„Die Entwicklung von Apps ist ein lohnender Geschäftszweig für Pharma“

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Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer EPatient Analytics GmbH
Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer EPatient Analytics GmbH © privat

Bald können Ärzte Apps verschreiben. Wie können daraus für die Pharmaindustrie interessante und lukrative Geschäftsmodelle entstehen? Ein Gespräch mit Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer von EPatient Analytics.

Health Relations: Ihr Unternehmen ist auf dem digitalen Healthcare Markt unterwegs. Was machen Sie genau?

Dr. Alexander Schachinger: Wir sind ein Marktforschung- und Analyseunternehmen mit dem Fokus auf den digitalen Gesundheitsmarkt. Unsere Marktdaten ermöglichen Unternehmen auf dem Gesundheitsmarkt ihre digitale Patienten- und Versorgungsstrategie basierend Best Practice und Fakten zu gestalten. Der Markt für digitale Gesundheit ist aktuell dynamisch im Wachstum und häufig kennen Unternehmen nicht alle möglichen Szenarien, Strategien und Wettbewerbsaktivitäten. Entsprechend entstehen digitale Strategien häufig basierend auf Teilwissen, Gewohnheiten oder Abhängigkeiten. Erfahrungen in diesem Marktsegment sammeln wir seit 2010, national und international, wissenschaftlich und praktisch.

Health Relations: In allen Studien ist Deutschland in Bezug auf die Digitalisierung eher im Hintertreffen. Stimmt das?

Dr. Alexander Schachinger: Die Debatte bezieht sich meist auf die Systemarchitektur. Die Vielfalt der digitalen Lösungen für Gesunde und Patienten, meist von Start-Ups angeboten, ist in Deutschland doch sehr vielfältig. Wir haben sogar Anfragen aus den Nordics Five, diesen Markt kennenzulernen.

„Völlig ungeklärt ist , wer den Aufwand hat, den Patienten die Nutzung solcher Apps zu erklären.“

Health Relations: Sie sprachen gerade Apps an. Bald sollen diese auf der Grundlage des „Digitale Versorgung“-Gesetz (DVG) ja auch vom Arzt verschrieben werden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Dr. Alexander Schachinger: Grundsätzlich gut. Aber das ganze Gesetz greift viel zu kurz, weil es das Thema Evidenz und Nutzennachweis und die Frage, wie es in der Wirklichkeit aussieht, viel zu wenig reflektiert. Es müsste konsequent Orientierung für Ärzte geben, wie sie solche Anwendungen genau benutzen sollen. Völlig ungeklärt ist auch, wer den Aufwand hat, den Patienten die Nutzung solcher Apps zu erklären. Das beeinflusst die Wirkung und den Nutzungsgrad solcher Angebote. Bekommt ein Patient einfach eine Verschreibung, sich die App runterzuladen, ist die Abbruchquote nach ein paar Wochen bei 90 Prozent. Bekommt er eine kurze menschliche Einführung, sinkt die Abbruchrate deutlich.

Health Relations: Wie sehen Sie die Entwicklung für die Pharmabranche? Wäre es eine gute Idee für Pharmaunternehmen, aus der Entwicklung von Apps eigene Geschäftszweige zu entwickeln?

Dr. Alexander Schachinger: Ja, selbstverständlich. Dieser nebulöse Begriff „beyond the pill“ wurde lange eher gegenstandslos durchs Dorf gejagt. Langsam passiert das aber wirklich. Größere Unternehmen entwickeln in der Pipeline und im Market Access ergänzend zum Kernprodukt gute und evidenz-outcomebasierte Services um das Medikament herum. Wir sehen ja auch, dass Coaching-Start-Ups oder Medikamententherapie-Start-Ups Therapiepackages mit dem Medikament zusammen entwickeln.

„Bekommt ein Patient einfach eine Verschreibung, sich die App runterzuladen, ist die Abbruchquote nach ein paar Wochen bei 90 Prozent. „

Health Relations: Welche Geschäftsmodelle sind hier mit den Apps denn möglich?

