Wissen wie’s geht: Uni Mainz bringt Digital Natives Digitalkompetenz bei

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Reifenpanne mit Fahrrad
© Thomas_EyeDesign / iStock Photo

Medizinstudenten sind als digitale Konsumenten kompetent. Das qualifiziert sie aber noch nicht für ihre berufliche digitale Tätigkeit. Die Universitätsmedizin Mainz hat ein Lehrkonzept zur Vermittlung digitaler Kompetenzen entwickelt.

Die Digitalisierung stellt neue Herausforderungen an Mediziner. Sie müssen den Umgang mit digitaler Technik beherrschen (Health Relations berichtete). Man sollte meinen, dass Medizinstudenten als Angehörige der Gruppe der Digital Natives damit keine Probleme haben. Dem ist jedoch nicht so.

„Studien haben festgestellt, dass die Digital Natives als Konsumenten sehr versiert sind. Wenn es aber um berufsspezifische digitale Handlungskompetenz geht, sind ihre Fähigkeiten oft nur unzureichend“, sagt Jun.-Prof. Dr. Susanne Michl, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité. Das hat Konsequenzen für deren spätere Tätigkeit im Krankenhaus. Denn hier sind eben diese Kompetenzen gefragt.

Das Studium vermittelt zu wenig digitale Kompetenzen

Im Arbeitsleben müssen Ärzte den Umgang mit der Technik beherrschen. Darüber hinaus müssen sie sie so gut verstehen, dass sie entscheiden können, bis zu welcher Grenze deren Einsatz sinnvoll und zum Wohle des Patienten ist. „Dazu sind digitale und ethische Kompetenzen notwendig, die bisher in der medizinischen Ausbildung nicht ausreichend vermittelt werden“, so PD. Dr. Sebastian Kuhn, Universitätsmedizin Mainz. Lange Zeit wurden im Studium die Vermittlung dieser Lerninhalte vernachlässigt, beklagt der Mediziner.

Kuhn wollte das ändern. Deshalb hat er gemeinsam mit einem interdisziplinären Team bestehend aus Klinikern, Psychologen, Medizindidaktikern, Medizininformatikern, Datenschutzbeauftragten und der Ethikerin Michl an der Universitätsmedizin Mainz ein Lehrkonzept zur Vermittlung digitaler Kompetenzen für angehende Ärzte erarbeitet. Und nun können Studenten der Humanmedizin einen einwöchigen Kurs als Wahlpflichtfach belegen.

 

Digitale Kompetenzen nicht erst im Krankenhaus erwerben

Das Curriculum des Kurses „Medizin im digitalen Zeitalter“ umfasst fünf Module. Darin lernen die Studenten etwas über den Transformationsprozess der Medizin in Bezug auf digitale Kommunikation. Sie erfahren alles über Smart Devices, medizinische Apps, Telemedizin virtuelle und robotische Chirurgie aber auch über individualisierte Medizin und Big Data. Sie müssen sich außerdem mit ethischen Fragen auseinandersetzen. Ginge es nach Michl und Kuhn wären solche Kurse Pflichtfächer im Medizinstudium.

„Es sind digitale und ethische Kompetenzen notwendig, die bisher in der medizinischen Ausbildung nicht ausreichend vermittelt werden.“

Das Medizinstudium braucht ein Kurskonzept, das digitale Kompetenzen systematisch vermittelt“, findet Michl. Sie fährt fort: „Es ist auch wichtig, diese Kurse interdisziplinär zu unterrichten.“ Darum setzte Kuhn nicht nur bei der Konzeptionierung auf Interdisziplinarität, sondern gestaltete auch den Unterricht gemeinsam mit Dozenten aus unterschiedlichen Fachbereichen. „Angesichts der großen Herausforderungen“, so Michl, „können wir Digitalisierung nicht nur aus einem Blickwinkel betrachten. Wir brauchen Perspektivvielfalt, vor allem die Perspektive der Patienten, wenn wir Wissen, Fertigkeiten und Haltung im Umgang mit digitaler Technik vermitteln möchten.“  So vermittelt in dem Kurs u.a ein Datenschutzbeauftragter wichtige Kenntnisse über den Umgang mit digitaler Technik. Diese Kompetenzen sollten Mediziner besitzen, bevor sie ins Arbeitsleben eintreten.

Förderung: „Medizin im digitalen Zeitalter“ wird als curriculares Reformprojekt der Universitätsmedizin Mainz vom Stifterverband im Rahmen des mit der Carl-Zeiss-Stiftung gemeinsam initiierten Programms Curriculum4.0 gefördert.


Jun.-Prof. Dr. Susanne Michl will Medizinstudenten digitale Kompetenzen vermitteln.
Jun.-Prof. Dr. Susanne Michl

Susanne Michl vertritt seit 2017 als Juniorprofessorin die Bereiche Medizinethik und Medical Humanities an der Charité. Sie war vorher wissenschaftliche Mitarbeiterin an den  Instituten für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsklinika in Tübingen, Greifswald und MainzSusanne Michl ist klinische Ethikberaterin und war Mitglied in den Klinischen Ethikkomitees der Universitätsklinika Greifswald , Göttingenund Mainz.

 

PD Dr. med. Sebastian Kuhn will Medizinstudenten digitale Kompetenzen vermitteln.
PD Dr. med. Sebastian Kuhn

PD Dr. med. Sebastian Kuhn, MME, ist Unfallchirurg und Orthopäde, Ausbildungsforscher und Hochschuldidaktiker mit Tätigkeit als Oberarzt am Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Mainz. Die Themen Interprofessionalität, Kompetenzorientierung und Digitalisierung sind zentrale Aspekte seiner Arbeit. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Reform des Medizinischen Staatsexamen“ am IMPP und außerdem Teil der Arbeitsgruppe „Curriculumentwicklung im 21. Jahrhundert“ beim Hochschulforum Digitalisierung.

 

 

 

Freie Journalistin im Gesundheit- und Medizinbereich. Für Health Relations berichtet sie über die Themen Pharma, Dental, Klinik und Recruiting.

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