Hausarztpraxis der Zukunft: Digitaltools modernisieren Patientenversorgung

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Julian Kley ist Arzt und einer der Gründer von Avi Medical. Nach seinem Medizinstudium in Bonn war er mehrere Jahre lang für die Strategieberatung Boston Consulting tätig. © Avi Medical

Die Digitalisierung ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken – nur in der Hausarztpraxis läuft vieles noch immer so wie früher. Der Praxisverbund von Avi Medical will das mit einer engeren Verzahnung von Medizin und Software ändern. Im Interview spricht Mitbegründer und Arzt Julian Kley darüber, welche Vorteile moderne Softwarelösungen bieten.

Herr Kley, Sie wollen die hausärztliche Grundversorgung moderner und digitaler gestalten. Wo gibt es da Ihrer Meinung nach aktuell noch Verbesserungsbedarf?

Julian Kley: Modernisierungsbedarf gibt es im ganzen Gesundheitssystem und Hausärzte können dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. Aktuell nimmt die Komplexität des Systems immer mehr zu. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind sehr häufig noch in einer klassischen Einzelkämpferrolle oder vielleicht in einer kleinen Praxisgemeinschaft. Sie haben neben der reinen Patientenversorgung unglaublich viele Themen, die Zeit kosten: IT, Personal, Abrechnung, Einkauf. Mit einer besseren Software lassen sich viele dieser Aufgaben deutlich vereinfachen. Die Software, die es da aktuell gibt, ist einfach noch nicht so weit, wie sie sein könnte. Aber als Einzelkämpfer fängt man ja nicht an, sich eine eigene App zu bauen, um diese Probleme zu lösen. Für die Ärztinnen und Ärzte in unseren Praxen haben wir deshalb ein eigenes technologisches Fundament entwickelt.

Wie können digitale Tools die Patientenversorgung konkret verbessern?

Julian Kley: Wenn wir zunächst auf die Patientinnen und Patienten schauen, stellen wir fest, dass es viele Menschen gibt, die ihre Gesundheit gerne aktiver managen würden. Viele nutzen dafür verschiedene Apps – beispielsweise für Medikamente, Schlafmanagement, Ernährung oder Bewegung. Dazu kommen die DiGA (Digitale Gesundheitsanwendungen), die jetzt als CE-gekennzeichnete Medizinprodukte hinzugekommen sind. Allerdings haben die Ärztinnen und Ärzte meistens keinen Zugriff auf die Daten, die ihre Patientinnen und Patienten mit diesen Apps sammeln – da fehlt eine Verbindung.

Ein ähnliches Bild haben wir auch in der Praxis: In Arztpraxen gibt es klassischerweise das PVS für die Abrechnung, zusätzlich ist beispielsweise noch ein externes Tool für die Terminbuchungen im Einsatz, vielleicht auch ein Tool für Video-Telefonate und andere Programme für die Laborintegration, Drucker, medizinische Geräte etc. Das kommt alles nicht aus einer Hand. Außerdem kommt es bei der zunehmenden Datennutzung immer mehr darauf an, dass die Daten auch sicher sind. Das trifft ja beispielsweise auf unverschlüsselte E-Mails und die meisten Praxisserver nicht zu. In den vergangenen Jahren konnte man sich da noch allmählich herantasten. Aber in Zukunft wird das nicht mehr gehen.

Wie haben Sie das Problem für Ihre Praxisgruppe gelöst?

Julian Kley: Wir haben eine App entwickelt, die unseren Patientinnen und Patienten viele Gesundheitsanwendungen und einen direkten Draht in die Praxis aus einer Hand bietet. Die allererste Anamnese kann beispielsweise rein digital stattfinden. Die Patientinnen und Patienten können in der App akute oder chronische Beschwerden auswählen, für die sie ärztliche Hilfe benötigen. Darauf aufbauend können wir ihnen dann Empfehlungen geben, was für sie der beste Weg wäre. Das kann eine klassische Terminbuchung in der Praxis sein, aber auch eine Beratung per Video-Telefonat. Vielleicht reicht auch eine einfache Rückfrage über den Messenger – das spart für beide Seiten Zeit. Künftig wollen wir beispielsweise auch Geräte für das Home-Monitoring implementieren – etwa Blutdruck-Messgeräte für zu Hause, die ihre Daten über die App in die Praxis übertragen. Und wenn dann bestimmte Schwellenwerte überschritten werden, können die Patienten automatisch einbestellt werden. Außerdem werden in die App individuelle Informationen zu den Erkrankungen integriert, die die Patientinnen und Patienten später nachlesen können. So kommen die Informationen direkt von ihrem Arzt bzw. ihrer Ärztin und passen zur individuellen Situation – das ist ja anders, wenn man nach dem ärztlichen Gespräch im Internet nach Informationen sucht.

In einer Hausarztpraxis werden ja auch viele ältere Menschen betreut. Wie lassen sich diese Patientinnen und Patienten davon überzeugen, solche Tools zu nutzen?