Dr. Alexander Schachinger:  Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das einfachste Szenario wäre, dass man eine App mit Informationen über Arzneimittel ins Netz stellt. Das hat dann aber eher etwas mit informativer Unterstützung zu tun. Dann gibt es Ansätze in Richtung: Medikamenten-Adhärenz-App oder Coaching-App speziell zugeschnitten auf ein bestimmtes Medikament oder Therapieregime. Das derzeit innovativstes Szenario ist, dass ein Pharmaunternehmen mit einem Start-Up zusammenarbeitet und sein Produkt, das Arzneimittel dann gemeinsam mit der App des Start-Ups vertreibt. Das Ganze wird dann vom Arzt verordnet. Diese „Substanz + Digitale Intervention“-Szenarien entstehen global wie auch in Deutschland derzeit langsam und werden aktuell auch im Rahmen von klinischen Studien evaluiert. Ein weiteres Beispiel hierzu: Eine app-basierte Patienten-Diagnostik-Intervention, welche z.B. bei chronischen Schmerzen die Triggerpunkte des Patienten auf sehr individueller, genauer Lebensstil- und Symptommusterebene findet. Basierend auf diesen Ergebnissen kann dann eine spezifische Wirkstoffart für eben dieses bestimmte Symptombild verordnet werden. Hier reden wir über ein völlig neues Produkt, was dann als neues Versorgungspaket bepreist wird. Das birgt völlig neue Therapieformen: Die Verflechtung von analogem Wirkstoffmedikament und digitaler Intervention.

Health Relations: Wie ist denn die Bereitschaft in der Bevölkerung, solche Angebote anzunehmen und dafür zu bezahlen? Ist das einen Frage des Alters?

Dr. Alexander Schachinger: Das denkt man immer. Tatsächlich spielt der soziökonomische bzw. der Bildungsstand da insbesondere in Deutschland eine einflussstarke Rolle, allein schon, was den Besitz eines Smartphones betrifft: Unsere Zahlen zeigen zum Beispiel, dass bei der Zielgruppe der Frauen die 65-70-jährigen Akademikerinnen schon zu über 40 Prozent ein Smartphone haben. Gleich alte Frauen mit niedrigem Bildungsniveau, besitzen lediglich zu sieben bis acht Prozent ein Smartphone. Da gibt es also erhebliche Unterschiede.

Das ist allerdings auch nichts Neues, wenn es um die Nutzung neuester Technik geht. Schon zur Zeit der Erfindung des Fahrrads waren die ersten Nutzer reiche, adelige Städter. Erfahrungsgemäß gehen solche Entwicklungen immer von den besser gestellten und besser gebildeten Schichten aus. Das ist sozioökologisch sehr genau beschreibbar. Aus diesen Schichten breiten sich Technologien aus, egal ob es das Auto, der Walkman oder Gesundheitsapps und letztlich die Zahlungsbereitschaft für solche Dienst ist. Im Schnitt hat jeder zehnte schon einmal online für so eine App bezahlt. Das steigert sich jedes Jahr.

Health Relations: Immer wieder hört man, dass die Ära der Blockbuster vorbei ist und sich die Entwicklung neuer Medikamente nicht mehr lohnt. Kann die Entwicklung von von Digital Therapeutics die Rettung für die Pharmaindustrie sein?

Dr. Alexander Schachinger: Ich halte diese Aussage für viel zu pauschal. Man darf nicht vergessen, dass Digital Therapeutics Limits haben, die auf die Einflussdimensionen eines Smartphones (Akkustik, Visus, Vibration, Bewegung) und schlichte Medieninhalte (Wissen, Verhaltensänderung, Training) reduziert sind. Eine App ersetzt nicht pauschal ein in der Praxis gut bewährtes Krebsmedikament. Aber als ergänzendes Produkt oder in selektiven Anwendungsszenarien sind solche Angebote zunehmend versorgungsrelevanter oder auch schon im Vergleich zur „therapy as usual“ überlegener.

 

 


Die EPatient Analytics GmbH mit Sitz in Berlin bietet Unternehmen unabhängige und visualisierte Markt- und Zielgruppendaten zum digitalen Gesundheitsmarkt und neu entstehenden digitalen Versorgungslösungen an.

Freie Journalistin im Gesundheit- und Medizinbereich. Für Health Relations berichtet sie über die Themen Pharma, Dental, Klinik und Recruiting.

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