Markus Hardenbicker, Janssen: „New Work“ ist ein Prozess, kein Zustand“

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Vordenker-Interview mit Markus Hardenbicker, Leiter Unternehmenskommunikation & Public Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung bei Janssen Deutschland
Markus Hardenbicker, Leiter Unternehmenskommunikation & Public Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung bei Janssen Deutschland © Janssen

Wie wird sich die Pharmabranche unter dem Eindruck der aktuellen Pandemie weiterentwickeln?  Markus Hardenbicker berichtet im Interview, wie sich Janssen Deutschland auf die veränderten Bedingungen eingestellt hat.

Markus Hardenbicker ist  Mitglied der Geschäftsleitung bei Janssen Deutschland und Leiter der Unternehmenskommunikation & Public Affairs. Er sieht große Veränderungen auf die Pharmaindustrie zukommen, die durch die Digitalisierung und Nachhaltigkeitsdebatte angestoßen wurden, und erzählt, wie Janssen diese Entwicklungen aktiv mitgestalten will.

Health Relations: Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran. Welche Rolle spielt Corona in diesem Prozess? Gibt es Trends, die für Sie wichtig sind?

Markus Hardenbicker: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens hatte schon vor der Coronakrise deutlich Schwung aufgenommen. Die Pandemie hat dies nochmal beschleunigt. Das betrifft Offensichtliches, wie die Videosprechstunde, aber auch weniger sichtbare Bereiche, wie etwa die digitale Labordatenkommunikation. Insgesamt zeigt die Coronakrise, wie wichtig es ist, dass die Akteure des Gesundheitswesens gerade in der Digitalisierung gemeinsam handeln, sei es bei der Festlegung von Standards, bei Vergütungsentscheidungen oder – und hier kommen wir zur pharmazeutischen Industrie – beim Thema Zugang zu Daten.

Health Relations: Wie sollte dieser Ihrer Meinung nach am besten gestaltet werden?

Markus Hardenbicker: Als forschendes pharmazeutisches Unternehmen bemühen wir uns derzeit intensiv darum, dass das neue deutsche Forschungsdatenzentrum beim BfArM künftig auch für die private Forschung zugänglich gemacht wird. Wenn die wichtigsten Fortschrittstreiber ausgeschlossen werden, können die Chancen der Digitalisierung nicht optimal genutzt werden, und das kann nicht im Interesse der Patientinnen und Patienten sein.

„Besondere Herausforderungen gab und gibt es naturgemäß im Außendienst, wo der persönliche Kontakt auch in Pandemiezeiten enorm wichtig bleibt.“

Health Relations: Corona hat ja auch auf die Unternehmen selbst eingewirkt. Welche firmeninternen Auswirkungen haben Sie bemerkt?

Markus Hardenbicker: Was die internen Auswirkungen der Coronakrise angeht, hatten wir bei Janssen den Vorteil, dass eine digitale Infrastruktur für mobiles Arbeiten bereits vorhanden war. Darauf haben wir aufgesetzt und beispielsweise ein soziales Netzwerk für den informellen Austausch im Remote-Work-Setting früher eingeführt als ursprünglich geplant. Klar ist aber auch, dass einzelne Tools nicht reichen. „New Work“ ist ein Prozess, kein Zustand, und es wird auf Dauer nur ein Erfolg, wenn es uns gelingt, alle mitzunehmen. Das ist so wie bei jedem anderen Veränderungsprozess.

Health Relations: Sind Ihre Mitarbeiter auch ins Homeoffice gegangen?

Markus Hardenbicker: Ja, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben während der ersten COVID-19-Welle zunächst ausschließlich im Homeoffice gearbeitet. Den Sommer über haben wir auf Hybrid-Modelle umgeschaltet. Dies hatte selbstverständlich sehr konkrete Auswirkungen auf die tägliche Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Health Relations: Gab es Unternehmensbereiche, die von den Auswirkungen der Pandemie besonders betroffen waren?

Markus Hardenbicker: Zu spüren bekamen wir die Coronakrise vor allem im Bereich Infektiologie, wo wir unsere Expertise intensiv in die Bekämpfung der Pandemie einbringen. Dass Johnson & Johnson als einer der Hauptakteure bei der COVID-19-Impfstoffentwicklung wahrgenommen wird, macht uns stolz und ist natürlich auch aus Marketingsicht ein großer Gewinn. Es ist uns aber auch gelungen, in all unseren Indikationen, der Onkologie, der Immunologie und den Neurowissenschaften die Lieferketten aufrechtzuerhalten und unter erschwerten Bedingungen ein zuverlässiger Partner zu bleiben. Dafür haben viele im Unternehmen hart gearbeitet und tun das weiter.

Health Relations: Welche anderen Hausforderungen mussten Sie bewältigen?