Julian Kley: Wir haben festgestellt, dass die Smartphone-Nutzung auch in der älteren Generation höher ist, als man denkt. Viele nutzen das Smartphone inzwischen für viele verschiedene Aufgaben – darunter beispielsweise Video-Telefonate mit den Enkeln oder Online-Banking. Wir zeigen den Patientinnen und Patienten die App, wenn sie zu uns in die Praxis kommen. Viele Ältere nehmen das Angebot sehr gerne an. Wir haben die App auch ganz bewusst einfach und leicht verständlich gestaltet. Aber natürlich betreuen wir auch weiterhin Menschen, die die App nicht nutzen und die uns lieber auf traditionellen Wegen kontaktieren wollen.

Welche Vorteile hat Ihre technologiegestützte Methode für die Ärztinnen und Ärzte?

Julian Kley: Die Generation der jetzt jungen Fachärztinnen und -ärzte zählt schon zu den sogenannten „Digital Natives“ und ist es gewohnt, in allen Lebensbereichen mit Apps zu arbeiten. Diese Ärzte-Generation wünscht sich auch im Beruf ein digitales Arbeitsumfeld. Ganz konkret nehmen ihnen digitale Tools viel Arbeit in dem Bereich ab, in dem es nicht unmittelbar um die Patientenversorgung geht – von den administrativen Aufgaben über das Personalmanagement bis zum Ärger mit einem kaputten Drucker. Das spart viel Zeit, die letztlich den Patientinnen und Patienten zugutekommt. Und das ist es, was die Ärztinnen und Ärzte wollen: mehr Zeit für die medizinische Arbeit und weniger Verwaltung. Das hilft auch dabei, die Nachwuchslücke in der hausärztlichen Versorgung zu schließen – bis 2030 sollen 10.000 Hausärzte fehlen, wir glauben, unser Ansatz kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten.

Welche Vorteile haben die Patientinnen und Patienten?

Julian Kley: Wir wollen die Patientinnen und Patienten durch Transparenz und mehr Eigenverantwortung stärken. Konkret sollen sie künftig eine App auf ihrem Smartphone haben, die als Zugangsweg zum Arzt oder zur Ärztin des Vertrauens fungiert. Wir glauben auch daran, dass Menschen in dieser Vertrauensfunktion zumindest in Deutschland auch künftig nicht von Algorithmen ersetzt werden können, auch wenn es im Ausland entsprechende Ansätze gibt.

Was für eine Entwicklung erwarten Sie in den nächsten 20 Jahren?

Julian Kley: In Zukunft wird der Fokus viel stärker auf der Prävention liegen. Künftig wollen wir im Rahmen einer sehr umfassenden Anamnese neben Familienanamnese, bestehenden Diagnosen, Lebensstil, akuten Symptomen, Vital- und Laborparametern auch DNA- oder Mikrobiom-Informationen digital erfassen. So entsteht ein sehr detailliertes Risikoprofil. Auf dieser Basis können wir beispielsweise Menschen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes oder bestimmte Krebsarten enger präventiv begleiten. So können wir ganz individuell entscheiden, wie engmaschig bestimmte Screenings nötig sind oder Patientinnen und Patienten auch sehr frühzeitig bestimmte Präventionsprogramme empfehlen. Im besten Fall brechen die Krankheiten dann gar nicht aus – oder zumindest erst deutlich später. So lässt sich langfristig auch das gesamte Gesundheitssystem entlasten.

Wie kommt Ihr Praxiskonzept an? Was für Feedback bekommen Sie von Patientinnen und Patienten, aber auch von Ärztinnen und Ärzten?

Julian Kley: Als wir angefangen haben, dachte ich, wir sind mit dem Modell die absoluten Vorreiter. Aber inzwischen passiert schon sehr viel in dem Bereich. Beispielsweise stehen wir im Kontakt zu verschiedenen Gesundheitsdienstleistern und Krankenkassen, die sich ebenfalls im digitalen Bereich engagieren. Inzwischen sind wir mit unserem Modell sehr erfolgreich und bekommen sehr positives Feedback von Patientinnen und Patienten. Außerdem bekommen wir viele Bewerbungen von Ärztinnen und Ärzten, die gerne in der Praxis arbeiten möchten, aber sich nicht selbstständig machen wollen. Bei uns können die Kolleginnen und Kollegen beispielsweise von zu Hause aus Videosprechstunden anbieten – das ermöglicht auch flexiblere Arbeitszeiten. Aktuell gibt es fünf Praxen von Avi Medical in München, weitere sind geplant. Ab April wollen wir weitere Standorte in Hamburg und Berlin eröffnen – wir haben also noch weiteren Bedarf nach neuen Kolleginnen und Kollegen.

Stefanie Hanke ist Redakteurin beim Deutschen Ärzteverlag und veröffentlicht regelmäßig Beiträge auf Health Relations – schwerpunktmäßig Interviews und Videos.

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