überzeugt. Wie das gelingt und warum es einen Strategiewechsel von digital zu persönlich braucht, verrät Senior Consultant Vincent Erdmann.

In diesem Artikel lesen Sie:
• Welche Hürden das Beratungsunternehmen Digital Oxygen bei der Nutzung von DiGA sieht
• Wie Anbieter von DiGA es Patient:innen einfacher machen und den Einreichungsprozess unterstützen können
• Warum es zur Bekanntheitssteigerung Digitaler Gesundheitsanwendungen einen Strategiewechsel in der Arztkommunikation braucht
5 Tipps des Unternehmensberaters, um DiGA bekannter zu machen
• Warum DiGA, nach Meinung von Vincent Erdmann, kein Vertrauensproblem haben


Seit rund zwei Jahren können Digitale Gesundheitsanwendungen von Ärztinnen und Ärzten verordnet werden. Seither hat sich die Liste der angebotenen DiGA nahezu verdreifacht. Aktuell gibt es 45 Apps, die es in das BfArM-Verzeichnis geschafft haben und damit auf Rezept verschrieben werden können.

Digitale Unterstützung für Ärzte und Ärztinnen ist also da, aber werden die Angebote auch genutzt? Der GKV-Spitzenverband ist da skeptisch. In einem Bericht bemängelte der Verband Anfang des Jahres, dass Digitale Gesundheitsanwendungen noch nicht in der Versorgung angekommen seien. Seit Anfang 2022 bewege sich die monatliche Menge der eingelösten Freischaltcodes auf einem nahezu unveränderten Niveau zwischen 10.000 und 12.000 DiGA, heißt es darin.

Hürden in der Nutzung Digitaler Gesundheitsanwendungen

Ein Grund hierfür liegt für Vincent Erdmann, Senior Consultant bei Digital Oxygen, in der noch mangelnden Awareness, sowohl bei Patient:innen als auch bei den Verschreibern. „DiGA sind noch zu wenig bekannt“, sagt der Unternehmensberater. Das Münchener Beratungsunternehmen hat sich auf die Begleitung digitaler Healthcare-Projekte spezialisiert.

Tatsächlich zeigt eine Studie der Stiftung Gesundheit, dass die Bekanntheit der Apps in den vergangenen zwei Jahren zwar deutlich gestiegen ist, die Digitalen Gesundheitsanwendungen allerdings bei rund 15 Prozent der Ärzte und Ärztinnen immer noch nicht bekannt sind.

Kennen Sie Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)?

 

Für Vincent Erdmann eine hohe Zahl, angesichts dessen, dass DiGA bereits seit einigen Jahren am Markt verfügbar sind. „Und bei Patienten und Patientinnen wird der Anteil derer, die die verschreibungsfähigen Apps nicht kennen, noch viel größer sein“, sagt er. Neben der Bekanntheit sieht Digital Oxygen einen weiteren Stolperstein in dem Prozess der Rezepteinlösung. „Dieser ist komplexer und langwieriger als bei anderen Medizinprodukten. Patientinnen und Patienten müssen hier wesentlich mehr Aufwand betreiben. Erst das Rezept an die Krankenkasse schicken, warten bis die Verschreibung geprüft wurde, und dann den Zugangscode in die DiGA eingeben“, so Vincent Erdmann. „Viele Menschen gehen hier nicht den ganzen Weg. Entweder weil sie den Weg gar nicht kennen, weil sie keine Lust auf lange Wartezeiten haben oder es ihnen schlicht zu umständlich ist.“ Für Vincent Erdmann verbirgt sich hier der nicht sichtbare Teil des aktuellen „DiGA-Verschreibungseisbergs“, wie er sagt. Und genau hier steckt für ihn noch jede Menge Potenzial, vor allem für DiGA-Anbieter.

Anbieter von DiGA können Einreichungsprozess unterstützen

Um den Weg von der Verschreibung bis zur Nutzung für Patienten und Patientinnen einfacher zu gestalten, können DiGA-Hersteller – laut Vincent Erdmann – an dieser Stelle gezielt unterstützen. „Es gibt inzwischen bereits einige Unternehmen, die anbieten, das Rezept für eine App nicht an die Krankenkasse zu schicken, sondern an den jeweiligen Anbieter“, sagt der Digital Oxygen Berater. „Patientinnen und Patienten müssen sich dann einfach an den Einreichungsservice des DiGA-Herstellers wenden und dieser regelt die gesamte Abstimmung mit der Krankenkasse.“

Das erleichtere die Abwicklung für die Nutzer und Nutzerinnen, da sie sich nicht bei ihren individuellen Krankenkassen über den richtigen Einreichungsweg informieren müssen und sicher sein könnten, dass es hier nicht zu Fehlern kommt.

Awareness durch Strategiewechsel in der Ärztekommunikation

Damit Digitale Gesundheitsanwendungen aber überhaupt genutzt werden, ist es erst einmal wichtig, die Bekanntheit noch weiter zu steigern. Gelingen kann das, Vincent Erdmann zufolge, über einen Strategiewechsel in der Ärztekommunikation. Denn: „Ein Learning vieler DiGA-Hersteller ist: Digital allein reicht nicht“, so der Consultant.