Markus Hardenbicker: Besondere Herausforderungen gab und gibt es naturgemäß im Außendienst, wo der persönliche Kontakt auch in Pandemiezeiten enorm wichtig bleibt. Wir haben die Krise deswegen genutzt, um neue und innovative Lösungen zu etablieren und/ oder weiterzuentwickeln, die uns helfen, mit den Ärztinnen und Ärzten über den gut etablierten Face-to-Face-Kontakt hinaus in Kontakt zu bleiben. Das wird über die Pandemie hinaus sehr wertvoll bleiben.

Health Relations: Ein Thema, das schon vor der Pandemie immer wichtiger wurde, war die Frage, wie wir alle, und natürlich auch die Pharmabranche, mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz erreichen können. Ist das auch ein Thema bei Johnson & Johnson? Woran ist zu merken, dass Ihr Unternehmen nachhaltiger wird und wie kommunizieren Sie das nach außen?

Markus Hardenbicker: Nachhaltigkeit ist für Janssen und unseren Mutterkonzern Johnson & Johnson seit Langem ein sehr wichtiges Thema, das gilt auf ganz vielen Ebenen. Kommuniziert wird das unter anderem in unserem jährlichen Health for Humanity Report, der einen Überblick über unsere weltweiten Aktivitäten in den Bereichen Umweltschutz, soziales Engagement und auch verbesserte Governance-Praktiken gibt. Ein Unternehmen, das sich die Gesundheit auf die Fahnen geschrieben hat und das die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft im Ganzen quasi seit Gründung im Firmen-Credo trägt, kann sich beim Thema Nachhaltigkeit nicht wegducken.

Der Health for Humanity Report
Der aktuelle Report, der im Juni 2020 vorgestellt wurde, zeigt, dass viele der globalen Sustainability-Ziele, die sich Johnson & Johnson für Ende 2020 gesetzt hatte, schon früher erreicht wurden oder übererfüllt werden. Die CO2-Emissionen etwa konnte bis Ende 2019 um 32 Prozent reduzieren werden, statt wie vorgesehen um 20 Prozent bis Ende 2020. Ein paar Beispiele für die Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit von Johnson & Johnson in Deutschland: Der Konzern bieten seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Dienstfahrräder über JobRad an und hat seinen Campus in Neuss gerade neu und nachhaltig grün gestaltet. „Das gefällt nicht nur unseren beheimateten Campus-Bienen“, sagt Markus Hardenbicker.

„Ein Unternehmen, das sich die Gesundheit auf die Fahnen geschrieben hat, kann sich beim Thema Nachhaltigkeit nicht wegducken.“

Health Relations: Was glauben Sie, wie wird sich die Branche in den nächsten 5 bis 10 Jahren entwickeln?

Markus Hardenbicker: Die Coronakrise hat nochmal verdeutlicht, welche gesellschaftliche Relevanz die Entwicklung und Verfügbarkeit wirksamer und sicherer Arzneimittel und Impfstoffe hat. Unser Kerngeschäft ist also sehr zukunftsfest. Trotzdem sehen wir, dass sich der Markt und die Anforderungen an pharmazeutische Unternehmen verändern. Der Trend geht weg vom reinen Arzneimittelhersteller hin zu einem Mitgestalter des Gesundheitssystems. Es geht darum, das System im Interesse der Patientinnen und Patienten weiterzuentwickeln – gerade auch mit der Aussicht auf das medizinisch zukünftig Mögliche.

Health Relations: Das sind tiefgreifende Veränderungen. Wie stellen Sie Ihr Unternehmen darauf ein?

Markus Hardenbicker: Das tun wir auf mehreren Ebenen. So haben wir in den vergangenen Jahren einen interdisziplinären Diskurs über den neuen medizinischen Ansatz der Disease Interception angestoßen. Hierbei geht es darum, krankmachende Prozesse mithilfe validierter Biomarker frühzeitig zu entdecken und durch eine gezielte medikamentöse Intervention aufzuhalten, zu verzögern oder sogar umzukehren, bevor klinische Symptome entstehen.

Health Relations: Das klingt spannend. Welche Ziele verfolgen Sie damit langfristig?

Markus Hardenbicker: Ziel ist, gewissermaßen eine Zukunft zu schaffen, in der Krankheiten dank präventiv ausgerichteter Diagnostik und Therapie der Vergangenheit angehören. Das bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich, von der Implementierung der Diagnostik über die Zulassung der Therapien bis hin zur Erstattung. Hier bringen wir uns gestaltend ein und treiben den Diskurs, u.a. in diversen Diskussionsformaten und Publikationen, voran.

Health Relations: Gibt es weitere Bereiche, in die Sie sich einbringen?

Markus Hardenbicker: Ein weiterer Bereich, den wir aktiv mitgestalten wollen, ist die Digitalisierung von Medizin und Gesundheitsversorgung. Wir sehen hier enormes Potenzial für Verbesserungen im Sinne der Patientinnen und Patienten und wollen dazu beitragen, dass dieses Potenzial genutzt wird.

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