Welchen Stellenwert hat Arbeit noch für die jungen Ärzte?

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© megaflopp / Adobe Stopp

Freizeit und Familie sind jungen Ärzten wichtiger als der älteren Generation. Entsprechend sinkt auch der Stellenwert des Berufs. Welche Auswirkungen hat das für die Klinik?

In Kliniken und auch in der Niederlassung findet ein Generationswechsel statt, der sich in den nächsten Jahren noch stärker bemerkbar machen wird. Denn rund 20 Prozent der berufstätigen Ärzte werden  altersbedingt bald aus dem Berufsleben ausscheiden. Was eint die jungen Ärzte und ihre älteren Kollegen und was trennt sie?

Stellenwert der Arbeit

Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Stellenwert der Arbeit. Während Mediziner der Babyboomer-Generation in strengen Hierarchien sozialisiert wurden und Karriere für sie einen großen Stellenwert hatte, verschieben sich bei der jüngeren Generation die Prioritäten. „Den Chefarzt strebe ich nicht an“, sagt beispielsweise  Max Tischler im Gespräch mit Health Relations, Sprecher vom Bündnis Junge Ärzte und derzeit Assistenzarzt in der Dermatologie, seinen Weg sieht er in der Niederlassung. Bei vielen junge Ärzten spielen Familie und Freizeit eine größere Rolle. Das bestätigt eine aktuelle Studie der apoBank, demnach hat Arbeit für nur rund ein Drittel der jüngeren Heilberufler (im Schnitt 39 Jahre) einen hohen Stellenwert, bei den älteren (im Schnitt 61 Jahre) sind es knapp die Hälfte.

Digitalisierung

Unterschiede zeigen sich auch im Umgang mit der Digitalisierung: 80 Prozent der Jungen beschreiben sich als digital und zukunftsorientiert, knapp zwei Drittel schätzen sich eher als Teamplayer ein. Bei den älteren ordnen sich drei von fünf Heilberuflern eher als analog ein und mehr als zwei Drittel würden sich eher als Einzelkämpfer bezeichnen.

Arbeitsmodelle

Außerdem wird unter Ärztinnen und Ärzten Teilzeit immer beliebter. Um 100 Vollzeitstellen zu besetzen, wurden im Jahr 2015 noch 108 Ärztinnen und Ärzte benötigt, zwei Jahre später waren es bereits 115, das geht aus der Ärztestatistik 2019 der Bundesärztekammer hervor. Interessanter Aspekt: In Krankenhäusern und medizinischen Praxen arbeiten immer mehr Männer in Teilzeit. Laut Statistischem Bundesamt sind zunehmend Männer der sogenannten Leistungsgruppe 1 in Teilzeit tätig – dazu zählen zum Beispiel Chefärzte.

Klinik: Mehr Männer in Teilzeit

Spannend ist die Frage, welche Folgen der Generationswechsel für den Arbeitsmarkt haben wird. „Die jungen Ärztinnen und Ärzte wissen genau, was sie wollen und was sie nicht wollen – und fordern das auch ein“, sagt Professor Wolfgang Kölfen, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche der Städtischen Kliniken Mönchengladbach, im Gespräch mit Health Relations. „Das gab es in meiner Generation so nicht und das birgt natürlich Konfliktpotenzial.“ Umso wichtiger ist hier ein gutes Konfliktmanagement zwischen den Generationen. Aber er ist auch überzeugt: „Die jungen Ärztinnen und Ärzte brennen genauso für ihren Beruf wie ihre Kollegen aus der Babyboomer-Generation.“

Viele Kliniken haben inzwischen Mitarbeiterprogramme etabliert, um den gestiegenen Anforderungen Rechnung zu tragen. So gibt es Betriebskindergärten, Ferienangebote für Kinder von Mitarbeitenden, Präventionsangebote, besondere Ernährungskonzepte, neue Arbeitszeitmodelle, Mentoringprogramme, Wiedereinstiegsprogramme, Mitarbeiterwohnungen und einen Beratungsservice bei Lebenskrisen und Elder-Care. Programme wie diese zeigen, dass der Arbeitnehmer nicht nur für seine Arbeitsleistung geschätzt wird, sondern dass er in allen Bereichen seines Lebens gesehen und unterstützt wird. Ein Verdienst, das sich vor allem die jüngere Generation erkämpft hat – und wobei ihr der demografische Wandel zugutekam – von dem aber auch die Älteren profitieren.

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Prof. Dr. Michael Löhr, Pflegedirektor © LWL-Klinikum Gütersloh

Die Digitalisierung bringt für alle Generationen gleichermaßen neue Herausforderungen mit sich, was ein Umdenken und agiles Gestalten von Arbeitsprozessen bei allen Beteiligten erfordert.  „New Work“ ist das Stichwort, das diese Prozesse beschreibt. „Sie müssen im Top-Management der Klinik einen gemeinsamen Wertekanon entwickeln“, ist Prof. Dr. Michael Löhr,  Pflegedirektor LWL-Klinikum Gütersloh, überzeugt. „Dieser Wertekanon kann im Weiteren operationalisiert werden und zeigt sich in neuen Verantwortungsbereichen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in schnellen und agilen Prozessen, die nicht mehr zwingend der klassischen Aufbauorganisation folgen, sondern dem Kerngeschäft, nämlich der Patientenorientierung und den damit verbundenen klinischen Leadern. “

 

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