Da Anbieter der Apps auf Rezept meist Start-ups sind und aus dem digitalen Bereich kommen, haben die Hersteller – so Vincent Erdmann – bislang häufig ausschließlich auf eine digitale Ansprache gesetzt und gemerkt: „Man braucht doch jemanden vor Ort in der Praxis, der erklärt, was kann das Produkt und wie funktioniert’s.“ Denn: Das ganze Thema DiGA sei neu und somit erklärungsbedürftig. Das heißt, es braucht ein tiefes Verständnis und gute Aufklärungsarbeit, um die Nutzung der Apps zu erhöhen. Sich in Eigenregie tiefgreifend zu informieren, ist häufig ein zeitliches Problem in den Praxen. „Hier müssen Ärzte und Ärztinnen abgeholt werden und das geht am besten vor Ort“, so der Consultant.

5 Tipps für Unternehmen, um DiGA bekannter zu machen

Stellschrauben, an denen Anbieter von DiGA noch drehen können, um die Akzeptanz und Nutzung der digitalen Angebote zu steigern, gibt es – laut Vincent Erdmann – viele. Fünf Ansatzpunkte für Unternehmen auf einen Blick:

  • Zusammenarbeit: Da es für Start-ups häufig schwierig ist, einen eigenen Vertrieb aufzubauen, ist eine Kooperation mit MedTech- oder Pharmaunternehmen sinnvoll. Möglich ist dies etwa über eine Vertriebskooperation oder sogar in Form einer strategischen Partnerschaft. (Über Wege der Zusammenarbeit lesen Sie auch diesen Beitrag.)
  • Guter Support ist wichtig: Eine Studie der AOK zeigt: Knapp 18 Prozent haben Probleme bei der Umsetzung der digitalen Therapieinhalte, teilweise Probleme hatten weitere 34 Prozent. Wenn Patienten und Patientinnen mit technischen Fragen zurück in die Praxen kommen, bedeutet das für Ärzte und Ärztinnen aber erstmal unerwünschten Zeitaufwand. „DiGA-Hersteller sollten eine kompetente telefonische Hotline und weitere Kontaktmöglichkeiten – zum Beispiel über die Website – anbieten, um die Praxen zu entlasten“, empfiehlt Vincent Erdmann.
  • Unterstützen können Unternehmen auch mit Aufklärungsmaterial, das im Wartebereich ausliegt oder gezielt ausgegeben wird. Flyer oder Broschüren können Betroffene auf eine DiGA aufmerksam machen und im Detail erklären.
  • Fortbildungen mit CME-Punkten: Um es für Ärzte und Ärztinnen attraktiver zu machen, sich mit DiGA zu beschäftigen, sollten Schulungen als CME-Fortbildungen angeboten werden.
  • Da sein, wo Ärzt:innen sind: Veranstaltungen – zum Beispiel von Ärzteverbänden – bieten eine gute Plattform, um auf Healthcare Professionals (HCP) zuzugehen und die Bekanntheit von DiGA zu erhöhen.

Am Vertrauen scheitert’s nicht

Ein Vertrauensproblem haben die Digitalen Gesundheitsanwendungen für Vincent Erdmann nicht. Zurückführen kann er das auf hauseigene Befragungen. Das Beratungsunternehmen führt regelmäßig telefonische Interviews mit Patienten und Patientinnen durch. Daten bei der Nutzung neuer Technologien – wie auch bei Wearables oder Smartwatches – zu teilen, sei für die meisten Menschen demzufolge kein Problem. Zumal die Prüfung mit Blick auf den Datenschutz auch nochmal strenger geworden sei. „Penetrationstests, bei denen die Datensicherheit einer Anwendung durch externe Prüfer genau unter die Lupe genommen wird, sind mittlerweile für alle DiGA verpflichtend“, so der Consultant.

Der Markt wird breiter, Einsatz von DiGA wächst

Ein großer Schritt für die noch bessere Einbindung der DiGA in die Versorgung ist für Vincent Erdmann die Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Denn hierin steckt für den Berater einiges zur Awareness-Steigerung. „Zum Beispiel, dass DiGA in die Disease-Managementprogramme für chronische Krankheiten standardmäßig integriert werden sollen“, sagt er. „Oder dass Ärzte und Ärztinnen verstärkt in das DiGA-Konzept eingebunden werden, indem immer mehr telemedizinische Konzepte als DiGA durchgehen sollen. Wenn DiGA nicht mehr die Stand-alone-Lösung ist, kann das die Akzeptanz erhöhen“, so der Berater.

Dass sich der Markt durch die neuen Ansätze breiter aufstellen wird und MedTech- und Pharma-Kooperationen zunehmen werden, das steht für ihn außer Frage. Eine Entwicklung, die auch das Wachstum im Bereich DiGA in den nächsten Jahren weiter verstärken wird, das steht für den Unternehmensberater fest.

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